Bericht der Lancet Commission

Klimawandel verschärft die bestehenden Strukturprobleme

Von Martin Leschhorn Strebel / Medicus Mundi Schweiz

Die Lancet Commission publizierte im vergangenen Mai einen Bericht über die Folgen des Klimawandels auf die gesundheitliche Situation weltweit. Die anstehenden Probleme sind in der Tat gewaltig – doch sind sie wirklich neu?

Laut dem Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC) wird die Erderwärmung bis ins Jahr 2100 irgendwo zwischen 1,8° und 4,0° Celsius liegen. Im Schnitt wird der Meeresspiegel global um durchschnittlich 18 bis 50 cm ansteigen. Beeindruckende und konkrete Zahlen – welche Folgen sie jedoch für das Leben auf der Erde haben, ist ausser dem Bild verschwindender Inseln und überschwemmter Küstenstreifen hochgradig abstrakt. Und ebenso schwierig sind die gesundheitlichen Folgen zu fassen.

Es ist deshalb sehr zu begrüssen, dass die medizinische Fachzeitschrift zusammen mit dem Institut für Global Health der University College London einen ausführlichen Bericht verfasst hat, um die Folgen der Erderwärmung auf die globale Gesundheit zu erfassen und zu eruieren, wie damit umgegangen werden könnte. Im Folgenden sollen die wichtigsten Ergebnisse der sogenannten Lancet Commission zusammengefasst werden. Im Weiteren werde ich versuchen einzuschätzen, wie sich der Klimawandel als Problemstellung auf die Debatten in der internationalen Gesundheitszusammenarbeit auswirken könnte.

Klimawandel als dringendes Problem

Die Lancet Commission hält fest, dass der Klimawandel nicht einfach ein Umwelt- sondern in hohem Mass ein gesundheitliches Thema ist. (S. 1697). In den letzten Jahrzehnten sei das Problem immer dringlicher geworden und zähle heute zusammen mit der Armut, der ungleichen Verteilung der medizinischen Güter und den Problemen mit Infektions- und nichtübertragbaren chronischen Krankheiten zu den grossen weltweiten Herausforderungen der öffentlichen Gesundheit. Im Jahr 2000 war der Klimawandel für den Verlust von 5,5 Millionen behinderungsadjustierten Lebensjahren verantwortlich (DALY’s disability adjusted life years – kombiniert Sterblichkeit mit den im Vergleich zur Lebenswartung an Lebensqualität eingeschränkten Lebensjahren.)

Die Lancet Commission sieht sechs gesundheitsrelevante Felder, auf die sich der Klimawandel unterschiedlich auswirken wird:

1. Strukturen von Krankheit und Sterblichkeit
2. Ernährung
3. Wasserversorgung
4. Siedlungswesen
5. Extreme Wetterereignisse und Naturkatastrophen
6. Bevölkerungsentwicklung und Migration

Strukturen von Krankheit und Sterblichkeit: direkte gesundheitliche Folgen

Epidemiologisch ist davon auszugehen, dass sich der Klimawandel sehr direkt auf die Gesundheit der Menschen auswirken wird – gerade auch in Entwicklungsländer, wo die Menschen aufgrund von Armut und Mangelernährung gesundheitlich ganz generell anfälliger sind.

Hitzwellen: Der Hitzesommer 2003 führte in Europa zu bis zu 70'000 Todesfällen, häufig aufgrund von Atmungsschwierigkeiten und Herz-Kreislaufproblemen. Es ist davon auszugehen, dass mit dem Klimawandel vermehrt durch physische Hitzebelastung ausgelöste Todesfälle auftreten werden. Dies gilt insbesondere für die Bevölkerung in den städtischen Siedlungsräumen und dies gilt auch für Menschen im globalen Süden, auch wenn von dort keine mit jenen des Hitzesommers 2003 vergleichbare Zahlen vorliegen. (S. 1702)

Infektionskrankheiten: Steigende Temperaturen führen zu einer Vermehrung von Krankheitserregern bei Moskitos. Deren Population nimmt aufgrund der Erwärmung zu, womit die Chancen einer Ansteckung steigen. Malaria, durch Zecken verbreitete Encephalitis und Denguefieber werden in der Folge zunehmen. (S.1702)

Das sind die mehr oder weniger gefestigten Erkenntnisse über mögliche direkte Folgen der Erwärmung auf die Strukturen von Krankheiten und die Sterblichkeit. Es kommen noch weitere dazu, wie etwa die Vermehrung eines Cholerabakteriums aufgrund der Zunahme von Meeresplankton.

