Lesbische und schwule Jugendliche in Südafrika

Von Sascha Tankerville

In Südafrika geht terre des hommes schweiz mit der Partnerorganisation Gay & Lesbian Network (GLN) neue Wege. Zum ersten Mal unterstützen wir eine Organisation, die sich explizit für den Schutz und die Förderung junger schwarzer Lesben und Schwulen einsetzt. Anthony Waldhausen, Gründer und Leiter von GLN, macht deutlich, warum dieses Engagement bitter nötig ist. Er kann dabei auch auf eigene Erfahrungen zurückgreifen.

Lesbische und schwule Jugendliche in Südafrika

Anthony Waldhausen, die Medien berichten immer wieder über die Verfolgung und Kriminalisierung von Lesben und Schwulen in afrikanischen Ländern. Sie engagieren sich mit Ihrer Organisation Gay & Lesbian Network (GLN) in Südafrika für jugendliche Schwule und Lesben. Wie ist die Situation der Lesben, Schwulen, Trans- und Intersexuellen Menschen (LGBTI) in Südafrika?

Anthony Waldhausen: Theoretisch gut. Südafrika hat eine der progressivsten Verfassungen weltweit. Sie garantiert unsere gesetzliche Gleichstellung. Auf dieser Basis können wir die Gleichbehandlung von LGBTI in allen möglichen Bereichen durchsetzen. So sind in Südafrika gleichgeschlechtliche Beziehungen und Eheschliessungen sowie die Adoption von Kindern durch gleichgeschlechtliche Paare anerkannt. Das Problem ist aber, dass die Umsetzung dieser Gleichstellung in weiten Teilen der Bevölkerung nicht angekommen ist.

Wie wirkt sich das auf die betroffenen Menschen aus?

Wir haben eine sehr hohe Rate an Hassverbrechen. LGBTI werden häufig körperlich und psychisch angriffen. Erschreckend sind die unzähligen corrective rapes (korrigierende Vergewaltigungen) und Morde an schwarzen lesbischen Frauen. Dahinter steckt der Glaube, dass ein Mann die sexuelle Orientierung einer lesbischen Frau durch eine Vergewaltigung korrigieren kann. Jugendliche riskieren, von ihren Familien verstossen oder in den Schulen ausgegrenzt zu werden, wenn ihre Sexualität bekannt wird.

Haben Sie selbst solche Erfahrungen gemacht?

Vor 13 Jahren zog ich mit meinen Eltern zu meinem Bruder und seiner Frau. Sie fand heraus, dass ich schwul bin und informierte meine Familie, die nichts davon wusste. Für die war das kein Problem. Aber meine Schwägerin konnte es nicht akzeptieren und verlangte, dass ich das Haus verlasse. Das war sehr traumatisch für mich, wurde aber später zu etwas Positivem. Es weckte in mir den Wunsch, etwas auf die Beine zu stellen, das anderen in ähnlichen Situationen hilft.

 

Haben Sie eine Erklärung, woher dieser Hass gegen LGBTI kommt?

Besonders in den ländlichen Gebieten wie KwaZulu-Natal ist die Gesellschaft sehr konservativ und traditionell geprägt. Homosexualität gilt als antiafrikanisch, als etwas, das aus Europa oder den USA kommt.

Viele glauben, dass in LGBTI ein böser Geist steckt. Deshalb bringen schwarze Eltern ihr lesbisches oder schwules Kind oft zum Heiler – so ähnlich, wie weisse Eltern, die ihr LGBTI-Kind zu einem Psychiater bringen. Diese Vorurteile finden sich auch bei Behörden und öffentlichen Institutionen. Wenn LGBTI bei der Polizei einen Übergriff melden oder in einer Klinik Hilfe suchen, riskieren sie ein weiteres Mal diskriminiert oder schikaniert zu werden, auch weil die Polizisten oder das Klinikpersonal sich mit LGBTI und ihren spezifischen Bedürfnissen nicht auskennen. Deshalb ist die Informationsarbeit ein wichtiger Teil unseres Engagements.

Das ist sicher keine leichte Aufgabe, bei so viel gesellschaftlichem Widerstand?

Das Problem ist, dass die Leute kaum etwas über LGBTI wissen. Wir wollen Aufmerksamkeit für LGBTI-Themen schaffen und die Einstellung der Leute verändern, die das Leben von LGBTI Jugendlichen entscheidend beeinflussen können. Dafür arbeiten wir intensiv mit verschiedenen Interessengruppen zusammen: mit Polizei, Gefängnispersonal, Behörden, Gesundheitspersonal, Regierungsstellen, mit religiösen Führern und traditionellen Heilern sowie mit Schulen. Wir bieten Weiterbildungskurse an, die mittlerweile sogar von selbst nachgefragt werden. Diese Arbeit zeigt sehr positive Resultate: Die Polizei hat unlängst einen jungen, effeminierten Mann wegen Diebstahls festgenommen. Da diese Beamten bereits einen Sensibilisierungskurs besucht hatten, brachten sie ihn in eine Einzelzelle, anstatt ihn bei den anderen Männern zu lassen. Als feminin wirkender Mann wäre er sonst von den anderen Männern vergewaltigt worden. Dass die Polizisten ihn isolierten, zeigt, dass sie sich der Gefahr für ihn überhaupt bewusst waren.

