Ein neues Instrument in den Griff bekommen

Einführung von Memory Work in ein laufendes Aidswaisenprojekt in Uganda

Von Rao Satapati / CO-OPERAID

Die Aidsepidemie in Afrika scheint alle über Jahrzehnte erzielten Fortschritte im Bereich der Entwicklungszusammenarbeit zunichte zu machen. In den Ländern südlich der Sahara lebten Ende 2004 über 25 Millionen HIV-infizierte Personen. Daher ist es dringend notwendig, Aidsarbeit als Bestandteil in alle Entwicklungsprojekte zu integrieren (mainstreaming). CO-OPERAID beteiligt sich aktiv an diesen Entwicklungen sowohl auf fachlicher als auch auf organisatorischer Ebene und führt bereits seit 1998 ein Projekt zugunsten von Aidswaisen in Uganda durch. Innerhalb des Projektes ist die psychosoziale Arbeit wichtig. Im Sommer des laufenden Jahres wurde nun mit Memory Work ein neues Instrument der psychosozialen Beratung einbezogen.

Uganda ist mit mehr als zwei Millionen Aidswaisen eines der von Aids am meisten betroffenen Länder. Die Zahl der Waisen nimmt jeden Tag zu, obwohl die Infektionsrate in den letzten Jahren rückläufig ist. Jeden Tag sterben Aidskranke und ihre Kinder werden zu Waisen. Durch den Verlust eines oder beider Elternteile müssen die Waisenkinder unfreiwillig vielfältige Rollen übernehmen. Einige leben mit einem Elternteil (meistens die Mutter), einige mit Verwandten oder Grosseltern, auf deren Hilfe sie angewiesen sind. Dies führt wiederum dazu, dass diese Pflegefamilien in eine schwierige Situation geraten, in der sie zusätzlich zu ihrer eigenen Familie noch weitere Kinder ernähren müssen. Am schlimmsten von der Aidsproblematik betroffen sind jedoch die Kinderhaushalte, Familien ohne erwachsene Personen, wo die Kinder auf sich alleine gestellt sind.

Die Regierung Ugandas hat das Problem erkannt und arbeitet im Bereich der Aufklärung und Prävention mit mehreren internationalen Organisationen zusammen. Um möglichst vielen Kindern eine schulische Grundausbildung zu ermöglichen, subventioniert die Regierung mit dem Programm „Universal Primary Education“ (UPE) die Schulgelder für bis zu vier Kinder pro Familie. Die Betreuung und Unterstützung der Waisenkinder kommt dabei jedoch zu kurz. Auf diesem Gebiet leisten Hilfswerke einen wichtigen Beitrag.

Das Aidswaisen-Projekt von CO-OPERAID

CO-OPERAID hat im Jahre 1998 in Uganda ein Projekt ins Leben gerufen, das seither rund 47’600 aidsbetroffenen Personen, vor allem Kindern, geholfen hat. In den Schulgebieten Kayayumbe und Mirigwe im Distrikt Rakai und in Kabaale im Distrikt Wakiso sind inzwischen 17 Primarschulen und eine Sekundarschule erweitert worden, die Aidswaisen eine Grundausbildung ermöglichen und Berufsfähigkeiten vermitteln, mit denen die jungen Menschen später einen eigenen Verdienst erzielen können. Lokale Schulen, Frauen- und Jugendgruppen, Gemeinden und Nichtregierungsorganisationen (NGO) beteiligen sich an der Zusammenarbeit. Daneben werden mit Mikrokreditprogrammen Projekte zur wirtschaftlichen Eigenversorgung der betroffenen Familien und Pflegefamilien unterstützt.

CO-OPERAID leistet Hilfe für Aidswaisen in Zusammenarbeit mit den Familien, den Schulen und den Gemeinden – sowohl auf persönlicher als auch auf kollektiver Ebene. Ein Ziel ist es, in der Bevölkerung Verständnis für die betroffenen Kinder zu schaffen und sie in die Dorfgemeinschaften und in Pflegefamilien zu integrieren. Durch das Projekt erhalten die Betroffenen gezielte Hilfe, und ihre Selbständigkeit wird schon während der Kindheit gefördert. CO-OPERAID möchte den Kindern sowohl auf psychologischer Ebene helfen, ein liebevolles Umfeld zu finden, als auch eine Basis vermitteln, welche es ihnen erlaubt, eine wirtschaftlich unabhängige Existenz zu führen und später einen Beruf auszuüben. Dabei schenkt CO?OPERAID besonders Kinderfamilien Beachtung, wo die Hilfe am dringendsten gebraucht wird. Neben den Aidswaisen werden jedoch auch andere Waisenkinder berücksichtigt, die die Schule abgebrochen oder schon abgeschlossen haben und ohne Beschäftigung in den Dörfern leben.

