Sind Sie für Ihre eigene Gesundheit verantwortlich?

Ein Blick von aussen auf die Schweizer Gesundheitsversorgung

Die Teilnehmer/innen des Kurses „Health Care and Management in Tropical Countries“ (HCMTC) am Schweizerischen Tropeninstitut besuchten im Rahmen ihrer Ausbildung verschiedene Institutionen und Organisationen des Gesundheitswesens in der Region von Delémont. Die dabei gewonnenen Einblicke in Realitäten der Schweizerischen Gesundheitsversorgung bildeten die Grundlagen für das Gespräch einer Gruppe der HCMTC-Teilnehmer/innen* mit dem „bulletin medicus mundi“. Das Gesprächsprotokoll folgt nicht einem Frage-Antwort-Schema, sondern den von den Gesprächsteilnehmer/innen genannten Leitthemen.

Gesundheit ist Sache der Gemeinden

Elisabeth Moser: In Bolivien wie auch in anderen Ländern Lateinamerikas ist die aktive Beteiligung der Bevölkerung ein Angelpunkt der Gesundheitspolitik. Sowohl die Gemeinden als auch Bürger/innenbewegungen und Basisorganisationen sind von Rechts wegen daran beteiligt, im Gesundheitsbereich Prioritäten zu setzen und Entscheidung zu treffen. Ich arbeite in Bolivien in einem Basisgesundheitsprojekt. Dort muss ich gegenüber der Gemeinde jeden Monat Rechenschaft über meine Tätigkeiten und Erfolge ablegen: Gesundheitserziehung, Präventionsprogramme, Konsultationen etc. In Deutschland - und wohl auch in der Schweiz - liegt die Gestaltung des Gesundheitsbereichs mehr in den Händen von Parteien und Lobbys als bei den Nutzer/innen der Gesundheitsdienste. Kontrolle von Dienstleistungen findet nur institutionsintern statt.

„Ich gehe als Individuum zum Doktor, weiss nicht, was er auf seine Karteikarte schreibt und was für eine Rechnung er der Versicherung schickt.“ (Elisabeth Moser)

Empowerment

Catharina Sri Rahayu: In Indonesien ist das Gesundheitspersonal dazu aufgefordert, seine Arbeit auf die Bedürfnisse der Bevölkerung auszurichten: Während ihrer Ausbildung lehren wir den Gesundheitsarbeiter/innen, das Gespräch mit Schlüsselpersonen einer Gemeinschaft zu führen, zum Beispiel mit den Müttern. Denn diese kennen die Probleme, die Krankheiten ihrer Kinder am besten. Das Gesundheitspersonal versucht, die Mütter in ihrem Wissen zu bestärken, so dass sie als Gruppe voneinander lernen und Strategien entwickeln können. So kommen die Frauen auch in abgelegenen Gebieten oft monatlich mit den Gesundheitsarbeiter/innen zusammen, um zu diskutieren und ihre Bedürfnisse nach Gesundheitsdiensten anzumelden. Diese Politik des „Empowerment“ wird in Indonesien von der Regierung, aber auch von den Kirchen mitgetragen. Ausserdem ist sie Teil einer Kultur des Kollektivs, der Gemeinde.

„Ich wünsche mir einen stärkeren Austausch zwischen Gesundheitspersonal und Fachleuten in der Schweiz und in Ländern des Südens, damit wir miteinander und voneinander lernen können.“ (Catarina Sri Lahayu)

Basisgruppen

Morris Timothy: Gemeindebeteiligung ist ein schönes Wort, aber auch in Afrika keine Selbstverständlichkeit. Oft heisst es auch einfach, eine Gemeinde so weit zu bringen, dass sie akzeptiert, was wir für sie beschlossen haben. In der Schweiz müsste es doch möglich sein, die Instrumente für eine Beteiligung am Gesundheitsprozess zu entwickeln: kleine Gruppen, die ihre Probleme diskutieren und ihre Prioritäten und Strategien gemeinsam festlegen. Es dürfte zwar schwierig sein, die lange Tradition des Individualismus in der Schweiz zu durchbrechen, doch ist es genau so nötig wie in Afrika, wenn auch aus anderen Gründen: Alkoholismus, Umweltverschmutzung etc. sind Probleme, die besser gemeinsam angegangen werden.

