HIV im umfassenden Kontext der sexuellen und reproduktiven Gesundheit

Kombinierte Strategie im Kampf gegen HIV und der Förderung der sexuellen und reproduktiven Gesundheit und Rechte

Von Susanne Rohner / SEXUELLE GESUNDHEIT Schweiz

HIV-Prävention und Behandlung sind immer auch eine Frage der sexuellen und reproduktiven Gesundheit und Rechte (SRGR). Deshalb müssen Strategien und Angebote in den beiden Bereichen nicht wie lange Zeit separat aufgestellt sondern miteinander kombiniert entwickelt werden.

Zwischen HIV als sexuell übertragbarer Krankheit und sexueller und reproduktiver Gesundheit bestehen offensichtliche und enge Verknüpfungen. Die meisten der HIV Infektionen erfolgen über sexuelle Kontakte. Eine Ansteckung des Kindes kann aber auch während der Schwangerschaft, Geburt oder dem Stillen erfolgen, wenn die Mutter HIV-positiv ist. Da die Prävention einer Übertragung von HIV, die Behandlung und Betreuung von HIV-Infizierten und an Aids erkrankten Menschen immer auch eine Frage der sexuellen und reproduktiven Gesundheit und Rechte (SRGR) ist, sollten Strategien und Angebote in den beiden Bereichen nicht wie lange Zeit separat aufgestellt sondern miteinander verlinkt und kombiniert entwickelt werden. Mit einem solchen Ansatz können Synergien geschaffen, Stigmatisierungen und Diskriminierungen abgebaut, der Zugang zu Informationen und Dienstleistungen verbessert und damit mehr Zielgruppen wirksamer erreicht werden.

Breiter Ansatz setzt sich in der Schweiz durch

Für PLANeS, die Schweizerische Stiftung für sexuelle und reproduktive Gesundheit, ist es als Dachverband der Beratungsstellen für Familienplanung, Schwangerschaft, Sexualität und Sexualerziehung eine Selbstverständlichkeit, dass etwa die Prävention von Aids und weiteren sexuell übertragbaren Krankheiten integrierter Bestandteil der Angebote der kantonalen Stellen zu sexueller und reproduktiver Gesundheit sind. Die Tendenz, weg von separaten, vertikalen Strategien hin zu einem breiteren Ansatz hat sich im nationalen Kontext auch in der neuen nationalen Aids-Strategie durchgesetzt, welche das ablaufende Programm ab 2011 ablösen wird.

Auf internationaler Ebene hat sich die International Planned Parenthood Federation IPPF, in welcher PLANeS die Schweiz als akkreditiertes Mitglied vertritt, bedeutend dafür eingesetzt, dass Massnahmen zur Förderung der sexuellen und reproduktiven Gesundheit und Rechte und Massnahmen zur Prävention und Behandlung von HIV und Aids sowohl auf Strategie- wie auch auf Programmebene miteinander verlinkt entwickelt und entsprechende Dienstleistungen kombiniert angeboten werden. Dieser Ansatz hat sich inzwischen auf internationaler Ebene durchgesetzt. Dies ist insbesondere auch wichtig im Hinblick auf die Millenniums-Entwicklungsziele, sind es doch die gleichen Ursachen, welche die Fortschritte sowohl zur Bekämpfung von HIV wie auch zur Verbesserung der sexuellen und reproduktiven Gesundheit und Rechte behindern: Armut, Diskriminierung von Frauen und soziale Ausgrenzung vulnerabler Gruppen. Die Millenniums-Entwicklungsziele können nur erreicht werden, wenn der universelle Zugang zu Informationen und Dienstleistungen zur sexuellen und reproduktiven Gesundheit inklusive Familienplanung allen offen steht und gleichzeitig die HIV Epidemie wirksam bekämpft werden kann.

Glion Call to Action

Diese Einschätzung liegt auch den Grundsatzerklärungen wie dem „New York Call to Committment: Linking HIV/Aids and Sexual and reproductive Health“und dem „Glion Call to Action on Family Planning and HIV/Aids in Women and Children“ zugrunde, die von internationalen Organisationen wie der WHO, UNFPA, UNAIDS und IPPF getragen werden und auf internationaler Ebene die Verknüpfung von HIV- und SRGR-Strategien propagieren. Der Glion Call to Action fokussiert sich dabei auf die Familienplanung und Prävention einer Übertragung von HIV von der Mutter auf das Kind. Gerade hier ist ein integrierter Ansatz wichtig.

