Bericht der Tagung

Aids muss auf der politischen Agenda bleiben

Von Helena Zweifel / Medicus Mundi Schweiz

Soll angesichts der schlechten Wirtschaftslage in der weltweiten Aidsarbeit gespart werden? Wie kann die Forderung, dass alle Menschen bis ins Jahr 2015 Zugang zu umfassender HIV-Prävention, Behandlung und Pflege erhalten, umgesetzt werden? Was bedeuten schwindende Ressourcen für Schweizer NGOs, die sich in der internationalen Aids- und Gesundheitszusammenarbeit engagieren? Diese Fragen diskutierten die RednerInnen und TeilnehmerInnen an der Tagung von aidsfocus.ch zur Zukunft der globalen Aidsbekämpfung.

Die Weltwirtschaftkrise hat die Ärmsten am schwersten getroffen. Die Lebenschancen der ohnehin in extremer Armut lebenden 390 Millionen Menschen in Subsahara-Afrika werden durch den Rückgang des Wirtschaftswachstums und die Verringerung des Durchschnittseinkommens weiter geschwächt. Nichtregierungsorganisationen (NGOs) und öffentliche Institutionen, welche aidsbetroffene Menschen behandeln, können keine neuen PatientInnen aufnehmen und mussten gar ihre Tore schliessen. Oder NGOs, die sich um die Betreuung und Unterstützung von Waisen und anderen gefährdeten Kindern kümmern, sind bereits von Budgetkürzungen betroffen.

Für die Regierungen und EinwohnerInnen der wohlhabenden Staaten Europas und Nordamerikas erscheinen die Probleme „zu Hause“ dringlicher als Armut und Krankheit in den Ländern des Globalen Südens. Sie vergessen die eingegangen Verpflichtungen, sich für die Umsetzung des Rechts aller Menschen auf Gesundheit zu engagieren und dazu beizutragen, bis ins Jahr 2015 allen Menschen weltweit Zugang zu umfassender HIV-Prävention, Behandlung, Pflege und Unterstützung zu ermöglichen. In diesem Klima findet auch die Kritik an krankheitsspezifischen Initiativen einen guten Nährboden: zu viel Geld sei in die Bekämpfung von HIV und Aids investiert worden, auf Kosten anderer Prioritäten wie z.B. der Gesundheit von Mutter und Kind.

HIV und Aids ist mit gegenwärtig 33,4 Millionen Menschen, die mit HIV leben, nach wie vor ein schwerwiegendes globales Problem, das weit über den Gesundheitssektor hinausreicht. Welches sind die Implikationen der internationalen Debatten und der Budgetkürzungen for NGOs, die im Bereich von HIV, Aids und internationaler Zusammenarbeit tätig sind? Was bewirkt der Entscheid internationaler Geldgeber, künftig mehr Gelder in die Stärkung von Gesundheitssystemen zu investieren? Wie kann – trotz allem – der Zugang aller zu umfassender Gesundheitsversorgung erreicht und die Millenniumsentwicklungsziele verwirklicht werden?

Fokus Aids

Auch wenn Herkunft und Perspektiven der verschiedenen RednerInnen recht unterschiedlich waren, gab es in vielen Punkten grosse Übereinstimmung. Die meisten RednerInnen würdigten die im Kampf gegen die Ausbreitung von HIV und Aids und in der Behandlung aidsbetroffener Menschen erzielten Resultate. Der weltweite Fokus auf Aids hatte nachweislich Ressourcen mobilisiert und zu Erfolgen geführt. Im Jahre 2000 hatte es noch niemand für möglich gehalten, dass Menschen auch in den wirtschaftlich rückständigen Regionen erfolgreich behandelt werden können. Seit 2003 hat sich die Zahl der Behandelten weltweit verzehnfacht. Mit dem Fokus auf eine bestimmte Krankheit konnten Kräfte gebündelt werden. Ein wichtiger Faktor war auch die grosse Solidarität von Menschen im Norden mit den Menschen im Süden.

