aidsfocus.ch Meeting Point

Der Krankheit ein menschliches Gesicht geben

Von Helena Zweifel / Medicus Mundi Schweiz

Gäste von Interteam aus Tansania suchten bei ihrem Aufenthalt in der Schweiz den Erfahrungsaustausch zum Thema HIV und Aids. Aidsfocus.ch lud einen weiteren Gast aus Indien und Mitarbeitende von Entwicklungsorganisationen am 15. April 2013 in Basel zu einem Meeting Point ein, um konkrete Erfahrungen, Einsichten und Aktionsmöglichkeiten in der Arbeit mit Frauen im Kontext von HIV und Aids zu diskutieren.

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Einstieg in den Erfahrungs- und Informationsaustausch war die Frage nach den Erfolgsgeschichten in der Zusammenarbeit mit HIV-betroffenen Frauen in Tansania und Indien.

Eine Person allein kann das Problem nicht lösen…

Esther Ruhuta, Bereichsleiterin für Gesundheit und HIV/Aids beim Mwanza Rural Housing and Food Security Program in Tansania, berichtete von ihrer Arbeit im ländlichen Tansania, vom Leben der Frauen, die sehr arm sind, von Stigmatisierung und Ausgrenzung aidskranker Menschen und vom Glauben an Hexerei. Ein extremes und erschreckendes Beispiel: Eine HIV-positive Frau, deren Mann an Aids starb, wurde der Hexerei angeklagt und hingerichtet. Dank der beharrlichen Informations- und Beratungsarbeit mit Frauen zu Ernährung, Landwirtschaft und Gesundheit zeichnen sich langsam Veränderungen ab. Einiges hat sich verändert, erzählt Esther: „Heute  kümmern sich die Frauen um die Kranken und reden mit den Kindern über HIV. Ich bin stolz darauf, dass wenn du Frauen unterrichtest, die Dinge sich ändern.“

Ein Erfolgsgeschichte für die Pflegefachfrau Tanja Eberle, die im Auftrag von Interteam mit Esther zusammenarbeitet, ist die Unterstützung einer schwerkranken Frau. Tanja Eberle hatte rechtzeitig erkannt, dass die Frau an schwerer Tuberkulose litt und dringend ärztlicher Behandlung bedurfte. Gegen viele Widrigkeiten konnte sie durchsetzen, dass die Frau im Spital von Mwanza behandelt wurde. Nun ist die Frau wieder gesund zurück bei ihren Kindern und an der Arbeit im Feld.

Aus Indien berichte Sanghamitra Iyengar, Direktorin der lokalen NGO Samraskha, von einer jungen werdenden Mutter: Als die Schwiegereltern nach den Tod ihres Mannes entdeckten, dass sie HIV-positiv war, wurde sie spät abends aus dem Haus geworfen. Nachbarinnen nahmen sie auf und die Frauengruppe des Dorfes kümmerte sich fortan um sie und darum, dass sie die notwendige medizinische Behandlung zur Verhinderung der HIV-Übertragung aufs Kind erhielt. Erst an der traditionellen Zeremonie zur Aufnahme des Neugeborenen in die Gemeinschaft versöhnten sich die Schwiegereltern mit der jungen Mutter. „Wenn die Gemeinschaft Verantwortung übernimmt und aktiv wird, können auch Ausgrenzung und Stigmatisierungen überwunden werden“, fasst Sanghamitra diese Erfahrung zusammen.

Von diesen Geschichten ausgehend entspannte sich ein intensiver und praxisorientierter Austausch zu Stigma und Ausgrenzung, zur Relevanz lokaler Gemeinschaften im Engagement für Gesundheit für alle sowie weiterer fördernder Faktoren in- und ausserhalb des Gesundheitsbereichs und zur Rolle von Entwicklungsorganisationen im Engagement gegen HIV und Aids.

… es braucht die Gemeinschaft

In vielen Dörfern Tansanias fehlt es an allem, selbst an Seife, Handschuhen und Medikamenten für die Pflege aidskranker Menschen. Obgleich in Tansania antiretrovirale Medikamente grundsätzlich für alle gratis sind, gibt es sie in lokalen Kliniken oft nicht. Wie können die Frauen und Männer in einem sehr armen Dorf, wo die Leute fast nichts haben, mobilisiert werden, um HIV-Infektionen zu verhindern? Wie kann Behandlung, Pflege und Prävention miteinander verbunden werden?

Besonders in armen Gemeinschaften und Dörfern in Indien engagieren sich die Menschen füreinander, schildert Sanghamitra. Erfahrungen zeigen, dass die Menschen am meisten in urbanen Gebieten leiden, wo sie Zugang zu Medikamenten haben, sie jedoch sehr allein gelassen werden. Sie leiden emotional und psychologisch an dieser Isolation.

In Simbabwe ist Behandlung, Pflege und Prävention sehr eng miteinander verknüpft, bringt Barbara Müller, Geschäftsführerin des fepa, ihre Erfahrungen in die Diskussion ein. Wirkungsvölle Prävention ist nur möglich, wenn die Leute gleichzeitig unterstützt, behandelt und gepflegt werden. Die Unterstützungsgruppen in Simbabwe sind entstanden, als es noch keine antiretrovirale Behandlung gab. „Lieben und Sorgen“ war das Motto, mit dem die Organisation HIV-positiven und aidskranken Menschen begegneten. In die Gemeinschaft aufgenommen sein, obwohl krank, ist lebensnotwendig. Denn wird jemand von der Gemeinschaft ausgeschlossen, bedeutet dies in Simbabwe den Tod.