Oberstes Ziel von CO-OPERAID ist der Primarschulbesuch für alle Kinder – niemand soll gezwungen sein, aus wirtschaftlicher Not die Schule abzubrechen. Aidswaisen werden zum Schulbesuch ermutigt durch die Lieferung von Schulmaterial, Uniformen und die Förderung der schulischen Infrastruktur. Im Jahre 2004 wurde so rund 8’000 Kindern der Schulbesuch ermöglicht. Damit die Aidswaisen eines Tages finanziell unabhängig werden, unterstützt CO-OPERAID die Schulen bei der Vermittlung von Berufsfähigkeiten. Lehrwerkstätten für Berufe wie z.B. Schreinerei und Schneiderei sind den Schulen angeschlossen. In schuleigenen Projekten lernen die Waisenkinder Landwirtschaft. Die Mitglieder der Frauengruppen geben Unterricht in Handwerk. Über 600 Jugendliche machten bisher von diesem Angebot Gebrauch.

Mehr als 1400 Familien, darunter auch viele Kinderhaushalte, erhielten bisher Mikrokredite für ihren Lebensunterhalt. Dabei wurden Ziegen-, Kuh- und Rinderzucht, der Anbau verschiedener Feldfrüchte sowie Kioske finanziert. Die Familien, die Tiere erhalten, geben Jungtiere zurück. Die anderen zahlen die Hälfte der erhaltenen finanziellen Hilfe zurück. Diese Mittel werden wieder zur Unterstützung weiterer Familien verwendet. Für viele Waisenkinder ist die Reparatur ihrer Behausungen bzw. der Bau neuer Wohnhäuser ein dringliches Problem geworden. CO-OPERAID hat ihnen in Zusammenarbeit mit der Schweizerischen Stiftung Aids & Kind beim Wiederaufbau und bei der Instandhaltung ihrer Häuser geholfen.

In der Erreichung der Projektziele spielen die Frauen- und Jugendgruppen, mit denen CO-OPERAID zusammenarbeitet, eine zentrale Rolle. Mit den Einnahmen aus ihren Projekten kaufen sie Schulmaterial für die Waisenkinder. Einkommenserzeugende Aktivitäten wie Rinder- und Schweinezucht, Anbau von Bananen, Herstellung von Matten, Körben und Töpfen sowie Mikrokreditprogramme werden durch CO-OPERAID unterstützt. Diese Gruppen sind für die Kinder eine echte Alternative zu Waisenhäusern, da mit wenig Mitteln eine grosse Anzahl Waisenkinder betreut werden kann. Durch die erfolgreiche Integrationsarbeit haben viele der betroffenen Kinder Zuversicht und Hoffnung gewonnen, auch in Zukunft ihren Lebensunterhalt in ihren angestammten Dörfern bestreiten zu können und nicht in die Städte abwandern zu müssen.

Psychosoziale Beratung im Rahmen des Projekts

Bildung und Berufsbildung sind die Schwerpunkte von CO-OPERAID. Um eine Lebenssituation herzustellen, in der Schulbildung fruchtbar wird, sind aber multisektorielle Massnahmen nötig. Dazu gehört selbstverständlich eine fundierte HIV/Aids-Aufklärung. Diesbezüglich finden die NGO’s in Uganda einen wertvollen Partner in der ugandischen Regierung, welche mit der „President’s Initiative on AIDS Strategy for Communicating to Young People“ eine Kampagne führt, die als vorbildlich gilt. Und es gehören psychosoziale Massnahmen dazu. Denn nicht nur die materielle Situation der Aidswaisen ist prekär, auch ihre Stellung innerhalb der Gemeinschaft ist es vielfach: Verwandte nehmen ihnen das Eigentum, eigentlich ihr Erbe, weg; sie werden ausgegrenzt und isoliert; ihnen wird gesagt, dass ihre Eltern aus eigener Schuld an Aids gestorben sind. Viele von ihnen leben einsam und verängstigt. „Wir fühlen uns sehr allein“ und „wir haben die Freude und die Fröhlichkeit verloren“, werden die vier Geschwister (das jüngste davon sechs Jahre alt) eines Aidshaushalts in einem Bericht unseres lokalen Partners, Reach The Child, zitiert. Solche bitteren Erfahrungen haben uns vor fünf Jahren in einem ersten Schritt zur Teilnahme am Projekt Humuliza in Tansania bewogen. In Zusammenarbeit mit terre des hommes schweiz werden Ausbildungsseminare in psychosozialer Beratung für Projektmitarbeitende, Lehrpersonen, Frauengruppen und Gemeindevertreter/innen durchgeführt. Die Seminare sollen einen Bewusstseinsprozess und eine Sensibilisierung für die Situation der Aidswaisen und damit einen rücksichtsvolleren Umgang bewirken.