Christoph Benn, Direktor „External relations and partnerships“ beim Globalen Fonds zur Bekämpfung von Aids, Tuberkulose und Malaria berichtet, dass der Globale Fonds bis Dezember 2009 für 10 Milliarden für HIV, Tuberkulose und Malaria-Programme in 144 Ländern ausgegeben hat. So konnten täglich mindestens 3'600 Menschenleben gerettet, Tausende neuer Infektionen verhindert und unbeschreibliches Leiden gemindert werden.

Aidsprogramme stärken Gesundheitssysteme

Die in der internationalen Aidsbekämpfung erzielten Resultate strahlen weit über den Aidssektor hinaus und haben sich positiv auf Gesundheitssysteme und den Gesundheitszustand der Bevölkerung ausgewirkt. Dies war der zweite Konsens an der Fachtagung. Sharonann Lynch, Policy Advisor zu HIV und Aids bei Médecins Sans Frontières (MSF) und Mitautorin der Studie „Punishing Success“ kann mit Fakten belegen, dass in Regionen mit hoher HIV-Prävalenz und wo viele Menschen mit Aidsmedikamenten versorgt und behandelt werden, die Sterblichkeitsrate allgemein gesunken ist. Die antiretrovirale Behandlung von HIV-positiven Menschen stärkte auch andere wichtige Ziele im Gesundheitsbereich, vor allem die Mutter-Kind-Gesundheit. Wo die werdenden Mütter behandelt werden, wird die Chance, dass ihr Baby infiziert wird, gesenkt, und eine gesunde Mutter ist die beste Überlebenssicherung für das Kleine. Eine eben im medizinischen Journal „The Lancet“ veröffentlichte Studie zeigt, dass fast eine von fünf Müttern an den Folgen von Aids starb, was verhindert werden könnte. Aidsprävention und –behandlung ist daher auch Gesundheitsvorsorge für Mutter und Kind.

Umgekehrt kann keine vertikale, krankheitsspezifische Initiative erfolgreich sein, wenn das Gesundheitssystem zu schwach ist und es keine ÄrztInnen und kein Pflegepersonal gibt. Selbst der Globale Fonds zur Bekämpfung von Aids, Tuberkulose und Malaria investiert bei krankheitsspezifischen Interventionen in die Stärkung der lokalen Gesundheitssysteme. Wie Christoph Benn aufzeigt fliesst etwa ein Drittel der Gelder des Globalen Fonds in den Aufbau und die Verbesserung der Gesundheitssysteme. Mit Fotos einer Klinik in Lesotho illustriert Sharonann Lynch die These der Stärkung der Gesundheitssysteme: Das leerstehende, leicht vergammelte Gebäude war dank der Intervention von MSF und dem Programm zur Behandlung von HIV-positiven und aidskranken Menschen zu einer gut funktionierenden Klinik mit den notwendigen Apparaturen, elektrischem Strom, einem Arzt und KrankenpflegerInnen umgewandelt worden.

Weniger Geld – weniger Behandlungen

Die erzielten Erfolge jedoch sind in Gefahr, mit langfristigen Konsequenzen für die betroffenen Menschen und die weitere Ausbreitung der Epidemie. Dies ist der dritte Konsens. Folgende Gründe wurden genannt: das schwindende politische Engagement von Regierungen und internationalen Organisationen, die Weltwirtschaftskrise, eine allgemeine „Aidsmüdigkeit“ wie auch die Debatte um Prioritäten in der internationalen Gesundheit.

Die Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (DEZA) hat in verschiedenen Ländern Auswirkungen der Krise auf nationale und lokale Aidsprogramme festgestellt. Der Gesundheitsbeauftragte Andreas Loebell sieht den Impakt im sinkendem Haushaltseinkommen und damit einhergehender vermehrter Armut und in der Reduktion der Budgets nationaler Regierungen für Aidsprogramme. Studien der Weltbank und der UNAIDS belegen den negativen Impakt der Krise und warnen vor einer weiteren Verschlimmerung. Ein Survey von UNAIDS 2009 zeigte, dass 55 Prozent der Organisationen der Zivilgesellschaft letztes Jahr weniger Geld für Prävention zur Verfügung hatten als im Jahr 2008. Gesundheitszentren und Kliniken mussten ihre Tore schliessen oder neue PatientInnen abweisen.

