Schulprojekt der Aids-Hilfe Luzern

"Den werde ich nächstens mal ausprobieren."

Von Romy Mathys / Aids-Hilfe Schweiz

In der Schweiz zeigen Erfahrungen aus zwanzig Jahren Präventionsarbeit auf, wie wichtig es ist, Informationen für Jugendliche altersgemäss aufzubereiten und weiterzugeben. Das Schulprojekt der Aids-Hilfe Luzern ruft bei den Jugendlichen grosses Interesse und Verständnis hervor.

Mit der Gründung der Aids-Hilfe Luzern (AHL) im Jahr 1986 kamen auch die ersten Anfragen von Schulen. Diese erkundigten sich nach Informationen über HIV, die Übertragungswege und den Schutz. 1989 erklärte der Kanton Luzern die Aidsaufklärung im Unterricht der Oberstufe ab 8. Schuljahr als obligatorisch. Gemeinsam mit Fachärzten organisierte die Aids-Hilfe Luzern Fortbildungsnachmittage für Oberstufen-Lehrpersonen des Kantons Luzern und ab 1990 des Kantons Nidwalden. Aufgrund vieler Anfragen von OberstufenlehrerInnen an die Aids-Hilfe begann die Stellenleiterin, gemeinsam mit HIV-positiven Personen interessierte Schulklassen zu besuchen und HIV-Prävention für Jugendliche zu leisten. Aus diesen Reaktionen auf Bedürfnisse nach Information und Aufklärung entwickelte sich in den folgenden Jahren das Schulprojekt der AHL.

Heute bietet die Aids-Hilfe Luzern mit ihrem Schulprojekt zwei Module an, die Lehrpersonen bei ihrem Auftrag, HIV/Aidsaufklärung zu leisten, zusätzlich unterstützen können:

HIV-Prävention für Jugendliche: ein fachlicher Teil von etwa 60 Minuten, dessen Zielsetzung es ist, den Jugendlichen klare Informationen zu vermitteln rund um die Fragen:

  • Was ist HIV/Aids?
  • Welches sind die Übertragungswege?
  • Was sind Safer Sex Regeln?
  • We werden Kondome benutzt?

Begegnung mit einer HIV-positiven Person: ein praktischer Teil, dessen Zielsetzung es ist, durch die Begegnung mit einer HIV-infizierten Person für Jugendliche erfahrbar zu machen, dass HIV/Aids in der Schweiz existiert und was es für betroffene Menschen bedeutet, mit einer HIV-Infektion zu leben.

Eine Schulklasse der Oberstufe kann eines der beiden Module oder beide zusammen als Dienstleistung von der AHL in Anspruch nehmen, wenn die dafür gemäss Lehrplan vorgesehene HIV/Aidsaufklärung von der Lehrperson im Vorfeld geleistet wurde. Für ihre Dienstleistungen verlangt die Aids-Hilfe eine finanzielle Entschädigung, sofern dies für die Schule möglich ist. In der Regel finden Schuleinsätze in den Räumlichkeiten der AHL statt, die dafür einen Gruppenraum eingerichtet hat. Flexibilität war immer ein Merkmal des Schulprojektes, und es kann auch vereinbart werden, dass VertreterInnen der AHL eine Schulklasse in ihrem Schulhaus besuchen.

HIV-Prävention für Jugendliche

Erfahrungen aus zwanzig Jahren Präventionsarbeit zeigen, dass es wichtig ist, Informationen für Jugendliche altersgemäss aufzubereiten und zu präsentieren. Doch was brauchen Jugendliche in diesem Alter?

Sozialpädagogisch geht es um Themen wie die eigene Identität, Kommunikation und Sexualität. Anhand von Piktogrammen werden Situationen aus dem Alltag grafisch dargestellt, die vermeintliche oder tatsächliche Übertragungswege darstellen. Je eine grosse rote, gelbe und grüne Karte mit den Aufschriften „Grosses Ansteckungsrisiko“, „Geringes Ansteckungsrisiko“ und „Kein Ansteckungsrisiko“ werden in der Farbfolge einer Ampel auf den Boden gelegt oder an eine Pinwand geheftet.

