Bericht zur aidsfocus-Tagung vom 21. April 2006

Jugendliche ins Zentrum rücken

Von Dominique Schärer & Viera Malach

Das Recht von Jugendlichen auf Zugang zu Information und HIV-Prävention ist ein grundlegendes Menschenrecht: Darin sind sich die 30 Organisationen der Schweizer Fachplattform aidsfocus.ch einig.

An ihrer Fachtagung vom 21. April in Bern bekräftigten so unterschiedliche Hilfswerke wie das Schweizerische Rote Kreuz, die Bethlehem Mission Immensee oder Terre des hommes, dass sie sich verstärkt für umfassende Beratung, Behandlung und Pflege von Jugendlichen einsetzen wollen. Gemeinsam mit von HIV/Aids Betroffenen gelte es, gegen Diskriminierung und Stigmatisierung ankämpfen. Hierzu formulierten die Organisationen eine gemeinsame, von den Menschenrechten ausgehende Position. Darin ist explizit das Recht auf Kondome, Testmöglichkeiten, saubere Spritzen und antiretrovirale Medikamente festgehalten.

Die Hälfte aller neu infizierten Menschen weltweit ist zwischen 15 und 24 Jahre jung. Während in der Schweiz Aufklärung und Zugang zu Kondomen heute eine Selbstverständlichkeit ist, sind Jugendliche in Entwicklungsländern bei der Aufklärung und Verhütung von sexuell übertragbaren Krankheiten mit etlichen Schwierigkeiten konfrontiert, stellten die rund 50 Fachleute fest. Mit welchen Strategien sie abgeholt und unterstützt werden müssen, damit sie angesichts der HIV-Epidemie verantwortungsvoll handeln können, waren zentrale Fragen der Tagung.

Mit Kondomen spielen

Die Botschaft der Abstinenz wirke bei Jugendlichen oft kontraproduktiv, bilanzierte die Schweizer-Peruanerin Marie-Françoise Sprungli in einem der Workshops. Sie leistet mit der Organisation Kallpa sozio-kulturelle Präventionsarbeit und kritisierte, dass insbesondere kirchliche Organisationen beim ABC der Prävention („abstinence“, „be faithful“, „condoms“) das „C“ vernachlässigen. Kallpa, Partnerin der Fédération Genevoise de Cooperation, setzt ihrerseits mehr auf Information und Kondome. „Es ist erwiesen, dass Sexualkunde an Schulen die ersten sexuellen Erfahrungen von Jugendlichen hinausschieben kann“, hielt Sprungli fest.

Kallpa bildet Lehrpersonen und Vertreter von Jugendorganisationen für sozio-kulturelle Animationen zum Thema HIV/Aids aus. Sie führt in städtischen Gebieten Informationskampagnen aus, etwa mit einem als Wanderausstellung konzipierten Zug oder in einem als Diskothek aufbereiteten Zelt, wo Jugendliche Rollenspiele und die Handhabung von Präservativen üben können. Ein wichtiges Element der Arbeit von Kallpa bildet schliesslich die Ausbildung der Jugendlichen selbst, die mit Strassentheater über sexuelle Gesundheit informieren und so als MultiplikatorInnen wirken.

AkteurInnen statt EmpfängerInnen

“Die Partizipation von Jugendlichen ist zentral“, lautete eine Bilanz der Tagung. Jugendliche dürften nicht nur EmpfängerInnen von Präventionsarbeit sein, sondern müssten als AkteurInnen einbezogen werden, die selbst über ihr Leben bestimmen. „Jugendliche Vorbilder sind häufig die am besten akzeptierte Quelle für Informationen über Sexualität“, sagte der Konsulent Alfred Merkle. Der Sexualunterricht an Schulen und Gesundheitsdienste seien oft zu wenig auf Jugendliche und zu medizinisch ausgerichtet. Er empfahl, Jugendliche nicht mit fertigen Rezepten und standardisierten Informationen anzugehen, sondern sie im Gegenteil dazu ermutigen, ihre Fragen selbst zu definieren. Innovative Ansätze hierzu etwa seien Jugendcafés, anonyme Telefon-Hotlines (Beispiele Philippinen) oder Theater.

Dass es innovative Projekte aber auch schwer haben können, zeigte der junge Simbabwer Farai Mahaso. Er startete erfolgreiche Anti-Aids-Clubs an der Universität und an Schulen, wo Filmvorführungen und Podiumsdiskussionen stattfanden und wo Jugendliche offen über Sexualität und HIV-Prävention reden konnten. Diese wurden aber von den religiösen Schulleitungen blockiert. „Wir stimmten nicht mit ihrer Politik überein, die Abstinenz und eheliche Treue als alleinige HIV-Präventionsmethode propagiert“, erläuterte Mahaso. Dank der Unterstützung der Hilfswerke HEKS, Bethlehem Mission Immensee und dem Fonds für Entwicklung und Partnerschaft in Afrika (FEPA) kann Mahaso nun mit der Selbsthilfeorganisation Batanai in der Provinz Masvingo ein unabhängiges Projekt aufbauen. „Jugendliche sind ein Fenster der Hoffnung“, betonte Mahaso. Dieses Fenster gelte es zu öffnen: Jugendliche und insbesondere Mädchen müssten sich ihrer Rechte bewusst werden und an gesellschaftlichen Prozessen besser beteiligt werden.

