Über die Partnerschaft von Schwarz und Weiss

Erfahrungen aus Lambarene

Von Walter Munz / Hilfsverein für das Albert Schweitzer-Spital Lambarene

Nichts ist ohne Geschichte, auch nicht das heutige Zusammenleben und Zusammenwirken von Weiss und Schwarz im Albert Schweitzer-Spital in Lambarene. Aufgrund einer redlichen und sorgfältigen Kenntnisnahme der Vergangenheit kann die Gegenwart in wichtigen Teilen verstanden werden. Alles Handeln für eine gedeihliche Zukunft muss die Vorgeschichte berücksichtigen.

Albert Schweitzer gründete sein später berühmt gewordenes Krankendorf in Lambarene mit seiner Frau zusammen im Jahre 1913, in ganz persönlicher Verantwortlichkeit und ohne jede öffentliche Zuwendung. 1998 - nach 85 Jahren, und 33 Jahre nach dem Tod von Albert Schweitzer - besteht dieses Spital im Sinne seines Gründers und in moderner Form weiter. Der 1961 unabhängig gewordene Staat Gabun ist inzwischen der weitaus bedeutendste Subventionsspender geworden.

Es ist mir nicht bekannt, ob irgendwo in Afrika ein älteres Krankenhaus als das von Albert Schweitzer besteht, welches ein Europäer gründete und das heute als landesweit anerkanntes privates Spital immer noch dient, eingewurzelt im Vertrauen des Volkes und wesentlich unterstützt von der afrikanischen Landesregierung. Das Spital von Lambarene hat also eine lange Geschichte der Partnerschaft von Schwarz und Weiss.

Nicht Wohltat, sondern Sühne

"Was Du nicht willst, dass man Dir tu, Das füg’ auch keinem andern zu." - Dieses alte Sprichwort nennt etwas Grundsätzliches für das friedliche Zusammenleben der Menschen. Im Rückblick auf Sklavenhandel, zwangsweise Missionierung und Taufe als Bedingung für versprochene Vorteile, im Rückblick auf die weitverbreitete Zwangsarbeit, welche vielen Farbigen und insbesondere den Schwarzen von ihren weissen Mitmenschen auferlegt worden sind und von jenen während Generationen erlitten wurde - kann es uns in unserer weissen Haut nicht wohl sein. Angesichts unserer europäischen Bekenntnisse zu Christentum, Aufklärung, Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit sind wir beschämt.

Als Erläuterung dazu, wie die Geschichte nachwirkt, mag der folgende denkwürdige Sprachgebrauch dienen: In ihrer Umgangssprache verwenden viele heutige Gabunesen "travailler" und "souffrir" immer noch als Synonyma. Im Tagesbewusstsein dieser Zeitgenossen sind arbeiten" und "leiden" längst nicht mehr identisch. Aber es lässt tief blicken, wenn des unbewusste Sprachgedächtnis das Andenken an die lange Zeit erlittene Schmach noch immer bewahrt: travailler bedeutet souffrir.

Was des obige Sprichwort negativ ausdrückt, spricht Jesus positiv aus: "Alles nun, was ihr wollt, dass es euch die Menschen tun, das sollt auch ihr ihnen tun." (Matthäus 7,12) Egoistisches Tun führt nicht zu guter Gemeinschaft, aber Nichttun kann ebenso falsch sein.

"Eine grosse Schuld lastet auf uns und unserer Kultur. Wir sind gar nicht frei, ob wir an den Menschen draussen Gutes tun wollen oder nicht, sondern wir müssen es. Was wir ihnen Gutes erweisen, ist nicht Wohltat, sondern Sühne. Die Völker, die Kolonien besitzen, müssen also wissen, dass sie damit zugleich eine ungeheure humanitäre Verantwortung gegen die Bewohner derselben übernommen haben. Wir müssen aus dem Schlafe aufwachen und unsere Verantwortungen sehen." Albert Schweitzer (1920)

Ehrfurcht vor dem geistigen Wesen des Partners ist nötig - selbstverständlich in beiden Richtungen

Es wäre falsch, wollten wir Europäer in lähmendem Schuldbewusstsein resignieren. Die Absichten unserer Vorfahren in Afrika waren nicht immer nur eigennützig, und sie haben auch Gutes gebracht. Wer in Afrika arbeitet, erlebt zum Glück immer wieder, dass die Schwarzen erstaunlich wenig nachtragend sind. Während zehn Arbeitsjahren in Lambarene habe ich den "Pardon Africain" zutiefst kennengelernt, die afrikanische Bereitschaft, zu verzeihen.