Die teilnehmenden Jugendlichen erhalten die Piktogramme und sollen sie dann nacheinander zeigen, die Situation erklären und einer der Gefahrenstufen zuordnen. Bei der Beschreibung können sich Jugendliche von den anderen unterstützen lassen. Die Veranstaltungsleiterin fragt behutsam so lange nach, bis die Situation exakt beschrieben und die Piktogramme zugeordnet sind. Ist die Zuordnung einiger Piktogramme unter den Jugendlichen strittig, werden diese neben eine „Blitzkarte“ (kleine weisse Karte mit aufgezeichnetem schwarzem Blitz) gelegt oder geheftet. Wenn alle Piktogramme beschrieben und zugeordnet sind, erläutert die Veranstaltungsleiterin das jeweilige Ansteckungsrisiko und geht dabei besonders auf die gefährdenden Körperflüssigkeiten ein. Danach werden die Piktogramme neben der „Blitzkarte“ nacheinander durchgegangen und besprochen, wie diese zuzuordnen sind. Wesentlich ist die partizipative didaktische Methode, die ermöglicht, dass die Jugendlichen sich direkt mit dem Thema auseinandersetzen und dazu artikulieren können.

HIV ein Gesicht geben

Die Begegnung einer Schulklasse mit einer HIV-positiven Person wird mit den Lehrpersonen vorher abgesprochen und findet erst dann statt, wenn HIV/Aids zuvor im Unterricht behandelt wurde. Als Vorbereitung auf diese Begegnung formulieren die Jugendlichen ihre Fragen rund um das Thema HIV/Aids. Die Begegnung dauert je nach Klasse und Alter der Jugendlichen 60 bis 90 Minuten. Wenn möglich sitzt dabei die gesamte Schulklasse in einem Kreis gemeinsam mit der Lehrperson und der HIV-positiven „Schulsprecherin“. Diese stellt sich zu Beginn vor und anschliessend stellen die Jugendlichen ihre Fragen.

Es gibt auch nach vielen Jahren keine festen Regeln, wie eine solche Begegnung abläuft. Sie lebt von dem Interesse und der Aufmerksamkeit der Jugendlichen ebenso wie von der Offenheit und Bereitschaft der Schulsprecherin, Fragen zu beantworten. Oft entwickeln sich auch Dialoge, wenn die HIV-positive Person etwas zurückfragt oder nachfragt zum Wissenstand der Jugendlichen über HIV/Aids. Je älter die Jugendlichen sind, desto intensiver kann die Begegnung werden. Während Jugendliche von 14 und 15 Jahren sich noch etwas schüchtern verhalten, sind 16jährige bereits mutiger und wagen auch zu sexuellen Themen Fragen zu stellen. Besonders spannend für die SchulsprecherInnen ist die Arbeit mit Jugendlichen von 16 bis 19 Jahren.

Als Grundsatz gilt, dass es keine „dummen“ Fragen gibt und die Jugendlichen ermutigt werden, alle Fragen zu stellen, die sie zum Thema HIV beschäftigen. Die Begegnungen sind durch die Anwesenheit der Lehrpersonen geprägt von gegenseitigem Respekt. Es steht der HIV-positiven Person offen, eine Frage, die ihr zu persönlich erscheint, nicht zu beantworten. SchulsprecherInnen werden gemäss einem transparenten Schlüssel für ihre Schuleinsätze von der AHL finanziell entschädigt.

Bevor eine HIV-positive Person Schulsprecher oder Schulsprecherin werden kann, ist es wichtig, folgende Fragen abzuklären: Wie steht die Person zu ihrem Coming-out? Wie offen geht sie in ihrem persönlichen Umfeld (Familie, Arbeit, Bekanntenkreis) mit ihrer HIV-Infektion um? Welches ist die Motivation dieser Person, Jugendlichen zu begegnen und mit ihnen über HIV zu sprechen? Wie steht es um die physische und psychische Gesundheit dieser Person? Wie steht diese HIV-positive Person zu den Safer Sex Regeln, und ist sie mit den HIV-Präventionsbotschaften der Aids-Hilfe einverstanden?

Damit sich HIV-positive SchulsprecherInnen austauschen und mit der AHL koordinieren können, finden regelmässige Sitzungen des Schulprojektes statt. Die AHL ist verantwortlich für die Koordination zwischen Lehrpersonen und SchulsprecherInnen.

