Heil und Heilung

Gedanken zu Geschichte und aktuellem Verhältnis von katholischer Kirche und Gesundheitswesen

Von Edgar Widmer / Medicus Mundi International MMI / Medicus Mundi Schweiz

Seit Jahrzehnten arbeiten Mitgliedorganisationen von Medicus Mundi Schweiz und Medicus Mundi International auch mit kirchlichen Gesundheitsinstitutionen zusammen. Insbesondere mit der katholischen Kirche führt Medicus Mundi International einen intensiven Dialog über Fragen der internationalen Gesundheit: Seit 15 Jahren besteht im Vatikan eine zentrale Koordinationsstelle für kirchliche Gesundheitsarbeit. Obschon Medicus Mundi kirchlich nicht gebunden ist, wurde die Organisation bei entscheidenden Sitzungen für Beratungen zugezogen.

Heil und Heilung hatte in der Geschichte der Religionen schon immer einen wichtigen Stellenwert. Seit der Antike waren Religion und Gesundheit eng verknüpft. Priester und Heiler waren eins. Hesiod berichtet im 8. Jahrhundert v. Chr., wie der griechische Gott Asklepios (Aeskulap) vom Kentaur Chiros aufgezogen wurde. Er unterrichtete ihn in der Herstellung von Medikamenten, im Gebrauch von Messer und Wort, und wie Messer und Wort zur richtigen Zeit eingesetzt werden. Die Behandlung sollte auf jeden Fall ganzheitlich sein. Seit 600 v. Chr. war Epidaurus der wichtigste Tempel für Aeskulaps Schule, und dieses Modell fand Ableger von Korinth über Kos bis hin zur Tiberinsel in Rom, wo 290 v. Chr. der Aeskulaptempel errichtet wurde. Die Verbindung von Heilkunst mit antiker Religion dauerte bis ins Jahr 529 n. Chr., als Kaiser Justinian die Schule von Athen schloss. Zur gleichen Zeit aber gründete der Hl. Benedikt das Kloster von Monte Cassino. Hier und in den späteren Tochterklöstern wurde das antike Wissen aufbewahrt und damit auch für uns gerettet. Nicht nur mystische Vorstellungen über Krankheiten, sondern Wissen um deren Ursachen, Beschreibung der Symptome, ihr Einordnen in Diagnosen sowie Angaben über erprobte Therapien wurden so weitergegeben.

In den Spitälern, welche die ersten Bischöfe neben ihren Kathedralen gründeten, wurde die überlieferte Heilkunst auch angewendet. Christus wurde zwar als eigentlicher Heiler und Arzt bezeichnet, die Kirche liess aber, wie sie festhielt, aus Erbarmen mit den Kranken die "heidnische" Heilkunst zu. Im Lorscher Arzneibuch aus dem 9. Jh. ist diese Rechtfertigung expressis verbis zu lesen. Viele der frühen Spitäler waren dem Heiligen Geist gewidmet: Die Kirche sah im Heiligen Geist den Unificator von Körper und Geist, von Wort und Tat, von Individuum und Gemeinschaft, welcher die Richtung vom irdischen Leben hin zum ewigen Leben gibt.

Christlicher Glaube ist gekoppelt mit caritas, dem Gedanken der Barmherzigkeit und Solidarität mit den Kranken und Armen in die Welt. Ritterorden, wie jener der Malteser, nehmen sich schon seit gut 800 Jahren der Kranken an. Im Kranken erkennen sie Christus selbst. Seit über 400 Jahren ist der Orden der Barmherzigen Brüder (Fatebenefratelli; St. John’s) im Einsatz für Kranke und Randständige. Gegenwärtig leiten sie 200 Spitäler, verteilt auf 40 Länder. Seit 25 Jahren ist dieser Orden Mitglied von Medicus Mundi International. Eine grosse Zahl von anderen Kongregationen übernahmen im Laufe der folgenden Jahrhunderte ähnliche Aufgaben. Die. eigentliche missionsärztliche Arbeit begann schliesslich vor 75 Jahren.

