"Nachhaltigkeit" ist mehr als eine Leerformel

Integrierte Projektarbeit - ein Beitrag zu einer langfristigen Gesundheitsförderung

Von Maya Natarajan / IAMANEH Schweiz

"Nachhaltigkeit" soll für künftige Generationen und alle Weltregionen den Weg für eine gerechtere Entwicklung weisen. Zu hoffen ist, dass das Konzept nicht nur eine Leerformel bleibt. Derweil fehlt "Nachhaltigkeit" als oberstes Prinzip in keinem Artikel oder Bericht - ein Begriff vielleicht für zu viele Gelegenheiten. Ausgehend von konkreten Erfahrungen und Projekten legen wir im folgenden einige wichtige Rahmenbedingungen dar für eine angepasste Projektarbeit, die langfristig Bestand hat.

IAMANEH Schweiz ist eine kleine Nicht-Regierungsorganisation (NGO), die seit 20 Jahren die Förderung und den Schutz der Gesundheit von Frauen und Kinder ins Zentrum ihrer Arbeit setzt. Wir verstehen dabei Gesundheit als ein grundlegendes Recht des Individuums. Gesundheit schliesst alle Aspekte des seelischen, körperlichen und sozialen Wohlbefindens ein. Der Genuss dieses Rechts ist von grundlegender Wichtigkeit für das Leben und die Fähigkeit, sich an allen Bereichen der Gesellschaft beteiligen zu können.

Trotz Verbesserungen bestehen im Gesundheitswesen in den Ländern des Südens weiterhin grosse Probleme. So sterben nach wie vor jährlich 12 Millionen Kinder unter fünf Jahren. Die Müttersterblichkeit ist massiv höher als im Norden. Mutter und Kind sind durch eine Reihe von gesundheitlichen Risikofaktoren miteinander verbunden. Auch in den Ländern des Ostens wachsen aufgrund gesellschaftlicher und politischer Umwälzungen oder kriegerischer Ereignisse die Bedürfnisse im Gesundheitsbereich.

Zusammenarbeit und lokale Integration

IAMANEH Schweiz legt Wert auf eine partnerschaftliche Zusammenarbeit. Klare Projektverträge mit den lokalen Verantwortlichen bilden die Voraussetzung für eine Vertrauensbasis. Partnerschaftliche Zusammenarbeit verstehen wir als einen Prozess. Dabei geht es nicht nur darum, Projekte zu planen, umzusetzen und zu evaluieren. Es geht um den Austausch, um die Transparenz und die Klärung von Erwartungen und Vorstellungen, um Bilder, die wir voneinander haben, um alltäglich Zwänge und um die Begegnung mit Menschen aus anderen Kulturkreisen. Die gegenseitige Wertschätzung und Anerkennung der Partner ist Teil dieser konstruktiven Projektpartnerschaft.

IAMANEH Schweiz unterstützt Projekte im Gesundheitsbereich, die für die einheimische Bevölkerung erschwinglich sind und von allen Beteiligten entsprechend ihrer Möglichkeiten getragen werden. Wichtige Aspekte in der Förderung von Basisinitativen sind die Partizipation der begünstigten Bevölkerung sowie die lokale Verankerung. Dazu gehört auch die Berücksichtigung von traditionellen Heilmethoden und Wertsystemen sowie kulturspezifischer Kenntnisse und lokalen Wissens. In Ghana zum Beispiel versucht IAMANEH Schweiz mit der Aus- und Weiterbildung traditioneller Hebammen, die oft grosse Kluft zwischen den sogenannt traditionellen und modernen Heilsystemen zu überwinden.

Der Trend zur Privatisierung und die Kürzungen staatlicher Ausgaben im Gesundheitswesen haben in vielen Ländern zum Zerfall des öffentlichen Gesundheitssystems geführt. Projekte im Gesundheitsbereich dürfen nicht dazu führen, dass der Staat aus seiner Verantwortung entlassen wird. IAMANEH Schweiz fördert deshalb gezielt staatliche Anstrengungen. Konkret wird eine enge Zusammenarbeit mit den Behörden und den lokalen Projektverantwortlichen (z.B. Gesundheitskommittee) gesucht, um sicherzustellen, dass das Projekt im Einklang mit der nationalen Gesundheitspolitik steht.

