"Promotores de Salud" in Peru

Nachhaltigkeit hängt von Wertvorstellungen ab

Von Edgar Widmer / Medicus Mundi Schweiz

Über 25 Jahre lang habe ich die Realisierung des Konzeptes "Promotores de Salud" in Peru mitverfolgt. Wir können anhand dieses Projektes aufzeigen, wie eine Idee auf breiter Basis übernommen wurde und damit Nachhaltigkeit in ungeahntem Ausmass erreicht worden ist.

Nachhaltigkeit ist schwer vorauszuplanen und kaum zu garantieren. Sie hängt nicht nur von know how und manpower ab. Oft sind es Umweltbedingungen, politische Zustände, vor allem aber soziokulturelle Umstände, die mitverantwortlich sind. Überall dort, wo sich eine Gesellschaft mit einem Unternehmen identifiziert und wo die Verantwortlichen eines Projektes in ihrem Tun überzeugen, besteht die Chance der Nachhaltigkeit.

Im Jahre 1971 haben die Schweizer Ärzte Zehnder und Wannenmacher, unterstützt vom Schweizerischen Katholischen Missionsärztlichen Verein SKMV begonnen, in der Area de Salud von Putina in Peru zu arbeiten. Die Grundlage für den Erfolg ihrer Arbeit wurde bereits in den dreissiger Jahren geschaffen, als der Provinzarzt von Juliaca (Puno), Dr. Nunez Butron, einen völlig neuen Weg der Gesundheitsversorgung beschritt: In den Quartieren und Nachbargemeinden der Stadt arbeiteten in seinem Auftrag junge Männer, die sich Rijcharis nannten, was in der Quetchuasprache aufrütteln, wecken bedeutet. Sie setzten sich ein für eine bessere Hygiene, den Bau von Schulen, Pockenimpfung und gegen die Ausbeutung durch Grossgrundbesitzer.

Das Centro de Salud von Putina

In den fünfziger Jahren begann der Staat, für Puno die moderne Medizin einzuführen, und errichtete vier kleine Spitäler und 18 Centros de Salud. Nur wenige Ärzte waren aber bereit, auf diesen abgelegenen Posten zu arbeiten. Das Centro de Salud von Putina war verwaist, und deswegen gab die Regierung den beiden schweizerischen Ärzten Zehnder und Wannenmacher hier eine Aufgabe. Inspiriert durch ein Promotorenprojekt in Guatemala, das vom Schweizer Arzt Dr. Habicht begleitet wurde, und gestützt auf die Erfahrung der Rijcharis, bildeten sie unter Beteiligung der Gemeinden geeignete Männer und Frauen aus in Grundkenntnissen über Schutzimpfungen, Hygiene, ausgeglichene Ernährung, Eigenverantwortung für Gesundheit und Geburtenkontrolle. Eine ständige Supervision garantierte Weiterbildung und Qualität und stärkte Motivation und Mitverantwortung. Basismedikamente und Möglichkeiten für Erste Hilfe brachten Behandlungserfolge und weckten Vertrauen bei den 130’000 Einwohnern.

Die Ärzte des Centro de Salud von Putina haben die Idee der Primary Health Care praktiziert, bevor diese in Alma Ata von der WHO bekräftigt wurde. Das Promotorenlehrbuch, das das Schweizer Ärzteteam zusammen mit dem staatlichen Direktor des regionalen Medizinalwesens, Dr. Cornero Rosello, ausgearbeitet hat, ist Zeugnis davon. Die Aktion der Schweizer Ärzte kam 1985 mit dem Aufkommen der revolutionären Bewegung zum Abbruch. Es stellt sich die Frage, was vom Promotorenprogramm übriggeblieben ist, was es bewirkt hat.

Promotores de Salud als Grundpfeiler kirchlicher Gesundheitsarbeit

Es lohnt sich hier einen Blick auf eine andere Ebene zu werfen. Im Päpstlichen Rat für Entwicklungsarbeit cor unum gab es nach Alma Ata unter der Leitung des Schweizer de Riedmatten regelmässige Sitzungen und Beratungen betreffend der medizinischen Entwicklungsarbeit. Praktisch an all diesen Sitzungen waren Vertreter von Medicus Mundi beteiligt, und sie plädierten dafür, dass die kirchlichen Gesundheitsinstitutionen jene Diskussionen mittrügen, in denen es darum ging, die Trias von Armut, Unwissen und Krankheit gezielter zu bekämpfen. Mit dem motu proprio "Dolentium Hominum" schuf Johannes Paul II den Päpstlichen Rat für Gesundheit. Alle Bischofskonferenzen wurden aufgerufen, ihre Verantwortung auch in der Gesundheitspastoral gezielt wahrzunehmen und Gesundheitskommissionen auf nationaler wie diözesaner Ebene einzusetzen, um bereits bestehende Gesundheitsinstitutionen der Kirche besser zu koordinieren, auf neue Ziele hin auszurichten und mit den Regierungen Vereinbarungen zu treffen über Aufgabenteilung und -ergänzung.

In Peru entstand so 1988 des Departement für Gesundheitspastoral (DEPAS). Heute haben 33 von 41 Diözesen ihr eigenes Gesundheitsdepartement. Orden wie die Sisters of the Missionary Company of Jesus, die Ursulinerinnen, die Sisters of St. Joseph und etliche andere waren schon seit Jahrzehnten in entlegensten Regionen des Landes tätig. Jetzt aber galt es, zivile Initiativen zu unterstützen und auf die Gesundheitspolitik mit vereinter Kraft Einfluss zu nehmen unter dem Motto: Gesundheit für alle und für den ganzen Menschen. Konkret hiess dies: Ausbildungsprogramme für Gesundheitspersonal, Verteidigung von ethischen Grundwerten und Menschenrechten, Einsatz für Community Development, Arbeit mit der Bevölkerung, mit den Familien.

Die Idee und des Modell der Promotores de Salud wurden Grundpfeiler kirchlicher Arbeit. Das Promotorenbuch des Schweizer Ärzteteams bildete hierfür die Grundlage. Heute hat die Kirche in Peru über 6’700 Promotoren im Einsatz, an der Küste, im Altiplano und im Amazonasgebiet. Dank ihnen hat das Immunisierungsprogramm im Jahr 1993 84% der Bevölkerung erreicht (1982. 18%). Heute werden etwa 25% der peruanischen Bevölkerung, die keinen Zugang zu staatlichen Diensten hat, durch Promotores de Salud versorgt. Dies ist ein nachhaltiger Erfolg der Initiative der Schweizer Ärzte. Der Erfolg ist heute allerdings gefährdet durch die aufkommende Mentalität des Individualismus, die sich auf den ökonomischen Liberalismus abstützt und den Gedanken der Solidarität zu verdrängen droht. Schlussendlich muss man festhalten, dass Nachhaltigkeit von Wertvorstellungen abhängt. Es kommt darauf an, welche Werte gelten. Die Kirche fordert für das 3. Jahrtausend die Globalisierung der Solidarität. Ich hoffe, dass dieser Forderung der gleiche Erfolg wie der Schweizer Initiative in Putina beschieden ist.

*Edgar Widmer ist Vizepräsident von Medicus Mundi Schweiz.