Klimawandel und die Weltkonferenz für Gesundheitsförderung 2010 in Genf

Geforderte Akteure der Gesundheitsförderung

Von Thomas Mattig

Das einzig Beständige ist der Wandel – ein Diktum, das für das Klima besonders zutrifft. Oftmals Auslöser und praktisch immer Direktbetroffener des Klimawandels ist der Mensch, dessen Gesundheit und Wohlbefinden sowohl in Industrie- als auch in Entwicklungsländern durch diese Entwicklung immer stärker beeinträchtigt werden. Damit stellen sich für die Gesundheitsförderungsorganisationen weltweit neue Fragen und Herausforderungen. Wie sie damit umgehen sollen, wird eines der Themen der 20. Weltkonferenz für Gesundheitsförderung 2010 in Genf sein.

Kaum jemand bestreitet heute noch, dass auf der Erde eine tiefgreifende klimatische Veränderung im Gange ist. Schmelzende Gletscher, Hitzewellen und ungewöhnlich heftige Stürme sind unübersehbare Anzeichen des weltweiten Klimawandels, der alle Lebensbereiche tangiert.

Damit einher gehen auch gravierende Auswirkungen auf die Gesundheit weiter Bevölkerungsschichten. Im Hitzesommer 2003 starben allein in Westeuropa schätzungsweise 55 000 Menschen an den Auswirkungen der hohen Temperaturen. Leidtragende solcher Extremverhältnisse sind vor allem Alte, Kranke und Kinder; jene Menschen, die sich nur schlecht an die Veränderungen anpassen können.

Noch unabsehbar sind die indirekten Folgen der Klimaerwärmung: Ausbreitung von Infektionskrankheiten, vermehrtes Auftreten von Allergien durch länger andauernden Pollenflug, Missernten als Folge von Dürre und Überschwemmungen. Die Liste der negativen Begleiterscheinungen des Klimawandels, die Auswirkungen auf die Gesundheit der Menschen haben, lässt sich beliebig verlängern.

Erweiterte Definition von Gesundheit erforderlich

Nach der Definition der WHO ist Gesundheit "ein Zustand vollkommenen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlbefindens und nicht nur die Abwesenheit einer Krankheit oder eines Gebrechens". Diese Definition stammt aus dem Jahre 1946, als noch niemand von Umweltproblemen sprach. Angesichts des Klimawandels muss sie erweitert werden. Denn das menschliche Wohlbefinden ist unmittelbar abhängig von den natürlichen Systemen der Erde und ihrer Stabilität. Gesundheitsfragen sind immer mehr auch Umweltfragen und umgekehrt.

In ihrer Verfassung hält die WHO weiter fest, dass die Gesundheit aller Völker auch von grundlegender Bedeutung für Frieden und Sicherheit ist. Der Klimawandel schafft ungleiche Risiken für Nord und Süd und Arm und Reich beziehungsweise verstärkt er das bereits bestehende Gefälle. Wer arm ist, lebt häufiger in einer Umwelt, die krank machen kann. Dass ein solches Ungleichgewicht politischen Zündstoff birgt, liegt auf der Hand. Dementsprechend ist Gesundheitsförderung mehr als nur medizinische Betreuung oder die Kontrolle von Krankheiten. Sie hat anerkanntermassen auch eine eminente politische Konnotation.

Wenn man von Gesundheit redet, kommt man also nicht umhin, über die stark divergierenden Lebensbedingungen rund um die Welt zu sprechen. In der Klimafrage wird das besonders deutlich: Während sich die wohlhabenden europäischen Länder mit ihren (noch) intakten Gesundheitssystemen gegen die Folgen des Klimawandels wappnen, haben Entwicklungsländer nur wenig Spielraum, um auf die Veränderungen zu reagieren. Wo zum Beispiel das Wasser bereits jetzt knapp ist, haben Hitzewellen weit katastrophalere Folgen als bei uns.

Eindrücklich zeigt sich dies beim Tabuthema der sanitären Grundversorgung. 40 Prozent der Weltbevölkerung haben gemäss Angaben der UNO keinen Zugang zu adäquaten sanitären Einrichtungen, mit der Folge, dass die Befriedigung dieses ureigensten Bedürfnisses für sie gravierende gesundheitliche oder gar tödliche Risiken mit sich bringt. Jährlich sterben 1,8 Millionen Kinder an Durchfall und erliegen 1,3 Millionen Menschen Malariaerkrankungen, weil sie verseuchtes Wasser trinken müssen oder weil stehende Abwässer ideale Brutstätten für Vektorträger wie die Anophelesmücke sind.

Umfassende Gesundheitsförderung hat eine globale Dimension

Eine integrale Gesundheitsförderung kann sich nicht auf Fitness und Wellness beschränken. Sie muss sich aufgrund des Klimawandels auch eine umweltpolitische Aufgabe stellen. Ebenso darf sie soziale, kulturelle, wirtschaftliche und politische Gegebenheiten nicht neglieren, sondern hat für die damit verbundenen Fragestellungen Antworten aufzuzeigen.