Schon nach kurzer Zeit konnten wir die Erfolge der Arbeit beobachten. Das Verhalten vieler Familienangehöriger und Dorfbewohner hat sich heute verändert. Die Dorfgemeinschaften gehen mit den Aidswaisen menschlicher um, und sie schenken ihnen mehr Beachtung. Sowohl im Dorf wie auch an den Schulen werden ihre Probleme ernst genommen. Die Waisen selber haben dadurch an Selbstvertrauen gewonnen. Die Kinder aus Kinderhaushalten werden im Projektgebiet von rund 50 Frauengruppen betreut. Jede Gruppe kümmert sich um mindestens 40 Kinder, und jedes Gruppenmitglied um mindestens zwei Kinder. Inzwischen helfen übrigens auch mehrere Männer bei diesen Aufgaben mit. Auch der Umgang dieser Frauengruppen mit den Kindern war nicht immer zimperlich. Seit die psychosoziale Arbeit begonnen hat, sind aber auch sie sensibler geworden. Das Ziel, den Kindern ein Gefühl der Geborgenheit zu verschaffen, und sie in die Dorfgemeinschaft zu integrieren, ist näher gerückt.

Memory Work: ein logischer nächster Schritt

Memory Work nun scheint uns ein «logischer» weiterer Schritt innerhalb der psychosozialen Arbeit. Die geschilderten Erfolge innerhalb unseres Projektes und die positiven Erfahrungen anderer NGOs ermutigen uns, diesen Schritt zu tun. So wird Memory Work im CO-OPERAID-Projektgebiet in diesem Sommer eingeführt. Auch für diese Arbeit mussten zuerst die lokalen Mitarbeiter/innen vorbereitet werden. Dies geschah an einem von REPSSI (Regional Psychosocial Support Initiative for Children affected by HIV/AIDS) angebotenen Kurs. Sechs Mitarbeiter/innen der Partnerorganisationen in Uganda und Kenia haben am ersten REPSSI-Kurs in Nairobi vom 5. bis zum 8. November 2004 teilgenommen. Einen zweiten Ausbildungsblock hat REPSSI dann anfangs April 2005 in Zusammenarbeit mit NACWOLA und MM Mobile Kitovu in Kampala durchgeführt. Die ausgebildeten Mitarbeiter/innen wiederum haben ein Seminar für alle Animatoren/innen des Aidswaisenprojekts organisiert. Auf diese Weise haben alle Projektmitarbeiter/innen eine Einführung in das Thema erhalten. Unsere Partner sind nun in der Lage, die Bevölkerung in unserem Projektgebiet über Memory Work zu informieren und Workshops durchzuführen. Die Workshops haben sie als sehr wertvoll empfunden. Sie sind überzeugt, dass es notwendig ist, Memory Work einzuführen. Memory Work ist ein Teilaspekt der psychosozialen Beratung. Bisher vernachlässigte oder nicht wahrgenommene Gefühle der aidsbetroffenen Personen rücken in den Mittelpunkt. Memory Work sehen wir als Ergänzung zu anderen Massnahmen des Projekts.

Das Fachwissen und die Überzeugung der Kursleiter/innen aber ist natürlich nur ein Aspekt. Der andere ist die Bereitschaft von betroffenen Familien, an den Workshops teilzunehmen. Diese Bereitschaft herzustellen, ist ein wesentlicher Teil der Arbeit mit den Betroffenen, für die es vielfach immer noch schwierig ist, zu ihrer Krankheit zu stehen und offen darüber zu sprechen. Als erstes werden mit der Unterstützung von NACWOLA-Mitarbeiter/innen Kurse für Kinder gehalten, in denen Gruppen von je 20 Kindern Hero Books verfassen.

Wir sind überzeugt, dass Memory Work auch den Menschen in Kayayumbe, Mirigwe und Kabaale helfen kann, besser mit ihrer schwierigen Situation zurechtzukommen, sich besser für die Zukunft vorzubereiten, und manchmal auch die rechtliche Situation betreffend Eigentum zu klären. Wir hoffen, dass durch diesen neuen Ansatz im Distrikt Rakai, in dem Tausende von Aidswaisen und HIV-infizierten Eltern leben, weitere positive Bewegung im Umgang mit Aids und seinen Folgen entsteht.

*Dr. Rao Satapati ist Geschäftsführer von CO-OPERAID, einem von der ZEWO anerkannten Schweizer Hilfswerk, das sich für die Aus- und Weiterbildung von Kindern, Jugendlichen, Behinderten und Frauen in den Ländern des Südens engagiert. CO-OPERAID ist ein Partner der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (DEZA) und der Glückskette, arbeitet mit lokalen Partnerorganisationen zusammen und stellt Schulen, Frauen- und Jugendgruppen sowie Dorfgemeinschaften die finanziellen Mittel für die Realisierung ihrer Projekte zur Verfügung. CO-OPERAID ist politisch und religiös unabhängig. Kontakt: www.co-operaid.ch, info@co-operaid.ch