Ernährung

Die Forschung geht davon aus, dass die Klimaerwärmung ausser in wenigen, begünstigten Lagen, zu negative Auswirkungen auf die Ernte, den Wald-, den Vieh- sowie die Fischbestände haben wird. Daraus resultierende Mangelernährung lässt den Hunger und daraus hervorgehende Krankheiten weiter ansteigen.

Wasserversorgung

Der Zugang zu Wasser und insbesondere zu sauberem, qualitativ gutem Wasser wird durch den Klimawandel weiter eingeengt. Negative Gesundheitseffekte sind mehr Durchfallerkrankungen und durch bakteriell verseuchtes Wasser ausgelöste Krankheiten.

Siedlungswesen

Der Prozess der Urbanisierung wird sich weiter beschleunigen, da durch den Klimawandel betroffene Bevölkerungsteile in die Städte ziehen werden. Dort belasten sie die bereits schwache sanitarische Versorgung. Für die betroffenen Städte wird es eine Herausforderung sein, Unterkünfte zu planen und bereitzustellen, welche – so die Lancet Commission – die Synergien zwischen den verschiedenen Herausforderungen schaffen. Dafür gebe es Städte, die als Vorbild dienen könnten: „Successful, well-governed cities that focus on improved housing, living conditions, and infrastructure will reduce poverty and, at the same time, adapt to climate change.“ (S. 1706)

Extreme Wetterereignisse und Naturkatastrophen

Bereits jetzt führen extreme Wetterereignisse aufgrund der Klimaerwärmung zu Naturkatastrophen, welche die Gesundheit der Menschen direkt bedrohen.

Bevölkerungsentwicklung und Migration

Die Lancet Commission geht davon aus, dass der Klimawandel die Migration verstärken wird und die Gesundheit der MigrantInnen aufgrund verschiedener migrationsbedingter Stressfaktoren beeinträchtigen wird. Das Bevölkerungswachstum wird ausserdem den Druck auf bereits beschränkte Ressourcen wie Nahrungsmittel, Wasser und Land verstärken. Damit einhergehen könnten auch bewaffnete Konflikte.

Aufgrund all dieser negativen gesundheitlichen Folgen der Klimaerwärmung propagiert die Lancet Commission einen integrierten Ansatz, mit welchem auf drei Ebenen das globale Problem angegangen werden soll: „First, policies must be adopted to reduce carbon emissions, and thereby slow down global warming and eventually stabilise temperatures. Second action must be taken on the links connecting climate change and adverse health. Third, appropriate public health systems should be put into place to deal with adverse outcomes.” (S. 1708)

Um auf den die globale Gesundheit betreffenden Ebenen aktiv zu werden, muss die internationale Gesundheitszusammenarbeit fünf Herausforderungen anpacken: Informationsvermittlung, Armut und Ungleichheit, Technologie, sozio-politische und schliesslich die institutionelle Herausforderung.

Wissens-Apartheid

Herausforderung1: Wissensbildung und Informationsvermittlung. Gerade in Entwicklungsländern, dort also, wo die Menschen wohl am meisten vom Klimawandel betroffen sein werden, fehlt es an Wissen und Informationen über die Wirkung des Klimawandels auf die öffentliche Gesundheit. Die diesbezügliche Forschung arbeitet vor allem daran, was in den entwickelten Ländern geschehen könnte. Vor allem für Asien und Afrika gibt es kaum Systeme, mit welchen mögliche Schäden des Klimawandels abgeschätzt werden könnten. Die Lancet Commission spricht in diesem Zusammenhang von der Gefahr einer Anpassungsapartheid: „For example, heatwaves are silent killers. Although we have good data for the effects of heatwaves in the USA and Europe, almost no reliable data for heatwave-induced mortality exist in Africa or south Asia. Disease monitoring, surveillance, and health early warning systems depend on reliable information provided by meteorological stations worldwide. However, the number of these stations in Africa, for example is eight times lower than the minimum recommended by the World Meteorological Organisation (…).” (S. 1709)

Herausforderung2: Armut und Ungleichheit. Die Lancet Commission sieht im Klimawandel ein Faktor, der die bereits bestehenden sozialen, ökologischen, ökonomischen und ökologischen Ursachen von Krankheiten weiter verstärken. Denn: „Infectious and vector-borne diseases related to climate change will have their greatest effect in resource poor settings though poor housing, poor water supplies and sanitation, and increased vulnerability.“ (S. 1713) Vor diesem Hintergrund rückt die Erreichung der Millenniumsziele in noch weiterer Ferne.