„Du hast mir gezeigt, was es heisst, das Leben zu lieben“

Hier einige Rückmeldungen von 14 bis 16jährigen Jugendlichen an SchulsprecherInnen im unredigierten Orignialtext:

„Für mich war dieses Gespräch sehr lehrreich und ich werde mich gegenüber HIV-Positiven normal verhalten. Ich werde sicher im SAVER-SEX haben ...“

„Ich habe es sehr eindrücklich gefunden, wie sie gehandelt haben, als sie erfuhren, dass sie HIV+ sind. So kann ich in ferner Zukunft HIV-Positive besser verstehen und meine Vorurteile einschränken.“

„Ich fand es sehr gut, wie sie offen über alles sprechen konnten. Man kann ihnen überhaupt nichts ansehen, da sie körperlich gesund und jung aussehen sowie auch psychisch. ... Sie gaben viele Informationen über Aids (HIV-positiv) und auch Mut. ... Es ist sehr eindrücklich, wenn man direkt einen infizierten Menschen vor sich hat, weder ein Lehrer oder sonst jemanden der eigentlich keine Ahnung hat (theoretisch ja – praktisch nein). Man konnte viele Fragen stellen welche zum teil sehr intim waren.“

„Durch sie weiss ich jetzt sehr viel mehr über das Aids-Problem. Sie hat auch praktische Erfahrung geliefert (z.B. Kondome), die im späteren Leben wahrscheinlich nützlich sein werden. Ich weiss jetzt auch, dass HIV-positive trotz ihrer Krankheit ein normales Leben führen können und dass man nicht einfach aufgeben soll, wenn es einem mal schlecht geht... Im grossen und ganzen habe ich viel über HIV und Aids gelernt.“

„Toll wie offen sie über ihre Krankheit gesprochen haben. Durch ihre Informationen und die Fragenstellungen meinerseits und andererseits weiss ich nun sehr gut Bescheid über diese Krankheit. Uns wurden die Gefahren und Vorsichtsmassnahmen bei Aids noch mal gut ‚eingeprägt’. Gut fand ich auch, dass sie das mit dem Kondom gezeigt haben – viele wissen das vielleicht gar nicht!?“

„Ihr Besuch hat mir sehr viel gelehrt. Ich hab Neuigkeiten über die Krankheit und wenn man die Virus hat wo und bei wem sich melden kann.“

„Wir oder zumindest ich hatte noch nie eine HIV-infizierte gesehen. Das Thema interessierte mich schon immer, ihre Auskünfte waren für mich neu. Ich hatte noch nie Sex aber beim Ersten mal werde ich sicher ein Kondom benützen. Ich danke ihnen für das Kondom den werde ich nächstens mal ausprobieren.“

„Trotz der Theorie über Aids im Biologieunterricht fühlte ich mich erst nach unserem Gespräch richtig aufgeklärt!“

„Ich möchte dir danken für den interessanten und hilfreichen Nachmittag. Wir haben viel erfahren dürfen wie es ist, mit einem HI-Virus zu leben und wie man es verhindern kann, infiziert zu werden.“

„Ich erfuhr viele Sachen, die ich vorher nicht wusste. Es war wohl einer der besten Bio-Lektionen, die wir je hatten!“

„So habe ich viele Sachen erfahren vor allem vom Leben mit Aids. So ist mir auch viel bewusster geworden, was das heisst, mit Aids zu leben. Sonst liest man ja solche Sachen nur in Büchern und es ist viel besser, wenn man es grad von einer solchen Person erfährt.“

„... und du hast mir gezeigt, was es heisst, das Leben und die eigene Gesundheit zu lieben und zu schützen.“

„Mir hat es auch geholfen, dass ich vielleicht besser reagieren kann, falls sich jemand in meinem Umfeld infizieren würde!“

„Mir ging es sehr viel näher als wenn ich eine Werbung oder Plakat am Strassenrand sehe.“

*Romy Mathys, HIV-positive Aktivistin, gibt seit 1996 in Zusammenarbeit mit der AHL HIV/Aids ein Gesicht. Sie ist Mitglied der Steuergruppe von aidsfocus.ch und zur Zeit in der Ausbildung zur Soziokulturellen Animatorin an der HSA Luzern. Kontakt: romy.mathys@hispeed.ch. Massgeblich am Aufbau des Schulprojektes in Luzern beteiligt waren Anita Schmidlin, ehemalige Leiterin AHL, und Heidi Rast, soziokulturelle Animatorin, welche bei der AHL den fachlichen HIV-Präventionsteil für Jugendliche mit gestalterischen und sexualpädagischen Mitteln aufgebaut hat. Seit Frühling 2006 ist neu Andrea Banz bei der AHL für das Schulprojekt verantwortlich. Kontaktadressen zum Schulprojekt der Aids-Hilfe Schweiz: www.aids.ch/d/information/schule.php. Auf der Informationsplattform www.amorix.ch finden sich weitere Informationen und Materialien zu Sexualpädagogik einschliesslich der HIV-Prävention und Angaben zu sexualpädagogischen Projekten für den Schulbereich