Viele Frauen in Entwicklungsländern haben keinen Zugang zu wirksamen Verhütungsmethoden und damit auch ein erhöhtes Risiko einer unerwünschten Schwangerschaft. Viele dieser Frauen kennen ihren HIV-Status nicht und haben keine oder wenige Informationen und keinen Zugang zu medizinischer Versorgung. Sie riskieren, falls sie HIV-positiv sind, während der Geburt oder dem Stillen auch ihr Kind anzustecken. In einer solchen Situation sind umfassende frauenspezifische Angebote, welche Familienplanung, die Prävention und Behandlung von HIV und anderer sexuell übertragbarer Krankheiten wie auch die Gesundheit von Schwangeren, Müttern und Neugeborene umfassen, zentral.

Die im Glion Call to Action enthaltenen Empfehlungen gehen denn auch über die Abgabe antiretroviraler Medikamente an HIV-positive Schwangere sowie Vorkehrungen bei der Geburt und beim Stillen hinaus. Sie umfassen grundsätzliche, an Frauen gerichtete Massnahmen zur Prävention einer Ansteckung durch HIV wie auch zur Prävention ungewollter Schwangerschaften bei Frauen mit HIV. Die vorgeschlagenen Angebote reichen vom Zugang zu Verhütungsmitteln, insbesondere zu Kondomen, welche einen doppelten Schutz sowohl vor einer Infizierung durch HIV und weitere sexuell übertragbare Krankheiten als auch vor einer ungewollten Schwangerschaft bieten, über freiwillige HIV -Beratung und Testung (Voluntary counselling and testing VCT) bis zur Unterstützung von betroffenen Frauen und ihren Familien.

In einem gemeinsamen Grundlagenpapier (Sexual and Reproductive Health & HIV/AIDS – a Framework for Priority Linkages ) zur Verknüpfung von sexueller und reproduktiver Gesundheit und HIV/Aids stellen die internationalen Organisationen konkretere Massnahmen auf Strategie- wie auch Programmebene vor. Die Verlinkung soll in beide Richtungen erfolgen, indem HIV-Themen in bestehende Programme zur sexuellen und reproduktiven Gesundheit wie Familienplanung, Gesundheit von Müttern und Neugeborenen oder Angeboten zu STI aufgenommen werden und umgekehrt, indem SRGR Themen in bestehenden HIV/Aids-Programmen im Kontext von Prävention, Behandlung, Betreuung und Unterstützung integriert werden. Basierend auf Erfahrungen und der Auswertung bestehender Programme konnten vier Aktionsfelder ausgemacht werden, in denen Verknüpfungen erfolgversprechend sind: Wissen über den HIV-Status, Promotion von Safer Sex, Kombination von HIV- und STI-Angeboten, Integration von HIV im Bereich Gesundheit von Mutter und Kind. Die konkrete Umsetzung der Empfehlungen muss jeweils kontextspezifisch erfolgen und kann je nach Situation eines oder mehrere Aktionsfelder umfassen. Eine Reihe ausführender gemeinsamer Dokumente von WHO, UNFPA, UNAIDS und IPPF und weiterer Organisationen geben konkretere Empfehlungen ab und evaluieren bestehende Programme (Rapid Assessment Tool for Sexual and Reproductive Health and HIV Linkages 2009 / Sexual & Reproductive Health and HIV - Linkages 2009). Insgesamt gesehen kann die gegenseitige Verknüpfung von Programmen zu HIV und SRGR verschiedenen Nutzen bringen.

Vorteile der Programmverknüpfung

Der Zugang zu Dienstleistungen zu SRGR und HIV/Aids wird insgesamt verbessert und der Personenkreis, der erreicht wird, erweitert. Es profitieren davon insbesondere auch Menschen, die HIV-positiv sind, weil sie Dienstleistungen erhalten, die umfassender und besser ihren Bedürfnissen entsprechen. Zudem wird die Versorgung von Menschen verbessert, die bisher erschwerten Zugang zu Angeboten hatten. Vulnerable Gruppen, wie zum Beispiel SexworkerInnen und Drogenkonsumierende können besser erreicht werden. Integrierte Angebote tragen im Weiteren zu einem Abbau von Stigmatisierung und Diskriminierung bei. Zudem können Synergien geschaffen werden, was gerade im Gesundheitswesen, in dem mancherorts Mangel an Personal, Material und Räumlichkeiten besteht, bedeutend ist. Dadurch können die Konkurrenz um Ressourcen wie auch Doppelspurigkeiten abgebaut werden. Der optimierte Gebrauch der bestehenden Infrastruktur ist insbesondere wichtig für Länder mit mangelnden Ressourcen und unzureichender Versorgung. Die Möglichkeit, mehrere Dienstleistungen unter demselben Dach zu erhalten, dient insbesondere denjenigen Menschen, die erschwerten Zugang zu Gesundheitsversorgung haben. Die Qualität und Wirksamkeit der Programme kann so verbessert werden.