Klarere Position der Kirche gefordert

Um die Rolle der Kirchen bei der Bekämpfung von HIV/Aids ging es im Workshop mit der südafrikanischen Lehrerin Edna Engelbrecht, die bei mission 21 arbeitet. “Werden Jugendliche gefragt, was sie von der Kirche erwarten, so sagen sie: Dass sie ehrlich ist und uns herausfordert“, berichtete Engelbrecht. Sie forderte die südafrikanischen Kirchen auf, klarer Position zu beziehen und eine so mutige Rolle zu übernehmen wie während der Apartheid-Zeit. Zwar gebe es viele gute Basis-Initiativen – so etwa katholische Nonnen, die Präservative verteilen – doch die Stimmen der kirchlichen Führer seien zu wenig vernehmbar. Die Teilnehmenden am Workshop stellen die Arbeitsteilung zwischen weltlichen und kirchlichen Institutionen in Frage: Während weltliche Organisationen im Bereich Prävention auf der pragmatischen-medizinischen Ebene tätig sind, kümmert sich die Kirche um Sozialarbeit und Wertefragen.

“Es braucht in jedem Land eine nationale Politik, die Programme nicht nur gegen HIV/Aids, sondern für die gesamte reproduktive und sexuelle Gesundheit definiert“, sagte Alfred Merkle mit Blick auf die UNO-Bevölkerungskonferenz in Kairo 1994. Dort verpflichtete sich die Staatengemeinschaft dazu, reproduktive und sexuelle Rechte wie Zugang zu Gesundheitsdiensten, zu Information über Sexualität und Verhütung zu gewährleisten. Auch das UNO-Komitee für die Rechte des Kindes und die UNO-Richtlinien zu HIV/Aids und Menschenrechten halten fest, dass Jugendliche das Recht auf Information haben und dass Staaten den Zugang zu Prävention und Behandlung garantieren müssen.

Harmonisierung nötig

Die Aktivitäten von Gesundheits-, Frauen- oder Jugendorganisationen müssten in nationalen Programmen koordiniert werden, forderte Merkle. Ausländische Hilfswerke und Nichtregierungsorganisationen sollten denn auch Institutionen unterstützen, die sich um Koordination bemühten, statt isolierte Projekte zu starten. Nützlich sei die Zusammenarbeit auf dezentraler Ebene, etwa mit lokalen Basisgesundheitszentren. Nichtregierungsorganisationen könnten gerade in Nischen wichtige Rollen übernehmen, etwa bei besonders verletzlichen Gruppen wie Sexarbeiterinnen, Drogenabhängigen oder Homosexuellen, betonte Sandra Bernasconi von der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (DEZA). Dies sei umso wichtiger, wenn Staaten solche Realitäten negierten und tatenlos blieben.

Gleichberechtigung und Armutsbekämpfung

Einig waren sich die an der Tagung vertretenen Organisationen schliesslich darüber, dass es für eine effiziente Bekämpfung von HIV/Aids weit mehr als Prävention und Behandlung braucht: Gleichberechtigung der Geschlechter und Armutsbekämpfung. „Ohne Empowerment von Mädchen und Frauen, ohne ökonomische Ressourcen und Bildung wird die Prävention von HIV/Aids unmöglich“, hielt Marie-Françoise Sprungli fest.

Die Tagung von aidsfocus.ch wurde finanziell unterstützt von der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (Deza) und vom Bundesamt für Gesundheit (BAG). Musikalische Begleitung erhielt sie von dem in der Schweiz lebenden Liedermacher Momo O’Maïs aus Senegal, der auch schon mit internationalen Institutionen wie dem UNO-Kinderhilfswerk Unicef zusammengearbeitet hat. „In Senegal haben die Leute keine Zeit zum Lesen“, sagte O’Maïs zu seinen Liedern gegen HIV/Aids. „Es ist einfacher, die Menschen mit Musik zu sensibilisieren.

*Die beiden Autorinnen arbeiten als Journalistinnen bei InfoSüd, der auf auf Entwicklungspolitik und internationale Zusammenarbeit spezialisierten „Nachrichtenagentur mit Weitsicht“. Kontakt: redaktion@infosued.ch. Tagungsdokumentation: www.aidsfocus.ch.