Welch wunderbare Menschen wir in Afrika begegnen können, möchte ich mit einer kurzen Geschichte von Albert Schweitzer erläutern: "Als ich das erste Mal in Lambarene war, wirkte dort auf der Missionsstation ein schwarzer, etwa dreissig Jahre alter Lehrer namens Ojembo. Ojembo heisst ‘das Lied’. Nie hat wohl jemand einen so schönen Namen besser getragen als dieser schwarze Lehrer. Gleich fühlte ich mich zu dem klugen, gütigen und bescheidenen Menschen hingezogen. Er hatte etwas so Feines an sich, dass man sich in seiner Gegenwart fast eingeschüchtert fühlte." (aus: Ojembo, der Schulmeister)

Was die Ehrfurcht vor dem geistigen Wesen des Partners betrifft, so sei nochmals Ojembo erwähnt. Dieser hat nämlich unter anderem auch des Doktors Predigten am Sonntag übersetzt:

"Am Samstagabend kam er, um mit mir zu proben. Da musste ich ihm Satz für Satz die ganze Predigt hersagen, ob keine ihm unbekannten oder in die afrikanische Sprache nicht übertragbaren Worte darin vorkämen. Wie hat man sich zu hüten, dort in der Predigt von Dingen zu reden, unter denen die Schwarzen sich nichts vorstellen können! Eine Reihe von Gleichnissen Jesu muss man ausser Betracht lassen oder umschreiben, weil die Schwarzen des Ogowe nicht wissen, was ein Weinstock oder ein Getreidefeld ist."

Diese Aussage hat nichts mit Überheblichkeit des Predigers Schweitzer oder mit fehlendem Verständnis oder Lernvermögen seiner afrikanischen Zuhörer zu tun, sondern sie ist Einsicht ins akzeptierte Anderssein des Partners, Ausdruck der Ehrfurcht vor dem geistigen Wesen des andern. - Wie oft habe ich Beamte, Entwicklungshelfer und leider auch Missionare katholischer und evangelischer Konfession falsch wirken gehört, nämlich als überzeugte, aber überhebliche und nicht diskussionsbereite Vertreter ihrer Auffassungen. Sie hatten vom traditionsreichen und oft differenzierten Denken und Glauben der Afrikaner keine Ahnung und interessierten sich auch nicht dafür. Solche "Helfer" bewirkten nur Kopfschütteln, Unverständnis und Abstand.

Wir Weissen verstehen unsererseits bei weitem nicht all die Zeichen, Gebärden, Symbole, Riten und Sprichwort, welche die Afrikaner untereinander austauschen und von denen sie sich auf ihrem inneren und äusseren Lebensweg leiten lassen. Wo wir unseren Partner nicht verstehen, sollten wir aufgrund der Ehrfurcht vor seinem Wesen Vertrauen zu ihm fassen. Vertrauen wird kaum je enttäuscht, sondern es führt meistens zu einem beglückenden sinngemässen Verständnis.

Léon Mba, der erste Präsident der jungen Republik Gabun, erklärte 1961 seinen Landsleuten über die Indépendence und über die Zusammenarbeit von Schwarz und Weiss folgendes: "Brüder und Schwestern! Die Unabhängigkeit, die wir mit all unserer Kraft erstrebt haben und die wir heute feiern dürfen, bedeutet nicht, dass wir von jetzt an alle wünschbaren Güter erlangen und besitzen dürfen, sondern dass wir sie selbständig erarbeiten dürfen und müssen. Geht! Pflanzet fleissig und erntet, fischet in unsern Flüssen und Seen, lernet viel und arbeitet gut! Und alle sollen es wissen, dass der Gabun zwei Arten von Bürgern hat:

  • Les Gabonais d'origine - das sind wir Schwarzen
  • Les Gabonais d'adoption - das seid Ihr Weissen, wenn Ihr in guter Partnerschaft mit uns arbeitet."

Wer als Weisser im Gabun anständig arbeitet und sich nicht aufs hohe Ross setzt, kann mit den Afrikanern viel Freude und innere Bereicherung erleben. Bei den andern, die lediglich mit Sendungsbewusstsein zum armen Drittweltmenschen kommen oder die allein ihren Geschäftsgewinn suchen, findet die "Adoption" nicht statt - und all ihr Wirken bleibt auf die Dauer ohne Bestand.