Nachhaltigkeit

A.B.M. Muksudul Alam: Bei der Gesundheitsversorgung in Entwicklungsländern stellen wir bei der Auswahl der Massnahmen folgende Fragen: Können wir sie uns leisten? Werden sie von den Leuten akzeptiert? Bringen sie eine nachhaltige Verbesserung? Im „entwickelten“ Land Schweiz stelle ich fest, dass in allen Lebensbereichen kein grosser Wert auf Nachhaltigkeit gelegt wird: Ich spreche hier bewusst über eine „politische“ Frage ausserhalb des Gesundheitssektors im engeren Sinn. Gesundheitsfragen betreffen aber nicht nur Ärzte und Gesundheitsprogramme.

„Ihr konsumiert, ohne an die zukünftigen Generationen bei euch oder in der Dritten Welt zu denken.“ (A.B.M. Muksudul Alam)

Begrenzte Ressourcen als Chance

Klaus-Peter Schmitz: Warum sind Basisgesundheitsprogramme so wichtig für die Dritte Welt? Es gibt in der Regel gar keine Alternative; die Mittel für eine teure Medizin fehlen. In der Bevölkerung der meisten Länder besteht aber ein grosses Verständnis dafür, welche Elemente der Gesundheitsversorgung wichtig sind. Die Leute sind fähig, die Buchstaben der Erklärung von Alma Ata mit Realitäten zu füllen. Der Schlüssel liegt dabei in der Gemeindebeteiligung.

„Präventionsprogramme entstehen in Europa wohl nicht aus einer tieferen Erkenntnis ihrer Nützlichkeit, sondern aus der Kostenanalyse der kurativen Medizin. Jetzt, da die Kosten so hoch sind, dass wir uns die kurative Medizin auf diesem Niveau nicht mehr leisten können, kommt auch in Europa langsam etwas in Bewegung in Richtung Prävention.“ (Klaus-Peter Schmitz)

In Europa gibt es ein anderes Kräftefeld: Da ist vor allem die Industrie, die ihre Produkte verkaufen will, seien es Arzneimittel, Instrumente oder Geräte für Therapie und Diagnostik. Die „Public Health“-Programme in Deutschland beschränken sich auf Impf- und Schulprogramme und haben keinen grossen Einfluss auf die Gesundheitspolitik, selbst wenn erwiesen ist, dass durch präventive Massnahmen viele Erkrankungen vermieden werden könnten. Ein Spitaldirektor in Delémont gab uns die Auskunft, dass nur ein Prozent des Schweizerischen Gesundheitsbudgets für Präventionmassnahmen investiert wird. Dies zeigt eine erschreckende Realität.

„Gesundheitserziehung und -promotion müssen in der Schweiz unbedingt vorangebracht werden. Vorbeugen ist besser als heilen. Wir tun dies in Afrika nicht nur, weil es billiger ist, sondern weil es der richtige Weg ist.“ (Kofi Acheampong-Boateng)

Basisgesundheit in der Schweiz - ein hoffnungsloser Fall?

Kofi Acheampong-Boateng: Das Schweizerische Gesundheitswesen ruht sich auf den in der Vergangenheit erworbenen Lorbeeren aus, insbesondere all den hochentwickelten technischen Einrichtungen zur Diagnose und Behandlung von Krankheiten. So werden alle Kranken zu den medizinischen Fachpersonen gebracht: Sie haben die Ausrüstungen, also sollten sie in der Lage sein, die Krankheit zu behandeln. Gesundheit erscheint so einfach zu reparieren wie ein Auto nach einem Blechschaden. Deshalb ist es nicht nötig, sich um Prävention zu kümmern. Trotzdem gibt es viele Probleme: Unfälle, Herzkrankheiten, Alkoholismus - wie können sie angegangen werden, wenn nur ein Prozent des Gesundheitsbudgets in Prävention investiert wird?

„Ich wünsche der Schweiz, dass sie dazu fähig ist, einen wichtigen Teil des Gesundheitsbudgets von der kurativen, klinischen Medizin in Programme der Basisgesundheit zu überführen.“ (Morris Timothy)

Verantwortung für die Gesundheit übernehmen!