Das Thema Gesundheit betrifft uns zunächst als Individuen. Zugleich aber ist Gesundheit aus den erwähnten Gründen ein Thema von globalen Ausmassen. Dabei rückt der Lebensstil in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit. Der Zusammenhang zwischen einem konsumorientierten, energieintensiven Lebensstil und der Umweltproblematik ist heute Allgemeinwissen. Es fehlt nicht an Möglichkeiten, im Alltag ein umweltschonendes Verhalten zu pflegen. Allein, es hapert bei der Umsetzung.

Die individuellen und politischen Widerstände gegen einen nachhaltigen Lebensstil sind enorm. Für diese Diskrepanz zwischen Wissen und Verhalten wurde der Begriff "Verhaltenslücke" geprägt. Überall, wo sich Verhaltenslücken zeigen, kann die Gesundheitsförderung tätig werden. Sie soll dazu beitragen, dass möglichst viele Menschen Verantwortung übernehmen für ihr eigenes Wohlergehen, für das Wohlergehen der Gesellschaft und das Wohlergehen der Umwelt. Es gilt, Gesundheit in ihrer ethischen Dimension zu begreifen. Im Hinblick auf die Evolution von Wissenschaft und Technik wäre etwa mit Nachdruck zu fragen: ist eine Entwicklung gesund - für das Individuum, für die Gesellschaft, für die Natur und für andere Menschen, die zwar Tausende von Kilometern entfernt leben mögen, aber dennoch direkt oder indirekt betroffen sind?

Veränderungen der Verhältnisse müssen auf politischer Ebene ausgelöst werden. Gerade da sind deutliche Verhaltenslücken auszumachen: So stellt etwa der Fortschrittsbericht zur Strategie für Nachhaltige Entwicklung der EU-Kommission fest, dass durchschlagende Massnahmen nötig seien, um die negativen Trends in Bezug auf Nachhaltigkeit umzukehren. Ohne politische Mehrheiten kann aber der demokratische Staat keine Ordnungspolitik für eine nachhaltige Politik durchsetzen. Vor diesem Hintergrund spielen freiwillige Initiativen aus der Zivilgesellschaft und dem Privatsektor eine wichtige Rolle. Sie können Veränderungsprozesse anstossen, die sich auf allen gesellschaftlichen Ebenen auswirken.

Weltkonferenz als Chance

Angesichts der bestehenden und neuen Herausforderungen sind die Akteure der Gesundheitsförderung folglich besonders gefordert. Erfahrungsaustausch und Wissenstransfer sowie interdisziplinäre und sektorübergreifende Zusammenarbeit sind dabei wichtiger denn je.

Genau diesen Ansatz verfolgt die 20. IUHPE-Weltkonferenz der Gesundheitsförderung vom 11.–15. Juli 2010 in Genf unter dem Thema Gesundheit, Chancengleichheit und Nachhaltige Entwicklung. Wir diskutieren die Auswirkungen des sozialen und kulturellen Wandels, des wirtschaftlichen Umbruchs und der klimatischen Veränderungen auf die Gesundheit und stellen die Frage, wie diese dank dem Zusammenspiel von Gesundheitsförderung und nachhaltiger Entwicklung für alle verbessert werden kann. Damit gesunde Menschen in gesunden Gesellschaften auf einem gesunden Planeten leben können.

Der Blick dieser Konferenz geht damit über den sprichwörtlichen Tellerrand der Gesundheitsförderung hinaus. Die Konferenz ist als eine Plattform gedacht, um neue, starke Allianzen zu schmieden und Partnerschaften zu vereinbaren. Diese sind unabdingbar, um die die individuellen und politischen Widerstände gegen einen nachhaltigen Lebensstil zu überwinden.

Ausgehend vom aktuellen Wissensstand, der präsentiert und erörtert wird, werden vor dem Hintergrund der Dimensionen Nord/Süd, Ost/West und Reich/Arm verschiedene Querschnittsthemen aufgenommen und vertieft, so die Gesundheit der Bevölkerungen, die Chancengleichheit und die Ethik. Auf der Lösungsseite wird es darum gehen, wie partizipative Governance, Capacity Building oder Public/Private Partnership vernünftige Politiken und Praktiken fördern, welche die Gesundheit der Menschen, der Gesellschaften und der Welt als Ganzes positiv beeinflussen. Weiter werden Best Practices in der Gesundheitsförderung mit Fokus auf der Nachhaltigkeit vorgestellt, aber auch auf ihre Wirkung hinterfragt.

Die Konferenz in der UN-Stadt Genf steckt das Feld der Themen bewusst weit.