Da sich Angebote zu HIV/Aids und SRGR mit einem tabuisierten Thema befassen, ist ein gemeinsames Vorgehen etwa auf gesetzlicher oder politischer Ebene auch wichtig für die Stärkung der individuellen Rechte. All die genannten Vorteile sind als summarisch zu verstehen, die je nach Kontext zum tragen kommen.

Beispielhaftes Institute for Students Health in Belgrad

Als Vorzeigebeispiel einer gelungenen Integration von HIV-/Aids Angeboten in SRGR-Dienstleistungen kann das Institute for Students Health IHS in Belgrad/Serbien erwähnt werden (Gateways to intergration): 1922 als staatliche Institution gegründet, bietet das Institut heute rund 100‘000 Studierenden und Universitätsangestellten Dienstleistungen im Gesundheitsbereich, wobei die sexuelle und reproduktive Gesundheit einen Schwerpunkt bildet. Die Bedeutung dieser Angebote ist umso wichtiger, wenn man beachtet, dass die Jugendlichen in Serbien an der Schule keinen Sexualkundeunterricht haben. Neben allgemeinen Informationen und Dienstleistungen zu SRHR wie Familienplanung und Verhütung werden auch Dienstleistungen im Zusammenhang mit HIV/Aids angeboten wie voluntary counselling and testing.

1988 wurde am IHS das erste HIV Beratungscenter durch einen Epidemiologen eingerichtet. Im Verlauf der 90er Jahre erkannten die Verantwortlichen, dass eine engere Zusammenarbeit mit den Kolleginnen aus anderen Fachgebieten wichtig ist, um den oft breit gefächerten Bedürfnissen der KlientInnen wirksam gerecht zu werden. Ein Infoaustausch und Wissenstransfer unter den SpezialistInnen zu HIV, STI, Familienplanung und Gynäkologie wurde deshalb vorangetrieben. Neben der Förderung und Institutionalisierung der interdisziplinären Zusammenarbeit wurden auch Supervisionen eingerichtet, um zum Beispiel eigene und gesellschaftliche Wertvorstellungen etwa gegenüber Homosexuellen kritisch zu reflektieren. Die Zusammenarbeit führte mit der Zeit zu einer Integration von HIV- und SRGR-Angeboten, was gleichzeitig zu einer Ausweitung der Angebote über das ursprüngliche Zielpublikum der Studierenden führte. Das IHS spricht inzwischen mit speziellen Programmen auch spezifische Gruppen an wie GymnasiastInnen, junge Menschen mit Behinderung, Männer, die Sex mit Männern haben, Prostituierte oder Menschen, die intravenös Drogen konsumieren. Gleichzeitig mit dem Ausbau der Angebote wurde der Kreis der Anbietenden erweitert und neben staatlichen Institutionen bieten heute auch Nicht-Staatliche Organisationen spezifische Dienstleistungen an. Zudem werden auf Angebotsseite auch Jugendliche einbezogen, die als instruierte Peer Educators Gleichaltrige zum Beispiel zu Fragen über HIV und Aids beraten.

Wenn HIV-Strategien in einer umfassenden SRGR-Strategie eingebettet sind, bringt dies HIV-positiven und an Aids erkrankten Menschen nicht nur gesundheitliche Vorteile: Sie können auch ihre Rechte erfolgreicher einfordern und schützen lassen. Denn im Zusammenhang mit HIV/Aids stellen sich für die Betroffenen nicht nur medizinische Fragen sondern es gelten auch für sie und für die Gestaltung ihres Lebensalltag die sexuellen Rechte: Basierend auf den Menschenrechten gelten etwa die Prinzipien, dass die Sexualität ein integraler Teil jedes Menschen ist, dass niemand diskriminiert werden darf und das Recht hat, in einem Umfeld zu leben, das der Umsetzung der sexuellen Rechte förderlich ist.

*Susanne Rohner, Mitarbeiterin PLANeS, zuständig für Advocacy und Internationales: Kontakt: susanne.rohner@plan.s.ch

Ressourcen


  • Sexual and Reproductive Health & HIV/AIDS – a Framework for Priority Linkages, edited by IPPF, UNFPA, UNAIDS and WHO: http://www.ippf.org/en/Resources/Guides-toolkits/A+Framework+for+Priority+Linkages.htm
  • Rapid Assessment Tool for Sexual and Reproductive Health and HIV Linkages: A generic guide, edited in 2009 by IPPF, UNFPA, WHO, UNAIDS, Global Network of People Living with HIV GNP+, International Community of Women living with HIV ICW and Young Positives
  • Sexual & Reproductive Health and HIV - Linkages: Evidence Review and Recommendations, edited in 2009 by IPPF, WHO, UNFPA, UNAIDS and University of California San Francisco UCSF
  • Gateways to intergration: a case study from Serbia – Investing in Youth: Reaching those most vulnerable to HIV. Edited by IPPF, WHO, UNFPA and IPPF in 2009