Erfahrungseinsatz im District de Santé Nylon/Douala in Kamerun

Mit der harten Realität des täglichen Überlebens konfrontiert

Von Carmen Meyer

Schon während meinem Medizinstudium haben mich Epidemiologie, öffentliche Gesundheit und Gesundheitsplanung, besonders in Entwicklungsländern, sehr interessiert. Dank einer Unterstützung aus dem Weiterbildungs- und Sensibilisierungsfonds* von Medicus Mundi Schweiz war es mir möglich, 1997 für dreieinhalb Monaten in Kamerun einen Erfahrungseinsatz im städtischen Gesundheitsdistrikt von Nylon zu leisten.

Die "Zone Nylon" ist einen neueren Stadtteil von Douala, einer Millionenstadt, die zugleich der grösste Hafen in Kamerun ist. Nylon ist in den letzten 20 Jahren in den Sümpfen um den Flughafen herum entstanden, zählt gegenwärtig um die 350 000 Einwohner und erlebt ein explosionsartiges Wachstum, da es alle Landflüchtigen und Neuankommlinge aufnimmt. Die Gegend ist sumpfig, ungesund und kaum erschlossen, so dass gravierende Probleme bei der Wasserversorgung und Abfallentsorgung entstehen. Bis vor einigen Jahren war keinerlei medizinische Grundversorgung vorhanden, mit Ausnahme eines katholischen Dispensaires. Somit mussten die Bewohner von Nylon das 17 km entfernte Laquintinie aufsuchen, das grösste, älteste, teuerste und heruntergekommenste Stadtspital in Douala. Seit einigen Jahren unterstützt die DEZA in Nylon das Errichten eines Gesundheitsdistrikts: 4 Gesundheitszentren sind schon gebaut, und das Distriktspital wird Mitte 1998 eröffnet.

Von März bis Juni 1997 habe ich eine Umfrage in den Haushalten und den bestehenden Gesundheitszentren von Nylon durchgeführt. Damit sollte in Erfahrung gebracht werden, wie sich die Menschen in Nylon verhalten, wenn sie krank werden: welche Art von Behandlung nehmen sie in Anspruch? welche Strukturen suchen sie auf? wieviel Geld geben sie aus? welche Faktoren beeinflussen ihre Behandlungswahl? wie beurteilen sie das Pflegeangebot in den Spitälern in Douala, die Leistungen der Gesundheitszentren in der Zone Nylon? was haben sie für Bedürfnisse und Verbesserungsvorschläge? Gleichzeitig sollte das besondere Augenmerk auf die schwangeren Frauen gerichtet werden: besuchen sie Vorsorgeeinrichtungen? wenn ja, welche? Wo gebären sie? Wie beurteilen sie die Gesundheitszentren in Nylon? Die aus der Umfrage gewonnenen Daten sollten zur besseren Planung des District de Santé eingesetzt werden.

Meine persönliche Zielsetzung war, ein besseres Verständnis für epidemiologische Zusammenhänge zu erreichen, entwicklungsländerspezifische Probleme besser zu erfassen und begreifen, besonders im städtischen Bereich, und die Umsetzung vom erworbenem Wissen in der tatsächlichen Planung zu lernen.

Die Durchführung der Umfrage war sehr lehrreich: Erfreulicherweise wurden meine Enquêteurs und ich fast überall willkommen, und es entstand einen sehr reger Austausch mit der Bevölkerung. Durch mein tägliches Durchstreifen der verschiedenen Winkel der Zone Nylon, wurde ich mit der harten Realität des täglichen Überlebens dort konfrontiert. Die Probleme, die mit einer Erkrankung auftauchen, die ungenügende medizinische Versorgung, die Ansätze für Lösungen, die Wünsche der Bewohner/innen - dies alles konnte ich hautnah miterleben. Da ich per Zufall gleich anschliessend an meine Arbeit in Nylon angefragt wurde, ob ich bereit wäre, für einige Monaten die Wiedereröffnung eines Spitales im Norden Kameruns zu leiten, konnte ich einen Teil der in Nylon erworbenen Kenntnisse dort einsetzen, zum Beispiel in der Vorbereitung einer Studie zur Mutterschaft und Geburt, um Lösungsansätze gegen die verheerende Mütter- und Kindersterblichkeit im District de Mada zu suchen.

Für mich steht nach meinem Einsatz in Nylon/Douala fest, dass ich weiterhin in der Entwicklungszusammenarbeit tätig sein möchte, und dass ich mich das dazu nötige Wissen in den nächsten Jahren aneignen werde. Denn eines ist mir klar geworden: nur gut ausgebildete Fachleute können sinnvolle Arbeit leisten und Wissen weiter vermitteln. Oft habe ich genügend Pflegepersonal in den Spitälern in Kamerun angetroffen. Was ihnen mangelte, nebst Material, war eine gute Ausbildung, eine motivierende Supervision und eine sinnvolle Fortbildung.

*Der Weiterbildungs- und Sensibilisierungsfond von MMS wurde per 31.12.2002 aufgelöst