Renommierte ReferentInnen wie Mirai Chatterjee von der Self-Employed Women’s Association in Indien, Molly Melching von der NGO «Tostan in Senegal, Prof. David Satterthwaite vom International Institute for Environment and Development in Grossbritannien oder Maria Lourdes Fernando, die Bürgermeisterin von Marikina City auf den Philippinen, werden über ihre neusten Erkenntnisse in verschiedenen Bereichen berichten. Dazu gehören unverzichtbare Politiken und Strategien der Gesundheitsförderung, damit der öffentliche und der private Sektor soziale, kulturelle und wirtschaftliche Herausforderungen bestehen kann, welche die Gesundheit tangieren. Ebenfalls thematisiert wird die Gesundheit der Bevölkerung global und lokal aus der Sicht von Gesundheitsförderung und nachhaltiger Entwicklung. Erörtert wird auch, wie innovative Perspektiven in Bezug auf räumliche und städtische Entwicklung sowie Governance als Stützen für die Gesundheit der Menschen eingesetzt werden können.

Die Globalen Arbeitsgruppen der IUHPE sowie weitere wichtige Akteure organisieren 20 Sub-Sessions zu zahlreichen Themen. Dazu gehören unter anderem die sozialen Determinanten der Gesundheit, der Rolle von Verträglichkeitsprüfungen bei der Gesundheitsförderung oder salutogenetische Wege zur Gesundheitsförderung.

Um Veränderungen auslösen und nachhaltig durchsetzen zu können, bedarf es auch der Entwicklung von Kapazitäten. In Symposien, Workshops, mündlichen Präsentationen und Poster-Sessions kommen VertreterInnen aus Forschung und Praxis, EntscheidungsträgerInnen und Studierende aus einschlägigen Fachrichtungen, Institutionen und Fachorganisationen zu Wort.

Gesundheitsförderung als Impulsgeber

Verhaltenslücken beseitigen, anstehende Probleme und neue Herausforderungen unseres Planeten, wie sie eben die Folgen des Klimawandels auf die Gesundheit darstellen, mithilfe eines interdisziplinären Vorgehens lösen, einem nachhaltigen Lebensstil auf der Ebene des Einzelnen und der Gesellschaft zum Durchbruch verhelfen: Bei all diesen Fragen kommt der Gesundheitsförderung eine Rolle als Impulsgeber zu. Sie muss uns dazu befähigen, als mündige, aufgeklärte und verantwortungsbewusste Menschen zu wirken, die ihre individuelle mit der globalen Verantwortung verknüpfen und so mithelfen, an einer gesunden Zukunft zu bauen.

*Thomas Mattig ist Direktor der Gesundheitsförderung Schweiz. Kontakt: thomas.mattig@promotionsante.ch


Weltkonferenz der Gesundheitsförderung, 11.-15. Juli 2010, Genf

Gesundheit, Chancengleichheit und nachhaltige Entwicklung

Vom 11.-15. Juli 2010 richtet die Schweiz unter dem Titel „Gesundheit, Chancengleichheit und nachhaltige Entwicklung“ erstmals eine Weltkonferenz zum Thema Gesundheitsförderung aus. Die Internationale Union der Gesundheitsförderungsorganisationen sowie die Gesundheitsförderung Schweiz als Gastgeber erwarten über zweitausend Fachleute und EntscheidungsträgerInnen aus der ganzen Welt, die in den Bereichen Gesundheitsförderung, öffentliches Gesundheitswesen und nachhaltige Entwicklung tätig sind.

Zur Förderung der Zusammenarbeit, des Dialogs und des Austauschs sind vor, während und nach der Konferenz diverse Nebenveranstaltungen geplant. Unter dem Motto «Take a Walk on the Wild Side» kommen kreative und interaktive Lernmethoden zum Zuge, beispielsweise «Open Space» und moderierte Präsentationen von elektronischen Postern, um den Teilnehmenden einzigartige, anregende Lernerfahrungen zu bieten und ihnen zu helfen, sich für andere Fachgebiete und Netzwerke zu öffnen. Ergänzend dazu ermöglichen wissenschaftliche und gesellschaftliche Anlässe den Teilnehmenden ein optimales Networking.

Call for Abstracts

Abstracts (für Symposien, Workshops, mündliche Präsentationen und innovative Session-Formate) können seit dem 31. August 2009 eingesandt werden. Die Abstracts sollen Kernfragen der Gesundheitsförderung und die entscheidenden Wirkungszusammenhänge zwischen Gesundheit und Umweltveränderungen behandeln. Die Vergabe der verfügbaren Stipendien ist inhaltlich und zeitlich eng an das Auswahlverfahren für Abstracts geknüpft, das bis Februar 2010 abgewickelt wird.

Die Konferenz findet im Centre International de Conférences Genève statt. Für Teilnehmende wurden in Hotels verschiedener Kategorien grosse Zimmerkontingente zu vergünstigten Preisen reserviert. Von allen Hotels aus gelangt man mit dem öffentlichen Verkehr leicht ins Kongresszentrum (Benützung für Konferenzteilnehmende kostenlos).

Regelmässig aktualisierte Informationen zu Themen, Referenten und Veranstaltungen sind auf der offiziellen Website http://www.iuhpeconference.net/ verfügbar, wo Interessenten sich auch für die Zusendung des elektronischen Konferenz-Newsletter anmelden können.

Kontakt
Gesundheitsförderung Schweiz
Postfach 311
Dufourstrasse 30
CH-3000 Bern 6
Telefon +41 (0)31 350 04 04
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