In vielen Regionen des globalen Südens sind Selbsthilfeinitiativen entstanden. Bei der Arbeit an einem Projekt zur Verbesserung der Vermarktung von Gemüse im ländlichen Tansania entdeckte Helvetas, dass die Leute einen Teil des Verkaufserlöses in einen Fonds einbezahlten, berichtet der Programmverantwortliche Martin Fisler. Mit diesem Fonds wird das sogenannte „Waisensystem“  gespeist: Kinder, durch Aids zu Waisen gemacht,  werden von Familien aufgenommen, auch wenn diese selbst sehr arm sind. Mit dem Geld aus dem Fonds können Nahrungsmittel und Schulhefte für die Waisen gekauft werden.

Eine der grossen Herausforderungen für Selbsthilfeinitiativen sieht Markus Bütler, Programmverantwortlicher bei terre des hommes schweiz, in der Moderation und im Monitoring solcher Solidaritätssysteme. Solche Initiativen müssen unterstützt und genährt werden, um nachhaltig zu sein. Was wirklich funktioniert, ergänzt Barbara Müller, ist das, was die Leute selbst auf die Beine stellen oder was in der Tradition begründet. In Simbabwe z.B. gibt es das „Guanambo“, das Feld des Häuptlings, welches er der Gemeinschaft zur Verfügung stellt. Dieses wird aktuell von der Gemeinschaft gemeinsam bewirtschaftet, um mit dem Erlös Waisen zu unterstützen.

Immer wieder kommt das Gespräch auf die Stigmatisierung und Ausgrenzung HIV-positiver Menschen und Hexerei zurück. Wie bereits Nelson Mandela sehr eindrücklich gesagt hat, ist es nicht die Krankheit, sondern das Stigma, das die Leute umbringt. Was können Organisationen tun im Kampf gegen Stigmatisierung und Ausgrenzung? Ausbildung und Aufklärung allein hilft wenig. Stigma ist gerade in der gebildeten Mittelschicht am stärksten verbreitet. An der Fachtagung von aidsfocus.ch am 11. April 2013 hatte Farai Mahaso von der simbabwischen NGO Batanai von ihrer Strategie im Kampf gegen Stigma erzählt. „Gib der Krankheit ein menschliches Gesicht“ lautet ihr Motto. Die Organisation hat HIV-positive Frauen und Männer ermutigt und unterstützt, in der Öffentlichkeit ihres Dorfes oder des Distrikts zu ihrem HIV-positiven Status zu stehen und damit erfolgreich gegen Stigmatisierung aidsbetroffener Menschen angekämpft.


Meeting Points: Voneinander lernen

Die Pflege des Wissens- und Erfahrungsaustauschs steht im Zentrum der Arbeit des Netzwerkes Medicus Mundi Schweiz und der Fachplattform aidsfocus.ch. Ein Beispiel sind die Meeting Points.

Am Meeting Point im vergangenen April gewannen die TeilnehmerInnen im intensiven und praxisorientierten Austausch Anregungen und Erkenntnisse für die eigene Arbeit. Markus Bütler schätzt es, die Arbeit und Perspektiven anderer NGOs kennen zu lernen: „Der Austausch und das Networking miteinander kann immer wieder ungeahnte Synergien freisetzen“. Rea Bonzi, Programmverantwortliche für Tansania bei der DEZA, fand den  „community life competence“ Ansatz aus Indien sehr inspirierend: „Er wird auf dem Prinzip der Solidarität aufgebaut wird: man unterstützt einerseits die Gemeinschaft, den Umgang mit HIV/AIDS zu meistern, und andererseits versucht man durch Aufklärung „to take away the threatening face of the disease.“

Dem Austausch von konkreten Erfahrungen und Kenntnissen, insbesondere deren Umsetzung in andere Kontexte und Kulturen sind auch Grenzen gesetzt. Tanja Eberle und Esther Ruhuta weisen darauf hin, wie stark sich Indien und Tansania unterscheiden und „dass eine Massnahme in einem Land umsetzbar ist, während sie in einem anderen Land mit einer anderen Kultur zu keinem Erfolg führt.“

Dennoch, über Kulturen und Kontinente hinweg kristallisieren sich gemeinsame Fragestellungen für Organisationen der Entwicklungszusammenarbeit heraus. Für Tanja Eberle und Ester Ruhuta sind es die Bedeutung einer guten Zusammenarbeit mit den Community Leaders und der im Bereich HIV/AIDS arbeitenden NGO. Für Tony Jungo, Interteam, ist es die Erfahrung, dass Organisationen der Zivilgesellschaft oft schwach sind sowie dass sie Unterstützung im Finden der eigenen Identität und im Bereich der Organisationsentwicklung brauchen – eine Rolle für NGOs. Für Rea Bonzi ist es die Notwendigkeit eines ganzheitlichen Ansatzes: „HIV/AIDS ist in der Abteilung Ost- und Südliches Afrika bei der DEZA ein transversales Thema, welches wir in all unseren Projekten berücksichtigen. Der Austausch mit den Fachpersonen am Meeting Point hat mir die Wichtigkeit eines ganzheitlichen Ansatzes beim Umgang mit HIV/AIDS wieder vor Augen geführt.“

Aidsfocus.ch und das Netzwerk Medicus Mundi Schweiz werden auch künftig mit Euch zusammen einen Meeting Point organisieren. Meldet Euch, wenn Ihr einen Gast aus dem Süden zu Besuch habt und den Austausch sucht: Helena Zweifel, aidsfocus.ch/ Medicus Mundi Schweiz, hzweifel@medicusmundi.ch