Norbert Rehlis: In Europa denkt man wohl, Basisgesundheit sei etwas für arme Menschen in armen Ländern: Die Gesundheitsversorgung in den Spitälern ist zu teuer und kommt nur einer kleinen Gruppe zugute, also ist es besser, einen billigen, dezentralen Gesundheitsdienst in den Gemeinden einzurichten, der alle erreicht. Der Nebeneffekt: die Leute haben gelernt, dass sie die Verantwortung für ihre Gesundheit tragen.
Diese Frage müsste man auch den Leuten in der Schweiz stellen: Sind Sie für Ihre Gesundheit verantwortlich? - Wenn nicht, dann ist es wohl unmöglich, ein Basisgesundheitssystem in der Schweiz einzuführen. Die Leute hier wissen, dass Rauchen schädlich für ihre Gesundheit ist, doch sie rauchen. Also nehmen sie die Verantwortung für ihre Gesundheit nicht wahr. Sie sind nur Konsument/innen von Gesundheitsdienstleistungen, delegieren Gesundheit an Institutionen wie Spitäler, Gesundheitsministerien, Versicherungen, ohne selbst am Prozess Gesundheit teilzunehmen. Den Schlüssel zu Veränderungen im Verhalten der Schweizer/innen sehe ich in der Gesundheitserziehung an den Schulen, die bereits in den untersten Schulklassen einsetzen und einen hohen Stellenwert haben sollte.

„Ich hoffe, dass die Schweiz mehr in Gesundheitserziehung investiert. So wissen zum Beispiel die meisten Frauen, die wir in Delémont befragt haben, nicht, dass es wichtig wäre, ihr Baby während 4 bis 6 Monaten zu stillen.“ (Amelia Lagunju)

Eine Ermutigung

Dipti Prakash Poddar: Wir haben bei unserem Aufenthalt in Delémont in einer Zeitung über ein Netzwerk von Unterstützungsgruppen für Eltern krebskranker Kinder gelesen (Association romande des familles d’enfants cancereux) und eine dieser Gruppen danach besucht. Dieses Beispiel einer Basisgruppe in einem von den Gesundheitsdiensten nicht abgedeckten Bereich beeindruckte uns: Die Gruppe vermittelt den Kindern und ihren oft isolierten, frustrierten Eltern ein Gefühl der Zugehörigkeit. Ein faszinierendes, ermutigendes Beispiel von Beteiligung der Bevölkerung, von Primary Health Care in der Schweiz.

„Ich wünsche der Schweiz, dass sich ihre Gesundheitsversorgung vermehrt an den Menschen statt an den Krankheiten orientiert.“ (Dipti Prakash Poddar)

Solidarität

Catharina Sri Rahayu: Es gibt auch in der Schweiz Solidarität. Wir hatten in Delémont Einblick in eine von einer privaten NGO geführte Behindertenwerkstatt (Les Castors) und waren sehr beeindruckt, wie ein Raum geschaffen wurde, der es den geistig und körperlich Behinderten ermöglichte, sich mit ihren beschränkten Fähigkeiten in einer Gruppe zu bewegen, zu arbeiten, sich einzubringen. Integration der Behinderten ist zwar nicht die gemeinsame Aufgabe eines ganzen Dorfes oder einer Familie wie bei uns in Indonesien. Doch zeigte uns Les Castors, dass es - bei einer entsprechenden Bereitschaft, einer entsprechenden Grundhaltung - auch in der Schweiz Gelegenheiten gibt, etwas für die anderen Menschen zu unternehmen.

„Die Leute in der Schweiz arbeiten so viel. Sie haben oft keine Zeit für ihre Familie, ihre Kinder. Wie können sie sich da um ihre Gesundheit kümmern? Sie rennen einem besseren Leben nach - und verpassen es gerade dadurch. In Entwicklungsländern haben die Leute oft viel Zeit. Deshalb kann man zu ihnen sprechen, einer Gemeinde zuhören. Dies ist in der Schweiz wohl kaum möglich.“ (Norbert Rehlis)

*Am Gespräch vom 16. Mai im Schweizerischen Tropeninstitut in Basel nahmen teil: A.B.M. Muksudul Alam, Arzt aus Bangladesh; Kofi Acheampong-Boateng, Spitalverwalter in Ghana; Amelia Lagunju, Ärztin aus Sao Tome e Principe, zur Zeit in Nigeria; Elisabeth Moser, Krankenschwester aus Deutschland, zur Zeit in Bolivien; Dipti Prakash Poddar, Sekretär einer Voluntary Health Association in Indien; Norbert Rehlis, Arzt aus Polen, Präsident der humanitären Hilfsorganisation „Redemptoris Missio“; Klaus-Peter Schmitz, Chirurg aus Deutschland, künftig in Namibia; Catharina Sri Rahayu, Krankenschwester aus Indonesien; Morris Timothy, Arzt aus dem Sudan, zur Zeit in Äthiopien. Gesprächsleitung, Übersetzung und Redaktion: Thomas Schwarz.