Editorial

Von Otto D. Schoch

Wie kaum eine andere Krankheit begleitet die Tuberkulose (TB) die Menschheit seit Jahrhunderten. Bis zurück zu ägyptischen Mumien können typische Krankheitsformen und Rückstände des TB-Erregers Mycobacterium tuberculosis (M.tb) nachgewiesen werden. Das menschliche Abwehrsystem hat sich mit der Zeit auf die Krankheitserreger eingestellt. So gelingt es unter normalen Bedingungen der körpereigenen Immunabwehr bei über 90% der erwachsenen Menschen, die Keime in den Lungen in eine Art Dämmerzustand zu versetzen und ein Fortschreiten der Krankheit zu verhindern. In Lungen und Lymphknoten 'schlafen' die Mykobakterien meist während Jahren. Sobald das Abwehrsystem aber eine Schwäche zeigt, zum Beispiel als Folge von Unterernährung, Armut, Krieg, Flüchtlingselend, Gefängnis, hohem Alter, Zucker- oder Krebskrankheit, beginnen die Bazillen sich wieder zu vermehren. Dann entsteht die aktive und ansteckende Form der TB. Über das Aushusten von Krankheitserregern in Schwebepartikeln werden wieder Menschen angesteckt – der TB-Kreislauf schliesst sich.

Diese Zusammenhänge sind seit der Entdeckung der säurefesten Stäbchen durch Robert Koch, also seit über 100 Jahren bekannt. Mehrere Generationen von Ärzten, Epidemiologen und Sozialhelfern haben seither gegen die TB gekämpft. Seit den 60er Jahren ist zudem eine verhältnismässig einfache medikamentöse Heilung möglich. Durch die Behandlung möglichst vieler Patienten mit ansteckender, offener Lungen-TB kann das Infektionsrisiko in der Bevölkerung rasch gesenkt werden. Neugeborene, Kinder und Jugendliche werden nicht mehr angesteckt und sind somit dem Risiko der Erkrankung nicht ausgesetzt. Die Behandlung der TB, die heute in Entwicklungsländern für 10 bis 15 US-Dollar zu haben ist, hat sich in ökonomischen Analysen als eine der kosteneffektivsten Interventionen im Gesundheitswesen überhaupt bestätigt. Erfolge der TB-Kontrolle in westlichen Industrienationen sind eindrücklich: In der Schweiz hat das Infektionsrisiko in den letzten 100 Jahren von 10% pro Jahr auf unter 0.1% abgenommen, die jährlichen Todesfälle sind von 300 pro 100'000 Einwohner im Jahre 1900 auf weniger als 0,1 zurückgegangen.

Dennoch ist die TB heute die Infektionskrankheit, die weltweit am meisten Todesopfer fordert. Laut WHO ist ein Drittel der Menschheit mit M.tb infiziert, jährlich erkranken 8 Millionen Menschen, und 2 Millionen Menschen sterben Jahr für Jahr an TB. Schlimmer noch, vielerorts nehmen TB-Erkrankungen und Todesfälle weiter zu, vor allem in Ländern mit hoher HIV-Durchseuchung, in Kriegs- und Krisenregionen oder als Folge von ökonomischen Problemen, so zum Beispiel in vielen Ländern Osteuropas. Die multiresistente Form der Tuberkulose MDR-TB, die mit den üblichen Medikamenten nicht mehr geheilt werden kann, ist Folge einer bezüglich Medikamentenkombination und Therapiedauer ungenügenden Behandlung und bedeutet klinisch und bezüglich Kostenfolgen eine grosse Herausforderung.

Mit den fünf Komponenten der DOTS-Strategie (siehe Beitrag der WHO in diesem Bulletin) – Übernahme der Verantwortung durch die Regierung, Sputum-Mikroskopie zur Definition der ansteckenden TB- Fälle, Behandlung mit 6 bis 8 Monaten direkt überwachter Tabletteneinnahme, ununterbrochene Lieferung der Medikamente, standardisiertes Berichts- und Kontrollwesen – haben die Weltgesundheitsorganisation WHO sowie die Internationale Union gegen Tuberkulose und Lungenkrankheiten IUATLD in den letzten zehn Jahren eine wirksame Antwort auf die Krise aufgezeigt. Gemeinsam wird dieses Konzept nun zunehmend besser umgesetzt. Damit wird ein wichtiger Grundstein gelegt; eine Kontrolle der TB gelingt aber letztendlich nur, wenn auch HIV-Epidemie, Unterernährung, Armut und Krieg erfolgreich bekämpft werden können!

*Otto D. Schoch, Facharzt Pneumologie FMH am Kantonsspital St. Gallen