Ein Toolkit für lösungsorientierte Erinnerungsarbeit

„Es hat mir neuen Mut gegeben“

Von Helena Zweifel / Medicus Mundi Schweiz / TERRE DES FEMMES Schweiz

Memory Books (Erinnerungsbücher), ursprünglich in der Arbeit mit aidskranken Eltern afrikanischer Herkunft entwickelt, sind gleichzeitig Lebensbücher. aidsfocus.ch hat in Zusammenarbeit mit terre des hommes schweiz ein neues Toolkit erarbeitet, welches über die Kreise der Aidsbetroffenen hinaus von Bedeutung ist.

„Es hat mir neuen Mut gegeben“, sagte eine der Frauen am Schluss des Workshops, an dem sie ihr eigenes Buch geschrieben und gemalt hatte. „Ich habe nicht gedacht, dass wir uns auf eine so gute Art und Weise auf Erinnerungen, die oft sehr wehtun, einlassen können. Es ist eine sehr gute Erfahrung“, sagte eine andere Teilnehmerin lächelnd. Auf Einladung von Action Aid International hatte ich Ende 2007 in Haiti einen Workshop zu Memory Work moderiert. 25 HaitianerInnen hatten daran teilgenommen, die meisten von ihnen Frauen und HIV-positiv.

Erinnerungs- und Lebensbücher

Das Kernstück der Arbeit am Memory and Life Book war eine Übung mit sechs Fenstern, in denen die TeilnehmerInnen je ein wichtiges Ereignis aus ihrem Leben auswählten. Anschliessend erzählten die Frauen ihre Geschichte einer Partnerin, die aufmerksam zuhörte und verständnisvoll nachfragte. Anschliessend erzählte sie die gehörte Geschichte in eigenen Worten neu, wobei sie bewusst die Stärken betonte.

Die ersten Memory Books waren von aidskranken Eltern afrikanischer Herkunft geschrieben worden, die, den nahenden Tod vor Augen, ihren Kindern ein Vermächtnis hinterlassen wollten. Bereits mit den ersten Memory Books und verstärkt noch mit der Zugänglichkeit von Aidsmedikamenten ist Memory Work zu einem Werkzeug geworden, das aidsbetroffene Menschen darin unterstützt und stärkt, das eigene Leben zu gestalten.

„Wie ist es dir gelungen?“

Die Reflexionsarbeit hilft den Beteiligten, den roten Faden und die Überlebensstrategien in der eigenen Lebensgeschichte zu erkennen. „Wie ist es dir gelungen, so weit zu kommen?“, ist eine klassische Frage des lösungsorientierten Ansatzes. Steve de Shazer und Insoo Kim Berg hatten diesen Therapieansatz entwickelt, der davon ausgeht, dass jeder Mensch Stärken und Fähigkeiten hat, auf denen bei der Suche nach Lösungen aufgebaut werden kann.

Heute wird der lösungsorientierte Ansatz in verschiedenen Kontexten angewendet. Denn mehr noch als eine Methode ist er eine Grundhaltung, die jeden Menschen als Expertin und Experte des eigenen Lebens anerkennt. Diese Haltung wird begleitet von der Kunst, die richtigen Fragen zu stellen. So auch in der Erinnerungsarbeit.

Stärken betonen

Am Welt-Sozialforum 2007 in Kenia hat Irene Bush, Fachfrau und Beraterin für psychosoziale Arbeit bei terre des hommes schweiz, erstmals bewusst den lösungsorientierten Ansatz in der Erinnerungsarbeit eingesetzt. 21 junge Frauen und Männer zwischen 18 und 25 Jahren aus vier Kontinenten waren zusammengekommen, um an einem einwöchigen Workshop ihre eigene Body Map zu gestalten. Die Jugendlichen zeichneten und malten in der lebensgrossen Silhouette ihres Körpers ihre eigene Biographie.

Irene Bush leitete die Jugendlichen mit gezielten Fragen an, sich beim Malen, Reflektieren und Miteinander-Teilen auf die Fähigkeiten und Lösungen zu konzentrieren und sie symbolisch auszudrückten. Statt Wunden oder schlecht verheilte Narben einzuzeichnen markierten sie in ihrem Körper den Ort der Kraft mit einem Symbol.

Überarbeitetes Toolkit

aidsfocus.ch hatte im Jahr 2006 in Zusammenarbeit mit terre des hommes schweiz ein Toolkit zu Memory Work herausgegeben. Diese hat bei VertreterInnen von Hilfswerken in der Schweiz und ihren Partnern im Globalen Süden, insbesondere im südlichen und östlichen Afrika, grossen Anklang gefunden. Es schien in diesen Regionen einem Bedürfnis für psychosoziale Unterstützung von HIV- und aidsbetroffenen Menschen zu entsprechen. Aus wertvollen Rückmeldungen aus verschiedenen Ländern lernten wir, dass der Memory Work Ansatz auch in anderen Kontexten anwendbar und hilfreich ist.

Die grösste Neuerung der überarbeiteten Ausgabe des Toolkits mit dem Titel „Treasure Memories“ (zu übersetzen mit „die Erinnerungen wertschätzen“ oder „Schatz der Erinnerungen“) ist der konsequente Einbezug des lösungsorientierten Ansatzes. Damit wird Erinnerungsarbeit vertieft und erweitert und in zukunftsbejahende Bahnen gelenkt. Indem die Betreffenden als ExpertInnen ihres Lebens anerkannt werden, gewinnen sie an Selbstvertrauen, Zuversicht und Mut, die eigene Zukunft in neuem Licht zu sehen und sie zu gestalten.

Das neue Toolkit enthält Geschichten und Erfahrungen mit verschiedenen Formen von Memory Work in Afrika, Asien, Zentralamerika und in der Schweiz, Handbücher für GruppenleiterInnen sowie den Film „Kraft der Erinnerung“. Es erscheint erstmals viersprachig: englisch, französisch, deutsch und portugiesisch. Die portugiesische Version entspricht dem grossen Wusch von Partnerorganisationen in Mosambik, einem von Aids stark betroffenen Land des südlichen Afrikas, denen mangels englischer Sprachkenntnisse Memory Work bisher nicht zugänglich war. Es erscheint auch auf Deutsch, denn Memory Work kann in der Schweiz erfolgreich eingesetzt werden. Die lösungsorientierte Erinnerungsarbeit ist ein vielversprechender Ansatz und nützt nicht nur aidsbetroffenen Menschen, sondern all jenen, die sich bewusst mit dem eigenen Leben - und Sterben - auseinander setzen wollen. Zurzeit sind Möglichkeiten von Memory Work in der Arbeit mit krebskranken Kindern und Erwachsenen in der Schweiz und in Uganda in Diskussion.

* Helena Zweifel ist Geschäftsführerin des Netzwerks Medicus Mundi Schweiz und Koordinatorin der Fachplattform aidsfocus.ch Kontakt: hzweifel@medicusmundi.ch

 

Treasure Meomories – Schatz der Erinnerung

Das neue Toolkit zu lösungsorientierter Erinnerungsarbeit „Treasure Memories“ wird am 18. Juli 2010 an der Weltaidskonferenz in Wien lanciert und kann bezogen werden bei aidsfocus.ch/ Medicus Mundi Schweiz, http://www.aidsfocus.ch/. Informationen und Kontakt: info@aidsfocus.ch