Für eine gleichberechtigte Beteiligung der Frauen

Voraussetzung für Verbesserungen im sozialen Bereich ist die Aufwertung der Rolle der Frauen, die Verbesserung ihres Status in der Gesellschaft und Familie sowie die Gewährleistung ihrer Würde und Menschenrechte. Entscheidend für den Erfolg der Projekte ist die aktive Beteiligung der Frauen in der Planung und Umsetzung. Die Erfahrungen haben gezeigt, dass sie die ihnen zur Verfügung gestellten Mittel gezielt und effizient für das Wohl der Familie, insbesondere der Kinder einsetzen. Die erfolgreiche Zusammenarbeit mit Frauen erfuhr IAMANEH Schweiz in einem Armenviertel von Bamako (Mali), wo wir eine Maternité unterstützen. Entstanden ist sie aufgrund einer Initiative von Frauen des Quartiers, die eine Möglichkeit suchten, das zu klein gewordene Geburtshaus auszuweiten. Heute ist aus dem Geburtshaus ein funktionelles Gesundheitszentrum geworden, das den vom malischen Gesundheitsministerium vorgeschriebenen Normen eines basisorientierten Gesundheitsdienstes entspricht. Das Zentrum hat bis heute seine Wurzeln bewahrt. 80% der Klientel sind Frauen, was auch dem Verantwortlichen nicht entgangen ist:

«Il faut se rappeler que l’initiative de la création de la maternité communautaire est venue des femmes qui, de ce fait, continuent à faire du centre de santé leur problème à elles avant d’être celui de toute la population de Sikoro. La qualité de l’accueil qui leur est réservé depuis plusieuress années fait qu’elles adhèrent beaucoup plus au projet de santé communautaire que les hommes.» (Abdoulaye Diallo, Präsident der Partnerorganisation ASAME, 1995)

Armut und fehlende Gesundheit

IAMANEH Schweiz setzt sich prioritär für die Anliegen der armen Bevölkerung ein; für jene, die massiv von Armut betroffen sind und die grundlegenden Bedürfnisse nach Nahrung, Wasser und medizinischer Grundversorgung nicht decken können. Sei dies in Mali, Sierra Leone oder in der Cité Soleil bei Port-au-Prince (Haiti), dem grössten Slum der westlichen Hemisphäre. 300'000 Menschen leben dort auf 5 km² unter denkbar schlechtesten Bedingungen. Verseuchtes Wasser, Verschmutzung durch Abfall und Fäkalien wirken sich auf die Gesundheit aller und insbesondere der Kinder aus. Fehlende Gesundheit und Armut gehen Hand in Hand. Mit der hohen Kinder- und Säuglingssterblichkeit geht auch eine hohe Geburtenrate einher. Die Zunahme der Bevölkerung in den Südländern ist eine Folge der Armut. Präventive Massnahmen sind deshalb wirkungslos, wenn damit keine grundlegende Verbesserung der Lebensbedingungen einhergeht.

Vernetzung mit anderen Sektoren

Projekte im Gesundheitsbereich müssen mit anderen Sektoren verknüpft sein, wie z.B. Wasser, Landwirtschaft oder Bildung. Erst durch den vernetzten Ansatz können etwa Präventionsprogramme überhaupt greifen. Ein besonderer Stellenwert kommt der Bildung zu. Frauen mit einer Ausbildung sind besser in der Lage, für ihre Kinder und ihre eigene Gesundheit zu sorgen. Sie haben in der Regel weniger und gesündere Kinder. Frauen verwenden ihr Einkommen für die Verbesserung der Ernährung und die Bildung ihrer Kinder. Einen vernetzten Ansatz verfolgen wir beispielsweise mit unsere Partnerorganisation Lakana So, deren Projekt in Bamako (Mali) wir unterstützen. Es bietet den Kindern von Prostituierten eine neue Lebensperspektive. Die Verantwortlichen arbeiten mit der Gesundheits- und Schulbehörde sowie der Justiz zusammen. Den Kindern wird neben der medizinische Versorgung mit Bildungsmöglichkeiten auch weiterführende Hilfe geboten.

Süd und Nord müssen die Verantwortung für eine gleichwertige Entwicklung gemeinsam tragen. Dabei geht es um soziale Gerechtigkeit. In diesem Rahmen möchten wir einen dauerhaften Beitrag zu einer langfristigen Gesundheitsförderung leisten.

*Maya Natarajan ist Projektverantwortliche bei IAMANEH Schweiz