Mehr Beachtung für Familienplanung in der Entwicklungszusammenarbeit – ein heikles Thema!

Von Yvonne Gilli

Ausgerechnet jenes Millenniumsziel, das die Reduktion der Müttersterblichkeit anvisiert, liegt am weitesten zurück. Der weltweit mangelnde Zugang zu Verhütungsmitteln für Frauen ist ein wesentlicher Grund dafür. Es braucht Investitionen in eine rechtebasierte Familienplanung – doch die ECOPOP-Initiative ist dazu ein schlechtes Mittel.

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Für Paare ist nicht nur wichtig, sich für oder „gegen“ Kinder zu entscheiden. Ebenso wichtig ist, Anzahl und Zeitpunkt der Schwangerschaften zu bestimmen. Was für uns selbstverständlich ist, gilt nicht für die Mehrheit junger Paare weltweit, mit fatalen Konsequenzen. Deshalb rücken zunehmend NGO's und multilateral tätige Institutionen wie UNFPA oder IPPF das Thema „freier Zugang zu Familienplanung“ in ihren Fokus und verlangen, dass mehr Mittel spezifisch in die Verbesserung der sexuellen und reproduktiven Gesundheit investiert werden. Dazu gehören auch Gelder für die globale Verfügbarkeit von Verhütungsmitteln. Letzten Sommer organisierte die Britische Regierung die erste internationale Konferenz unter dem Titel „London summit on family planning“ mit der Forderung: alle Frauen und Mädchen haben das Recht, frei und selbstbestimmt zu entscheiden, ob, wie viele und wann sie Kinder möchten. Wenn es gelingt, bis zum Jahr 2030 zusätzlichen 120 Millionen Frauen Zugang zu Verhütungsmitteln zu verschaffen, können jährlich 200‘000 Leben gerettet werden. So viele Frauen sterben an den Folgen von Schwangerschaft und Geburt.

Während ich diesen Artikel schreibe, findet die dritte globale „womendeliver“-Konferenz statt, in Kuala Lumpur, Malaysia. „womendeliver“ konkretisiert und bekräftigt die Ziele, die diesen Sommer am  „London summit on family planning“ gefasst wurden. Der Slogan an dieser Konferenz heisst: „invest in women and girls – it pays!“ Die Verbesserung von Gesundheit und Wohlbefinden von Frauen und Mädchen ist ein Grundbaustein für die wirtschaftliche Entwicklung aller Länder.

Es ist unhaltbar, dass jedes Jahr bis zu 500‘000 Frauen und Mädchen an Schwangerschafts- oder Geburtskomplikationen sterben. Es ist inakzeptabel, dass das Millenniumsentwicklungsziel 5, Verbesserung der mütterlichen Gesundheit, am weitesten im Rückstand ist. Vielen ist noch nicht bewusst, dass keines der Millenniumsziele erreicht werden kann ohne die Verbesserung der Gesundheit von Frauen und Mädchen. Mütterliche Gesundheit heisst sexuelle und reproduktive Gesundheit.

Missachtung von Grundrechten

Der Anspruch auf mütterliche Gesundheit ist ein Menschenrecht. Verweigern wir Frauen und Mädchen Zugang zu Bildung, Information und Antikonzeption, dann verweigern wir ihnen Gesundheit. Gerade das ist aber die heutige Realität, eine fatale Folge von Ignoranz und Misskonzeption mit der Konsequenz, dass Frauen sterben oder schwere Behinderungen erleiden. Die Missachtung dieser Menschenrechte geht Hand in Hand mit Genitalverstümmelung, Kinderheirat, erzwungener Heirat und Gewalt. Mit Kultur hat dies nichts zu tun, wohl aber mit strafbarer Missachtung von Grundrechten.

In der Schweiz wird dieses Thema kontrovers diskutiert. Das steht in einem engen Zusammenhang mit populistischen Volksinitiativen, die unter dem Schlagwort „Überbevölkerung“ die Immigration in die Schweiz beschränken wollen. Die Ecopop-Initiative zielt auf eine mathematisch-statistisch begründete Bevölkerungskontrolle und verlangt, dass das Wachstum in der Schweiz jährlich 0.2% nicht überschreiten darf und 10% der Schweizerischen Entwicklungshilfe Massnahmen zu Gute kommen, die unmittelbar der Familienplanung dienen. Diese Initiative ist inakzeptabel, weil sie einen schweren Rückschritt im Verständnis von Bevölkerungsentwicklung darstellt.

ECOPOP mit mathematisch begründeter Bevölkerungskontrolle

1994 fand in Kairo eine UN-Konferenz zu Bevölkerungsentwicklung statt, die zu einem Paradigmenwechsel führte. Seit dieser Konferenz wird Bevölkerungsentwicklung nicht mehr aus einem mathematisch-statistischen Blickwinkel betrachtet. Neu bilden Menschenrechte und Wohlergehen der betroffenen Bevölkerung die Basis für Handlungsempfehlungen. In der Folge ratifizierten 179 Staaten, darunter auch die Schweiz, ein Aktionsprogramm. Dieses basiert auf der Erkenntnis, dass Bevölkerungswachstum in einem engen Zusammenhang steht mit der Respektierung von Menschenrechten, darunter das Recht auf Bildung, gleiche Rechte für Frauen und sexuelle und reproduktive Gesundheit. Heute zeigen Entwicklungen in vielen, auch armen Ländern, dass der Aktionsplan Wirkung zeigt. Was Ecopop verlangt, wäre ein Rückschritt in die Zeit vor 1994, in der Bevölkerungsentwicklung weder Teil eines integrativen Verständnisses war, noch die Menschenrechte ins Zentrum rückte.

Angesichts dieser Initiative ist die Kontroverse um Familienplanung verständlich. Das sollte uns aber nicht davon abhalten, in Familienplanung zu investieren. Es stellt sich nicht die Frage „ob“, sondern „wie“. Frauen und Mädchen haben das Recht auf ihre selbstbestimmte und freie Entscheidung über Zeitpunkt und Anzahl von Schwangerschaften, überall auf der Welt. Noch bleibt dieses Recht für über 200 Millionen Frauen in armen Ländern ein Traum. Sie wollen verhüten, haben aber weder Zugang zu Information, noch Zugang zu Verhütungsmitteln. Für viele von ihnen ist diese Versorgungslücke eine Frage über Leben und Tod.  

Women deliver widmete sich diesem Thema, mit der klaren Aufforderung: „let us deliver to women!“

*Yvonne Gilli ist Nationalrätin und Mitglied der Grünen Partei Schweiz. Sie ist Co-Präsidentin der Parlamentarischen Gruppe KAIRO+ und hat an der  diesjährigen „women deliver-Konferenz“ in Kuala Lumpur teilgenommen. Kontakt: yvonne.gilli@parl.ch