Sharonann Lynch von MSF spricht von einem neuen Phänomen, der „Behandlungsmitration“: Der Mangel an Medikamenten treibt HIV-positive Menschen von einer Klinik zur anderen. Wenn sie zu einer MSF-Klinik kommen sind sie bereits sehr geschwächt und dem Tod nahe. Das medizinische Personal wird oft vor die existentielle Frage gestellt, wen sie ins Programm aufnehmen können und vor allem wen nicht. Eine Frage wie bei einer Schiffshavarie: Wen nehmen wir ins Rettungsboot auf, das zuwenig Platz für alle hat?

Auch die Vertreterin der ugandischen Aidsorganisation TASO, Florence Ajok Odoch, berichtet von den zunehmenden Nöten HIV-postiver Menschen in Uganda. Für die PatientInnen ist es oft schwierig, die für die Behandlung notwendigen Medikamente zu erhalten, da die Lieferung nicht funktioniert, der Weg zur Klinik zu weit und mit dem Bus zu teuer ist oder die Medikamente nicht auf den leeren Magen eingenommen werden dürfen. Was geschieht zum Beispiel in einer Familie, wenn die Mutter in Behandlung ist und jetzt auch der Mann behandelt werden sollte? Was tun ohne Geld, Arbeit oder Krankenversicherung? Die Pillen miteinander teilen – auch mit dem Risiko der Resistenzbildung? Wer soll krank werden und sterben? Dies sind beunruhigende Entwicklungen.

Wie kann das Geld am wirkungsvollsten eingesetzt werden?

Wird das knapper werdende Geld auch richtig eingesetzt? Erreicht es diejenigen, die es auch wirklich benötigen? Florence Ajok ist kritisch. Basisorganisation haben zunehmend Mühe, an die notwendigen Gelder zu kommen. Florence Ajok schildert, wie TASO eng mit Basisorganisation und den Dorfgemeinschaften zusammenarbeitet. Die Dorfgemeinschaften tragen die Präventionsbotschaften weiter und unterstützen die aidskranken Menschen und Waisen in ihrer Mitte. Ein Grossteil der Arbeit wird von Freiwilligen gemacht. Für die Basisarbeit braucht es wenig Geld: ein bisschen Geld, um die Freiwilligen auszubilden und sie in ihrer Arbeit zu begleiten, für ein Fahrrad zur Fahrt in die Dörfer und Geld für ein Mittagessen. Doch fehlt auch dieses, fällt eine wichtige Unterstützung in den Dörfern aus.

In Uganda werden Programme über den neu eingerichteten „Zivilgesellschaftsfonds“ finanziell unterstützt. Der Fonds bevorzugt aber die grösseren nationalen Organisationen und schmälert die Chancen der kleinen. Diesen fällt es oft schwer, „professionelle“ Anträge für Unterstützungsgelder zu schreiben, welche den steigenden Ansprüchen nach messbaren Resultaten und Kontrollsystemen genügen. Einige Basisprogramme mussten schliessen oder ihren Aktionsradius verkleinern. Die Kosten dieser Entwicklungen werden auf die HIV-positiven Menschen und ihre Familien abgewälzt.

Florence plädiert dafür, vermehrt Basisprogramme zu unterstützen und zu erweitern um alle aidsbetroffenen Menschen zu erreichen. Zudem sollen die sozialen Unterstützungssysteme gestärkt und die Betroffenen darin unterstützt werden, auch wirtschaftlich auf eigenen Beinen zu stehen. Aids braucht heute mehr Ressourcen denn je zuvor, schliesst sie.

Braucht es neue Ansätze?

Auch Stefan Germann, Direktor von „Learning & Partnerships“ bei World Vision International in Genf spricht von der Notwendigkeit und Schwierigkeit, auch jene zu erreichen, die die Unterstützung am dringendsten brauchen. Selbstkritisch analysiert er die bisherigen Strategien und Erfolge: „Bisher haben wir Erfolge erzielt bei jenen Leuten und Regionen, die relativ einfach erreichbar waren, den sogenannt niedrig hängenden Früchten“. Die grössere Herausforderung bleibt, die am meisten marginalisierten und am entferntesten wohnenden Kinder zu erreichen. Aufgrund der Erfahrungen der „Joint Learning Initiaitve on Children and AIDS“ soll bei Initiativen zur Verhinderung der vertikalen HIV-Übetragung und anderen Interventionen vermehrt die Familie im Zentrum stehen. Durch die Behandlung der Eltern oder der Kinder sollen die Familien beisammen gehalten und Kinder im Rahmen der Familie unterstützt werden.