Herausforderung 3: Technologie. Der Technologietransfer ist ein zentraler Schlüssel, damit sich die Menschen in den Entwicklungsländern den Herausforderungen des Klimawandels stellen können. Dieser Transfer muss die lokalen Gemeinschaften erreichen und er muss den lokalen Bedürfnissen und der Kultur angepasst sein. Mit dem Technologietransfer geht auch der Wissenstransfer einher. Bei der Bekämpfung von Krankheiten geht es bei diesem Punkt, um die Entwicklung wirksamer Impfstoffe gegen klimasensitive Tropenkrankheiten wie Malaria oder Denguefieber. Die Kommission folgert: „(The international community) must also find a sustainable and ethical solution to the trade-related intellectual property rights (TRIPS) agreement that allows developing countries to buy medical supplies without a substantial burden on their budgets.“ (S. 1716)

Fragmentierte internationale Politik

Herausforderung 4: Sozio-politische Herausforderung. Hinter dem Klimawandel stehen Konsummuster, die sozial und politische bestimmt sind: das Verhältnis von Arbeit und Freizeit, die Bedeutung der Mobilität, soziale Beziehungen, Wohnformen, sozialer Status und unser Wertesystem sind Faktoren, die eine Umstellung zu einer ökologisch sinnvollen Lebensweise erschweren. Hier müssen die Botschaften der Gesundheitsförderung ansetzen: „Public health messages in high-carbon economies should point to the health benefits of actions to address climate change through reduced use of cars, less air travel, and lower meat consumption.” (S. 1719).

Herausforderung 5: Institutionelle Herausforderung. Die Lancet Commission schliesst aus der Problemlage, dass die Regierungen und vor allem auch die internationalen Organisationen kaum auf die Herausforderungen der Klimaeerwärmung vorbereitet sind. Die Fragmentierung der Institutionen und ihr politisch unterschiedlichen Interessen sieht die Kommission als ein ernsthaftes Problem.

Politische Dimension des Berichts

Was bringt der Bericht der Lancet Commission. Sicher stellt er eine glaubwürdige Bestätigung dar, dass es sich beim Klimawandel in der Tat um ein brennendes, globales Problem handelt, dass vor allem auch die Gesundheit der Menschen bedroht. Betroffen sind die Länder des globaen Südens, diejenigen Bevölkerung also, die am wenigsten etwas für die menschgemachte Erwärmung der Erde können.

Die Lancet Commission ruft in der Folge dazu auf, eine neue Bewegung der öffentlichen Gesundheit zu bilden: „A new advocacy and public health movement is needed urgently to bring together governments, international agencies, non-governmental organisations (NGOs), communities, and academics from all disciplines to adapt to effects of climate change on health.“ (S. 1693)

Doch hier irrt die Kommission. Eine weitere Bewegung lässt sich nicht einfach so auf die Beine stellen. Zudem würde sie die bereits bestehenden zivilgesellschaftlichen Aktionen weiter zersplittern. Eine neue Bewegung ist auch nicht notwendig, da es eine bereits arbeitende, schon sehr aktive zivilgesellschaftliche Bewegung gibt, die sich für das Ziel Gesundheit für alle engagiert. Sollte sich diese nun auf den Klimawandel als der vielleicht grössten Gefahr der Menschheit konzentrieren?

Bessere Strukturen als beste Vorsorge

Die Lancet Commission schreibt an einer Stelle: „Overall all the underlying social, economic, and ecological determinants of global illness and premature death will be exacerbated by climate change.“ (S. 1712).

Das ist genau der Punkt – es sind die vielfältigen Strukturprobleme in der internationalen Gesundheit, auf die sich die internationale Zivilgesellschaft und möglichst geeint konzentrieren sollte: Die Bekämpfung der globalen Ungleichheit, das Engagement für mehr Gerechtigkeit, den Zugang zu Medikamenten, Wissen und Technologien für alle, die Stärkung der Gesundheitssysteme, mehr Selbstbestimmung auch der PatientInnen im Süden und das Einfordern von mehr Kohärenz in der nationalen und internationalen Entwicklungs- und globalen Gesundheitspolitik – all das schafft die Voraussetzung, dass sich die Menschen die gesundheitlichen Folgen des Klimawandels bewältigen können.

Der Klimawandel zeigt die Dringlichkeit des gemeinsamen Handelns auf, aber für die Menschen in den Entwicklungsländern ist er wohl nicht weiteres als noch so ein Problem, das aufgrund der ungerechten Strukturen besteht.

* Martin Leschhorn Strebel ist Geschäftsleitungsmitglied von Medicus Mundi Schweiz. Kontakt: mleschhorn@medicusmundi.ch


Der Bericht der der Lancet Commission

Lancet and University College London Institute for Global Health Commission: Managing the health effects of climate change: Managing the health effect of climate change. In: The Lancet, vol 373, May 16, 2009, pp. 1693-1733