Sind LGBTI in allen Bevölkerungsgruppen gleichermassen von Ausgrenzung und Hass betroffen?

Weisse LGBTI kommen kaum in unsere Beratung. Sie sind in der Regel sozial und ökonomisch besser gestellt, haben in ihrer Familie mehr Rückhalt und leben in urbanen Zentren, wo es viele Angebote für LGBTI gibt. So treffen die negativen Auswirkungen vor allem unter 30-jährige Schwarze. An den Schulen gibt es viele Mobbingfälle, weshalb viele schwarze Lesben und Schwule die Schule ohne Abschluss verlassen. Überdurchschnittlich viele von ihnen sind arbeits- und obdachlos.

Welche Folgen hat dies auf die Entwicklung von jungen LGBTI?

Sie haben sehr wenig Selbstvertrauen und viele sind suizidgefährdet. Die meisten verstecken ihre Sexualität. Solche Jugendlichen können sich bei GLN an unseren Anlässen und in unseren Gruppen öffnen. Viele erleben hier zum ersten Mal, dass sie nicht alleine sind. Dann sind sie jemand komplett anderes, als jene Person, die auf der Strasse reserviert und zurückhaltend wirkt.

Wie arbeitet GLN mit ihnen?

Wir bieten ihnen Beratung und so viel Unterstützung wie möglich an. Gerade das neue, von terre des hommes Schweiz unterstützte, Projekt ist ein wichtiger Schritt für uns. Wir fördern damit die Entwicklung des Einzelnen. Wir bieten ihnen die Möglichkeit aufzuarbeiten, was sie tief in sich verschlossen haben. Darüber zu reden, hilft ihnen, sich ihrer selbst bewusst und stolz auf sich selbst zu werden – und vielleicht auch den Mut aufzubringen, ihren Familien von sich zu erzählen. Wir unterstützen sie ausserdem dabei, ihre Möglichkeiten für eine berufliche Karriere zu entwickeln. Sie lernen ihren Lebenslauf zu schreiben, eine Bewerbung zu verfassen, sich für ein Bewerbungsgespräch vorzubereiten und ihre Finanzen zu verwalten. Dies auch mit Blick auf die Möglichkeit selbst- ständige Unternehmer zu werden. Wir versuchen ihnen so viel Selbstvertrauen zu geben, dass sie ihren eigenen Weg gehen können.

Quasi so, wie Sie das für sich selbst verwirklichen konnten. Wie ist denn die Beziehung zu Ihrer Familie heute?

Sie hat sich völlig verändert. Ich lebe jetzt wieder bei meinem Bruder und seiner Frau. Sie hat sich bei mir entschuldigt. Sie hat mir sogar vor kurzem erzählt, dass einer ihrer besten Freunde schwul ist…

«Unsere Stimme wird gehört»

st. Vor 12 Jahren erlebte Anthony Waldhausen am eigenen Leib, dass in Pietermaritzburg, der Hauptstadt von KwaZulu-Natal, gute Beratungs- und Unterstützungsangebote für junge Lesben, Schwule, Trans- oder Intersexuelle Menschen (LGBTI) fehlten. Deshalb gründete er 2003 die Organisation Gay & Lesbian Network (GLN). Am Anfang organisierte sie Anlässe an sicheren Orten, wo LGBTI aus der Region sich treffen und austauschen konnten. Diese Events erlebten von Anfang an einen enormen Zuspruch. Bald eröffnete GLN auch eine Beratungsstelle sowie eine Telefon-Helpline für junge LGBTI. Seither hat sich diese neue Partnerorganisation von terre des hommes schweiz enorm weiterentwickelt. Neben der direkten Arbeit mit betroffenen Jugendlichen (siehe Interview) hat sich die Organisation auf den verschiedensten Ebenen ein grosses Netzwerk mit anderen Organisationen, verschiedenen Regierungsstellen, Foren und Komitees aufgebaut. «Heute werden unsere Stimmen in diesen Gremien gehört», stellt Anthony Waldhausen fest. Als die Regierung einen neuen Entwurf zur Jugendpolitik erarbeitete, stand über junge LGBTI überhaupt nichts drin. «Durch unsere Intervention konnten wir da etwas bewirken. Zum Beispiel, dass überhaupt anerkannt wird, dass es lesbische und schwule Jugendliche gibt.»

 

Sascha Tankerville

Sascha Tankerville, terre des hommes schweiz, Medien und Information,