Andreas Loebell von der DEZA folgert aus den Erfahrungen von bestehenden Aidsprogrammen, dass integrierte Ansätze wirksamer und effizienter sind, was besonders wichtig ist in Zeiten schrumpfender Finanzierung. Er verspricht sich grössere Wirksamkeit durch Synergien mit Programmen der sexuellen und reproduktiven Gesundheit. Die DEZA arbeitet durch internationale und multilaterale Organisationen wie UNAIDS, UNFPA und dem Globalen Fonds an der Stärkung der Integration von HIV, Aids und sexueller und reproduktiver Gesundheit. Dasselbe gilt für die bilateralen Programme, insbesondere in Subsahara-Afrika, wo die DEZA ein regionales Programm zur HIV-Prävention mit Jugendlichen unterstützt und sexuelle und reproduktive Rechte integriert.

Die Forderung nach verstärkter Integration von HIV-Prävention, Behandlung und Pflege in andere Bereiche scheint ein weitgehender Konsens zu sein. Auch Robin Gorna, Präsidentin der International AIDS Society (IAS) sieht in der konsequenteren Integration etwa von HIV-Aufklärung in Familienplanung, in die Aufklärung und Behandlung von Tuberkulose oder in die Personalschulung ein wichtiger Weg. Sie betont gleichzeitig, dass nicht an der Prävention, insbesondere nicht für Risikogruppen gespart werden darf, da dies langfristige Folgen für die Ausbreitung der Epidemie haben würde.

Die gegenwärtigen Diskussionen und Bemühungen, den Globalen Fonds auszuweiten und alle gesundheitsrelevanten Milleniumsentwicklungsziele (einschliesslich Gesundheit von Mutter und Kind) einzuschliessen, haben durchaus ihre Gültigkeit. Es wird jedoch befürchtet, dass dafür keine zusätzlichen Gelder gesprochen werden, sondern das Geld, das bisher für Aids bestimmt war, auf zusätzliche Töpfe verteilt wird.

Aids darf nicht von der politischen Agenda verschwinden

Grosser Konsens bei ReferentInnen und TeilnehmerInnen besteht darin, dass es mehr und nicht weniger Geld braucht und vor allem eine langfristige planbare Finanzierung, um die Milleniumsziele zu erreichen. Das heisst, es braucht mehr Gelder für die Aidsbekämpfung plus zusätzlich für die Stärkung der Gesundheitssystme. Die Regierungen sind gefordert, einschliesslich der Schweizer Regierung.

Die TeilnehmerInnen der Tagung forderten einstimmig, dass die Schweiz die Entwicklungszusammenarbeit kurzfristig auf 0,5 Prozent des Bruttoinlandprodukts und mittelfristig auf 0,7 Prozent erhöhen soll wie auch das finanzielle Engagement in multilateralen Organisationen wie dem Globalen Fonds zur Bekämpfung von Aids, Tuberkulose und Malaria. Auch die Schweiz, die sich den Millenniumszielen und damit auch der internationalen Aidsbekämpfung verpflichtet hat, soll in die Verantwortung genommen werden.

aidsfocus.ch und die darin mitwirkenden Hilfswerke und Organisationen wollen ihr Engagement für das Recht aller Menschen auf Gesundheit und Leben verstärken. Für aidsfocus.ch heisst dies, sich vermehrt in der Öffentlichkeitsarbeit und Advocacy zu engagieren, damit Aids auf der politischen Agenda bleibt. Die VertreterInnen von Hilfswerken wollen die an der Tagung gewonnenen Einsichten wie die bessere und konsequente Integration von HIV-Massnahmen in andere Bereiche oder die Zusammenarbeit mit Basisorganisationen in Sache HIV und Aids umsetzen.

* Helena Zweifel ist Geschäftsführerin des Netzwerks Medicus Mundi Schweiz und Koordinatorin der Fachplattform aidsfocus.ch Kontakt: hzweifel@medicusmundi.ch