Kulturspezifische Fragestellungen im Gesundheitswesen - ein Fallbeispiel

Kinderlosigkeit. (K)ein Fall für den Psychiater

Von Kojo Koranteng

Frau K., eine Muslimin, die ursprünglich aus dem nördlichen Irak stammt, kommt in Begleitung ihres Ehemannes in die Sprechstunde. Beide leben als Flüchtlinge in der Schweiz. Frau K. ist psychotisch-depressiv, und eine Hospitalisation ist unvermeidbar. Sie gibt kaum Antwort auf die Fragen. Der Ehemann sagt lediglich, dass seine Frau seit Tagen nicht mehr richtig esse, rastlos und schlaflos sei, sich aber wenigstens ziemlich ruhig verhalte. Im Haushalt mache sie wenig bis gar nichts. Es sei schlimm mit ihr. Die junge Frau wirkt ratlos, verzweifelt und ist sicher latent suizidial.

Frau K. ist in der Klinik gut bekannt. Sie wurde vor einigen Monaten schon einmal hospitalisiert aufgrund einer schweren Depression mit mutistischem und kataton-ähnlichem Zustandsbild. Seither hat sich ihr Zustand kaum gebessert. Im Vordergrund der Störungen der jungen Frau steht ihre Infertilität und Kinderlosigkeit. Verbunden mit ihrer gesellschaftlichen Isolation, erlebt sie sich in der Schweiz als wertlos respektive minderwertig. Zu Hause im Irak hätte es für Frau K. Auswege aus ihrem Unglück gegeben: Im grossfamiliären Gefüge Ihrer Heimat ist es durchaus üblich, dass ein kinderloses Ehepaar Kinder aus der unmittelbaren Grossfamilie „quasi-adoptiert“. Damit wird der Stigmatisierung und möglichen psychischen Entgleisungen einer kinderlosen Frau entgegengewirkt.

Das Problem der Infertilität und Kinderlosigkeit und die damit oft verbundenen sozialen und psychischen Belastungen sind in allen Kulturen bekannt, auch in der Schweiz. Aufgrund der zunehmenden Individualisierung in den nördlichen Gesellschaften formulieren jedoch manche Frauen im Norden eindeutig, dass sie keinen Wunsch nach Kindern haben. Dies können Frauen aus traditionellen Gesellschaften kaum glauben oder nachvollziehen. Anderseits wissen sich Emigrantinnen, die vor dem Problem der Kinderlosigkeit stehen, kaum zu helfen, wenn in ihrer Kultur die weibliche Identität stark auf ihre Fertilität und auf die Erhaltung der Familie ausgerichtet ist. Kinderlose Emigrantinnen - und ihre Männer - aus traditionellen Kulturen sind deswegen in der Schweiz auf besondere Hilfe und Verständnis angewiesen.

Frau K. kann sicherlich nicht einfach mit einer psychopharmakologischen Behandlung mit Antidepressiva geholfen werden. Ebenso aussichtslos ist leider angesichts der Arbeitsmarktsituation der Versuch ihrer „Resozialisierung“ in der Arbeitswelt durch Beschäftigungstherapie und anschliessender Vermittlung einer Arbeitsstelle. Grundlage einer erfolgreichen Intervention ist die Einfühlung in ihre Situation, die nur möglich ist, wenn wir ihre Kultur, ihre Werte und die daraus entstehenden existentiellen Probleme ernst nehmen.

Angesichts der zunehmend multikulturellen Zusammensetzung der Gesellschaft in der Schweiz ist es dringend nötig, dass im Bereich der Sozialarbeit mit Emigrant/innen, aber auch in ihrer medizinischen Betreuung die kulturspezifischen Probleme der anders Denkenden und anders Sozialisierten früh als solche erkannt werden. Darauf aufbauend müssen kulturspezifische Lösungsansätze gesucht werden. Ein weiterer, schwieriger Schritt ist der Versuch einer echten Integration, der Weg zu einer modernen multikulturellen Gesellschaft in der Schweiz.

Kulturspezifische Arbeit betrifft aber nicht nur die „andern“ und ist kein einseitiger Prozess. Die Beschäftigung mit anderen, andersdenkenden Kulturkreisen ermöglicht, die eigene Sichtweise - und die eigenen kulturspezifischen Probleme - zu erkennen und zu relativieren.

*Kojo Koranteng, Psychiater mit Schwerpunkt Ethnopsychiatrie, studierte in Österreich und lebt heute in Basel. Zur Zeit arbeitet er am Projekt zur Gründung eines Instituts für Ethnomedizin und Sozialpsychologie in Ghana.