Die Entwicklung der Partnerschaft in Lambarene

Als ich 1961 in Lambarene ankam, waren alle Ärzte Ausländer. Sie stammten aus verschiedenen Ländern Europas, aus Japan und den USA. Die einheimische Universität Libreville hat erst 1981 - 20 Jahre später - die ersten sechs gabunesischen Ärzte diplomieren können.

Wir hatten damals zwölf weisse Krankenschwestern. Sie bildeten weitgehend des Rückgrat und die Zuverlässigkeit des Spitals, welches in unerschütterlichem, fast übermenschlichem Vertrauen der Bevölkerung stand. Wenn ich damals einem meiner Patienten die Notwendigkeit einer Operation erklärte und um sein Einverständnis dazu fragte, so lautete die Antwort fast immer so: ,,Papa, c'est toi qui connaît les choses - tu n'as qu'à faire comme tu peux." (Papa, Du kennst die Sachen, Du musst tun, was Du kannst.)

Ohne unsere afrikanischen Mitarbeiter wäre die Arbeit nie möglich gewesen. Für die 470 Hospitalisierten im Hauptspital und für die 150 Leprakranken im "Village de Lumière" sowie für die grosse Ambulanz hatten wir 50 schwarze 2lnfirmiers". Sie waren alle im Spital ausgebildet worden. In ihrer überwiegenden Mehrheit waren sie zuverlässig und treu, und insbesondere waren sie mit Land und Leuten und auch mit den 40 gabunesischen Sprachen vertraut. Einzelne von ihnen gaben Injektionen, andere machten Verbände, verteilten Medikamente, waren Pfleger im Operationssaal, putzten und sterilisierten, waren Hilfshebammen im Gebärsaal, betreuten die Geisteskranken oder arbeiteten im Labor.

Neben der täglichen praktischen Unterweisung in der gemeinsamen Arbeit, was weitaus das Wichtigste war, gab es in den 60er Jahren nur einen einfachsten Theorieunterricht von einer (!) Stunde pro Woche. Diese Stunde war für langjährige Pfleger fakultativ, für die Jungen obligatorisch. Daraus entwickelte sich in den 70er Jahren eine systematischere, zwei Jahre dauernde Schule mit einer voll angestellten Krankenpflegelehrerin und einem staatlich anerkannten Diplomabschluss als "lnfirmier auxiliaire Albert Schweitzer". Wie frische Weggli gingen unsere Diplomierten weg und wurden in Regierungsspitälern oder Krankenzimmern von grossen Holzfällereien und anderen Unternehmen eingestellt.

Heute gibt es im Gabun zwei staatliche Krankenpflegeschulen, in der Hauptstadt Libreville und in Mouila im Landesinneren. Unsere tüchtigsten "Aide-lnfirmiers" besuchen mit Spitalstipendium eine dieser Schulen und kehren nach zwei bis drei Jahren Zusatzausbildung für Anästhesie, Radiologie, Pädiatrie oder Labor nach Lambarene zurück. Drei Europäerinnen arbeiten noch in Operationssaal/Anästhesie, Labor/Radiologie und in der Spitalapotheke. Das ganze übrige paramedizinische Personal, auch der Pflegeleiter, ist seit Jahren gabunesisch.

Zur Ärzteschaft: Ab 1986 hatten wir während zwei Jahren den ersten gabunesischen Kollegen in Lambarene. Heute sind von neun Ärzten fünf Afrikaner, lauter ausgezeichnete Kollegen. Alfred Makanda, der Chefarzt, bestand in Kinshasa sein Staatsexamen so glänzend, dass er während sieben Jahren ein, Stipendium erhielt zur Spezialausbildung in der Universitäts-Kinderklinik von Strassburg. Anschliessend kehrte er nach Afrika zurück und leitete ein grosses Kinderspital in Douala (Kamerun) während weiteren sieben Jahren. Heute ist er der von Schwarz und Weiss völlig anerkannte Chef nicht nur der Kinderabteilung, sondern des ganzen Albert Schweitzer-Spitals. Von seinen schwarzen Kollegen stammen zwei aus Gabun, einer aus Togo, und eine Zahnärztin aus Kamerun arbeitet schon seit vier Jahren in Lambarene. Die vier nicht-afrikanischen Ärzte stammen zur Zeit aus dem ehemaligen Jugoslawien, aus Neuseeland, Österreich und der Schweiz.