Seit sich der Vatikan mit der Frage einer modernen Gesundheitspastoral beschäftigte, lud er auch Medicus Mundi International zu seinen Beratungen ein. Das Bemühen um Kranke sollte erweitert werden mit den Konzepten der Gesundheitspromotion. 1985 wurde der Päpstliche Rat für Gesundheit gegründet, ein Novum in der Kirchengeschichte und die Folge der vorangegangenen Beratungen über eine moderne Gesundheitspastoral. Vorerst erstellte der Rat eine Bestandesaufnahme kirchlicher Gesundheitsinstitutionen: es gibt 5’200 katholische Spitäler, 12’200 Hospize und 17’200 Gesundheitszentren. Der Rat erreichte, dass die Bischofskonferenzen der Welt professionelle Beratungsgremien für Gesundheitsfragen einsetzten. Wichtig war schliesslich die Konferenz von 1997 mit der Frage: "Church and Health in the World, Expectations and Hopes on the Treshold of the Year 2000?". Bei dieser Gelegenheit wurde das Konzept: "Health for All" der WHO offiziell übernommen und vom Papst in Anwesenheit des Generalsekretätärs der WHO, Dr. Nakajima, bekräftigt. An zwei vorangehenden Sitzungen, die zu diesem Resultat geführt haben, war Medicus Mundi International eingeladen.

Lange Zeit arbeiteten viele kirchliche Spitäler in Entwicklungsländern in Isolation und hatten keinen klar definierten Bezug zu ihrem Umfeld oder innerhalb der nationalen Gesundheitspolitik. 1985 wurde unter Mitbeteiligung von Medicus Mundi International die "Tanzania Churches Consultation on Primary Health Care" abgehalten. Es entspreche der Bibel, sich für alle Menschen einzusetzen, und zwar vor allem für jene, die in Not und Armut lebten. Diese Menschen müssten bemächtigt werden, ihr Schicksal selber in die Hand zu nehmen. Die Tagung anerkannte die 1978 in Alma Ata von der WHO aufgestellten Richtlinien und erklärte die PHC-Strategien als bindend für kirchliche Gesundheitsdienste. Noch fehlte das "District Health Concept". Es wurde von der WHO erst 1987 in der Harare-Deklaration definiert. Die Internationale Föderation Katholischer Krankenhausinstitutionen wurde im Jahre 2000 neu konstituiert. Ihr Programm für Entwicklungsländer enthält Anliegen, wie sie von Medicus Mundi International vorgebracht wurden: Überwinden von Isolation, Koordination auf nationaler Ebene mit anderen NGOs, Einsatz für Akkreditierungskriterien privater Spitäler, die eine öffentliche Funktion ausüben, sowie vertragliche Einbindung in die nationale Gesundheitspolitik und Verwirklichung des "District Health Konzepts".

1998 überlegte sich die Weltbank zusammen mit der WHO, wie unter Einbezug nichtstaatlicher Institutionen die Armut bekämpft und das Gesundheitswesen verbessert werden könnte. Der Titel der Tagung lautete: "The Contractual Approach for the Implementation of National Health Policies in African Countries". Medicus Mundi International hatte bei den Diskussionen das Präsidium inne und trat dafür ein, dass die lokalen NGOs in dieses Konzept des Contracting einbezogen werden sollten. Die Existenz der nationalen koordinierenden Büros kirchlicher Gesundheitsinstitutionen war den Organisatoren der Tagung noch kaum bekannt.

Als Medicus Mundi International in der Weltgesundheitstagung 1999 einen Vorstoss zu Gunsten einer Resolution zur Verbesserung der Partnerschaft von Regierungen mit privaten Institutionen mittels Verträgen einbrachte, wurde das Anliegen vom Päpstlichen Rat und vom Staatssekretariat offiziell unterstützt. Dies ist entscheidend im Bemühen, die kirchlichen Eigner von Spitälern von der Vision einer Partnerschaft mit der Regierung wie auch vom Konzept für "Health for All" zu überzeugen und damit einen wichtigen Prozess einzuleiten. Dieser Prozess kann Antworten auf die Herausforderungen der Globalisierung liefern, indem der Unterschied und vor allem der komparativen Vorteil zu den rein gewinnorientierten Gesundheitsanbietern deutlich gemacht werden wird.

Medicus Mundi sieht im Begleiten der kirchlichen Institutionen in Richtung einer besseren Partnerschaft noch viele Aufgaben. "Guidelines for Contracting" wollen wir noch in diesem Jahr zusammen mit der WHO veröffentlichen, die als Wegweiser auf diesem langen Prozess dienen werden.

*Dr. med. Edgar Widmer ist Vizepräsident von Medicus Mundi Schweiz. Als Vorstandsmitglied von Medicus Mundi International ist er von MMI mit den Kontakten zu den Gesundheitsdiensten der katholischen Kirche beauftragt.