Als Hebamme in der "Gran Maternidad Enrique C. Sotomayor" in Guayaquil, Ecuador

"Die Geburt ist ein chirurgischer Eingriff"

Von Brigitte Hintermann

Der Gebärsaal in der allgemeinen Abteilung der Geburtsklinik ist ein fensterloser, hellgrün gestrichener Saal, in dem acht gynäkologische Stühle dicht, ohne Abtrennung, einer neben dem andern stehen. Die "Aire Acondicionado" bläst einem kalte Luft entgegen. Ich gehöre jetzt auch zu den vielen Hebammen, die hilft, die 120-140 Geburten pro Tag zu bewältigen...

Trotz des Streiks der öffentlichen Transportunternehmen war es mir immer irgendwie möglich, zu meinem Arbeitsplatz der "Gran Maternidad" zu gelangen, der von der Wohltätigkeitsorganisation "Junta de Beneficencia" geführten Geburtsklinik. Die Klinik liegt im Zentrum Guayaquils in einem der unsicheren Gebiete, wo viel informeller Handel stattfindet. Das stehende, stinkende Wasser in den Strassengraben sowie die Abfallberge verbreiten einen derart üblen Geruch, dass mich am Morgen auf dem Arbeitsweg häufig Brechreiz überkommt. In der Maternidad dem "sicheren Hafen" angekommen, verkleide ich mich nach den hier üblichen Regeln, um den Gebärsaal betreten zu dürfen. Die aufgehängten Schilder mit dem Vermerk "Die Geburt ist ein chirurgischer Eingriff. Der Gebärsaal ist eine chirurgische Zone" ruft bei mir ein Kopfschütteln hervor.

Alle Frauen, die vor der Geburt stehen, kommen auf einen Liegewagen und werden in einem Saal "Preparto" genannt, nebeneinander hingereiht. Dort verbringen sie nun liegend oder allerhöchstens sitzend die Zeit in den Wehen. Die Angehörigen haben keinen Zutritt. Die Frauen bekommen ab Spitaleintritt weder zu essen noch zu trinken. Sie dürfen nicht einmal zum Wasserlösen aufstehen. Aufmunternde Worte von Seiten einer Hebamme haben fast Seltenheitswert. Ich nenne den "Sala de Preparto" das Niemandsland. Es ist das Paradies für junge Ärzte und Hebammen, sich fleissig im vaginal Untersuchen zu üben. Was ich jedoch sehr wertvoll finde ist, dass bei physiologischen Geburten die kindlichen Herztöne mit dem altherkömmlichen Stethoskop de Pinard kontrolliert werden. Welche junge Schweizer Hebamme kann das heutzutage noch?

Das Arbeiten in diesem streng hierarchischen System hat von mir viel Anpassung an die hiesigen Gepflogenheiten abverlangt, damit man mich und meine Arbeit respektiert hat. Ich habe gelernt, die Nahtversorgung bei Episiotomien und Dammrissen vorzunehmen. Es macht wirklich Spass, wenn man nicht nur schneiden darf, sondern auch nähen kann! Das vervollständigt die Arbeit, rundet sie ab, gibt der Hebamme Autonomie. In der "Gran Maternidad" fehlt es nicht an Material. Ein "active labour management" mit Fruchtblase sprengen und Wehentropf anhängen, ist hier an der Tagesordnung. Dabei wird aber keine Cardiotocographie-Überwachung (CTG) vorgenommen, und es stehen auch keine Schmerzmittel zur Verfügung. In der Schweiz wäre so etwas undenkbar. Fälle von schwerer Präeklampsie oder gar Schwangere, die mit eklamptischen Anfällen eingewiesen werden und sofort sektioniert werden müssen, kommen täglich vor. Vielfach handelt es sich dabei um juvenile Schwangerschaften, 14-16jährige Erstgebärende aus sozioökonomisch tiefer Gesellschaftsschicht.

In der "Provincia del Guayas" deckt die "Gran Maternidad Enrique C. Sotomayor" mit 347 Betten die Mehrheit der gynäkologischen/geburtshilflichen Eingriffe ab. 1997 kamen in dieser Institution 41'973 Kinder zur Welt, was fast 25% der gesamten Geburtenzahl des ganzen Landes darstellt (in der Schweiz werden pro Jahr etwa 81'000 Kinder geboren).

Schwangerschaften von Jugendlichen - und "planificación familiar a la fuerza"

Die vielen juvenilen Schwangerschaften sind in ganz Equador ein soziales Problem. Die Zahl der adoleszenten Gebärenden liegt in der Sierra, in der Maternidad "Isidor Ayora" der Hauptstadt Quito, bei 30%. In der Küstenregion, in der "Gran Maternidad" von Guayaquil, beläuft sich die Zahl sogar auf 54%. Bei den meisten handelt es sich um ledige Mütter. Nur wenige leben mit einem Partner zusammen, die Promiskuität ist hoch.

Wie begegnet man dieser Problematik in der "Gran Maternidad"? - Kaum ist die junge Frau Mutter geworden, die Hebamme ist eben noch dabei, die Episiotomie zu nähen, schaltet sich die Sozialarbeiterin ein. Sie versucht, die frischgebackene Mutter davon zu überzeugen, sich gleich jetzt zum Spottpreis von 15'000 sucres die "T de cobre" (Diu) einlegen zu lassen. Willigt die Frau ein und unterschreibt ein Formular, wird ein sogenanntes "legrado" vorgenommen, d.h. die Gebärmutter wird mit der eisernen Kürette ausgekratzt, ohne Anästhesie natürlich! Danach wird das Diu durch die Hebamme oder den Arzt eingelegt. Die Geräuschkulisse im Gebärsaal muss man sich noch dazu denken. Seit einem Jahr wird das Einlegen des DIU gleich nach der Geburt praktiziert. Es ist noch zu früh, über den Erfolg oder Misserfolg diese "planificación familiar a la fuerza" zu berichten. Im Moment ist die Geburtenzahl weiterhin steigend....

Dank dem Stipendium von Medicus Mundi Schweiz war es mir möglich, eine einmalige Erfahrung in einem der grössten geburtshilflichen Spitäler Südamerikas zu machen. In zwischenmenschlichen wie in fachlichen Bereichen habe ich viel dazugelernt. Als Hebammen befinden wir uns immer auf einer Gratwanderung. Leben und Tod sind ganz nahe beieinander. Ein wacher Geist, Fachwissen, Mut und Vertrauen in die Physiologie müssen die Begleiter bei unserer täglichen Arbeit sein. Meine Motivation ist gross, mich für frauenfreundliche und individuell angepasste Geburtshilfe einzusetzen - wo immer mich das Leben in Zukunft auch hinführt.

Medicus Mundi Schweiz unterstützte das Praktikum von Brigitte Hintermann vom April 1999 mit einem Beitrag aus dem von der DEZA finanzierten "Weiterbildungs- und Sensibilisierungsfonds".