Längst ist die Zeit vorbei, als der weisse Arzt bereits wegen seiner Hautfarbe Vorschussvertrauen empfing und unsere afrikanischen Patienten einen schwarzen Arzt misstrauisch fragten: "Qu'est-ce que tu connais toi - tu as la peau noire comme moi."

Kürzlich musste ein europäischer Kollege wegen mangelnder Sachkenntnis heimgeschickt werden. Heute entscheidet glücklicherweise die medizinische und menschliche Kompetenz über Ansehen und Wirksamkeit eines Arztes.

Zwischen administrativer Direktion und dem Corps médical besteht ein sehr erfreuliches Miteinander-Schaffen. Das ist nötig, aber leider nicht selbstverständlich. Jeder Mitarbeiter muss zum Gelingen des Ganzen beitragen.

Die oberste Verantwortung hat im Albert Schweitzer-Spital seit 1976 ein Stiftungsrat von 11 - 15 Mitgliedern, in welchem die Afrikaner statutengemäss die Mehrheit haben.

Partnerschaft/Partner, auf lateinisch: partem tenere: Jeder hält und erhält seinen Teil an Pflicht und Recht, an Verantwortung, Leistung und Lohn. Alle arbeiten zusammen.

Schwarz und Weiss in Zukunft

Es wird auch künftig verschiedene Möglichkeiten guter Partnerschaft mit Afrika geben: gezielte einmalige oder langjährige oder auch regelmässige kurzfristige Einsätze. Wenn sie auf die Dauer erfolgreich sein will, muss die Zusammenarbeit immer kombiniert sein mit den entsprechenden Anstrengungen der Menschen im Land selbst. Ein Studium oder die Mitarbeit von Afrikanern in Europa gehören ebenso zur Partnerschaft wie unsere Missionen im Ausland.

Jede nutzbringende Zusammenarbeit braucht auch in Zukunft Sachverstand und ein möglichst umfassendes Wissen, aber ebenso und auf die Dauer noch bedeutender ist ein auf erlebter Kenntnis und Wertschätzung des Partners gewachsenes gegenseitiges Vertrauen. Der folgende Gedanke drückt etwas sehr Wahres aus: "Vertrauen ist eine Oase im Herzen, die von der Karawane des Denkens nie erreicht wird." (Khalil Gibran)

Nach meiner eigenen glücklichen Erfahrung in Afrika, für die ich sehr dankbar bin, ist es meine feste Hoffnung, dass von den schwarzen Menschen ein grosser Segen ausgehe zugunsten der verbrauchteren weissen Menschen. Ich will diese Hoffnung nicht aufgeben, auch nicht wegen der schwarzen Wolke AIDS, die über Afrika besonders schmerzvoll lastet.

Der Staatsmann und Dichter Léopold Sédar Senghor, welcher der erste Präsident von Senegal war und sein Amt nach vielen guten Arbeitsjahren in freier Entscheidung seinem Nachfolger übergab. schrieb über die Bedeutung von Schwarz und Weiss dieses eindrückliche Lied (in: Botschaft und Aufruf):

Gebet an die Masken

Masken! O Masken!
Von euch kommt die Luft der Ewigkeit her, in der ich die Luft der Väter atme.
Richtet eure unbeweglichen Augen auf eure Kinder,
Dass wir einst hier rufen bei der Wiedergeburt der Welt
Als jene Hefe, derer das weisse Mehl bedarf.

Denn wer sonst sollte die an Maschinen und an Kanonen gestorbene Welt den Rhythmus lehren?
Wer sollte denn sonst den Freudenschrei ausstossen, der Tote und Waise bei neuer Dämmerung weckt?
Sagt, wer gäbe denn sonst den Menschen mit der zerfetzten Hoffnung das Lebensgedächtnis wieder?
Doch sind wir die Menschen des Tanzes, deren Füsse nur Kraft gewinnen, wenn sie den harten Boden klopfen.

Sie nennen uns Baumwollköpfe, Kaffeemenschen und Ölmenschen, Sie nennen uns Menschen des Todes.
Doch sind wir die Menschen des Tanzes, deren Füsse nur Kraft gewinnen, wenn sie den harten Boden klopfen.

*Walter Munz, Arzt in Wil SG, ist Vizepräsident der Internationalen Stiftung für das Albert Schweitzer-Spital in Lambarene.