Legal, aber zerstörerisch

Die Folgen des Alkoholkonsums im Kontext der Dritten Welt

Von Hans Rüttimann / Internationaler Bund des Blauen Kreuzes

Alkoholismus und Alkoholmissbrauch ist weltweit ein grosses Problem. Da es sich beim Alkohol um eine legale Droge handelt und gewisse alkoholische Getränke grosse kulturelle Bedeutung haben, stösst die Präventions- und Rehabilitationsarbeit auf Widerstand. Es ist deshalb wichtig, dass vernetzt gearbeitet wird und nicht nur das Blaue Kreuz auf Missstände hinweist.

Der Blaukreuz-Koordinator für Afrika schreibt in seinem Jahresbericht für 2003: “Unsere Blaukreuz-Nationalverbände sind mehr und mehr mit steigendem Alkoholkonsum konfrontiert. Dieser ist wiederum verbunden mit steigender Produktion und ständiger Reklame für alkoholische Getränke, anderseits aber auch mit der allgemeinen Krise wie Bürgerkrieg, Aids, Hungersnot, Armut und Naturkatastrophen.” Die Wechselwirkung von Alkohol, Gewalt und Verelendung trifft nicht nur für Afrika, sondern für die meisten Länder der Dritten Welt zu. Bereits im Weltgesundheitsbericht 1997 der WHO ist diese Problematik festgehalten. Der in den letzten beiden Jahrzehnten steigende Trend ist auch in den Ländergrafiken des Alkoholberichtes der WHO erkennbar.

Der Alkoholkonsum in der Dritten Welt hat sich in den letzten Jahrzehnten sehr verändert. Anfänglich waren nur selbst hergestellter Schnaps oder Bier verfügbar. Häufig war die Produktion von der Jahreszeit und den klimatischen Bedingungen abhängig. Heute hat die globalisierte Alkoholindustrie in den Ländern der Dritten Welt Fuss gefasst, und Alkohol ist jederzeit erhältlich. Frühere rituelle Bedeutungen des Alkoholkonsums sind verlorengegangen, und es können die gleichen Trinkmuster festgestellt werden, wie wir sie auch in der Schweiz kennen. Die Alkoholreklame ist in diesen Ländern allgegenwärtig. Häufig sind die Brauereien sogar in einheimischem Besitz. Auch hier ist die Alkohollobby ständig am Werk.

Im Folgenden werden einige Probleme hervorgehoben, die selbstverständlich nicht nur die Dritte Welt betreffen:

HIV/Aids und Alkohol

Gemäss einer Statistik von UNAIDS/WHO lebten im Jahr 2002 total 42 Millionen Menschen mit HIV/Aids. Im gleichen Jahr wurden 5 Millionen neu angesteckt und 3,1 Millionen starben an dieser Krankheit, die in den späten 70er Jahren erstmals registriert wurde. Besonders hoch ist die Ansteckung in Afrika rund 30 Millionen, wo auch die Frauen mit über 55 Prozent besonders hart betroffen sind. Danach folgen Asien, Südamerika und Nordamerika. In Westeuropa sind 570'000 Fälle registriert.

Der Arzt und Premierminister von Mosambik, Pascoal Mocumbi, erklärt: “Als Vater fürchte ich um das Leben meiner eigenen Kinder und deren Teenagerfreundinnen und -freunde. Zwar haben sie gefestigte Familien, eine gute Erziehung, alle Information und Unterstützung, um riskanten Sex zu vermeiden. Doch zu wenige ihrer Vorbilder leben danach. Als Premierminister bin ich entsetzt, dass wir vor dem Verlust von einer oder vielleicht gar zwei Generationen stehen. Die UNO schätzt, dass 37 Prozent der heute 16-Jährigen in meinem Land an Aids sterben, bevor sie 30 geworden sind. Als Mann weiss ich, dass das Verhalten der Männer ändern muss, und dass wir die Knaben anders erziehen müssen. Nur dann können wir die Hoffnung haben, das HIV/Aids auszurotten und der Entstehung einer weiteren derartigen Geissel vorzubeugen.”

Sehr viele Publikationen weisen auf die grosse Gefahr von Aids und die Wichtigkeit der Bekämpfung dieser Seuche hin. Sehr selten wird aber ein Zusammenhang zwischen HIV/Aids und Alkohol aufgezeigt. Als Organisation, die Alkoholabhängigen und deren Umfeld Hilfe anbietet, möchten wir daher dieses Thema hervorheben. Dabei ist aber zu betonen, dass wir weltweit aufgerufen sind, auch wenn die grösste Ausbreitung in Afrika festzustellen ist. Zwei Probleme sind dabei für uns von besonderer Bedeutung:

  • Alkohol und die übertragung von HIV: Menschen, die Alkohol missbrauchen, neigen zu einem hochriskanten Sexualverhalten, andere sind eher bereit für riskanten Sex nach dem Trinken.
  • Alkoholabhängige HIV-Infizierte nehmen Erstkontakte zu Beratungsstellen fast 24 Monate später auf als solche ohne Alkoholprobleme (28 Monate statt 4 Monate). Diese Verzögerung bewirkt, dass Chancen für die frühzeitige Betreuung verpasst werden inklusive Interventionen zur Risikoverminderung, Beratung über das Verhalten bei Abhängigkeit, Vorbeugung von Komplikationen durch HIV und andauernde Behandlung von Sekundärinfektionen.
  • Ein Buch über Alkoholpolitik und öffentliche Gesundheit in Südafrika benennt die Folgen des Alkoholmissbrauchs im Kontext von HIV/Aids: “Weitere medizinische Probleme, die mit dem Gebrauch von Alkohol zusammenhängen, sind eine erhöhte Anfälligkeit für andere Krankheiten wie TB und Lungenentzündung. Eine Hauptbedrohung für die öffentliche Gesundheit ist das menschliche Immunschwächesyndrom und Aids, welches die vom HI-Virus verursachte Krankheit ist. Eines der Verhalten, welches Einzelne der Ansteckungsgefahr durch HIV aussetzt, ist der ungeschützte sexuelle Verkehr, insbesondere der ungeschützte Verkehr mit unterschiedlichen Partnern. Betrunkenheit kann die Wahrscheinlichkeit eines solchen Verhaltens erhöhen. Zwar herrscht die Meinung vor, dass zwischen dem Gebrauch von Alkohol und einem Verhalten wie die Nichtverwendung von Kondomen oder die Entscheidung, mit einem anderen Partner Sex zu haben, kein Zusammenhang besteht. Es ist deshalb um so wichtiger, dass mehr Forschung zum Verhältnis zwischen dem Gebrauch von Alkohol und risikoreichem sexuellem Verhalten aufgenommen wird, um genauer festzustellen, inwieweit Alkohol in Einzelpersonen das verantwortungsvolle sexuelle Verhalten beeinflusst.

Die medizinische Fakultät des öffentlichen Gesundheitswesens der königlichen medizinischen Hochschulen (1991) und das US-Institut der Medizin (1994) warnen, dass Alkohol alle Immunsysteme beeinflusst und somit die Gefahr einer Ansteckung durch das HI-Virus folglich erhöhen könnte. Zusätzlich zeigen Berichte von diesen Institutionen, dass Alkohol möglicherweise die Weiterentwicklung von HIV zum Ausbruch von Aids beschleunigen kann."

Der mögliche Zusammenhang zwischen Alkoholkonsum und HIV/Aids:

  • Alkohol erhöht das Risikoverhalten
  • Alkohol kann den Fortschritt der Krankheit beschleunigen
  • Alkohol kann das Risiko einer HIV Ansteckung erhöhen
  • Alkohol verringert die Kraft des Immunsystems

Die hohen Kosten des Alkoholkonsums

Der Problembereich Gewalt hat viele Gesichter. Leider wird der enge Zusammenhang von Gewalt und Alkohol nur selten erwähnt. Dabei spielt Alkohol als Ursache von Gewalt eine grosse Rolle, so etwa bei Verkehrsunfällen, Straftaten, Unfällen am Arbeitsort und im Haushalt, Misshandlung von Kindern, Gewalt in der Ehe, sexuellen Verbrechen und Gewalttätigkeit, übertragung von Aids, Gewalt in Sportstadien, Brandstiftung, etc. Diese Liste ist nicht vollständig, und sie betrifft abhängige und nicht abhängige Menschen.

Eine von Hope (UK) veröffentlichte Statistik hat ergeben, dass in Grossbritannien

  • 41 Prozent der Verbrechen, einschliesslich Angriffe und überfälle, unter Alkoholeinfluss geschehen;
  • zwischen 60 und 70 Prozent der Männer, die ihre Partner(in) angreifen, unter Alkoholeinfluss stehen;
  • 15 Prozent der Ertrinkungsunfälle mit starkem Trinken verbunden sind;
  • 23 Prozent der Anrufe auf das Kinder-Hilfstelefon mit Vernachlässigung wegen Alkoholkonsums in Verbindung stehen;
  • 65 Prozent der Selbstmordversuche unter dem Einfluss von Alkohol getätigt werden;
  • 40 Prozent der 13- und 14-jährigen unter Alkohol- oder Drogeneinfluss standen, als sie zum erstenmal sexuellen Verkehr erfuhren.

Viele Folgen von Alkoholismus wie verlorene Arbeitszeit und höhere Krankenhauskosten belasten die Wirtschaft und den Staat schwer. Die Steuereinnahmen durch den Verkauf von Alkohol können diese Verluste nicht ausgleichen. Dennoch wurden wir mit dem Argument des Verlustes von Steuereinnahmen im Gespräch mit afrikanischen Finanz- und Gesundheitsministern oft konfrontiert.

Im Jahresbericht des Blauen Kreuzes in Namibia steht unter anderem: «Die meisten in Namibia verübten Verbrechen sind durch Alkoholmissbrauch entstanden. Bei 9 von 10 Gewalttaten wurde der Einfluss von Alkohol festgehalten. Verschiedene Leute sind mit mehr als dem dreifachen Betrag ihres Einkommens verschuldet. Schulden können nicht mehr zurückbezahlt werden, und Menschen müssen ihr Hab und Gut verkaufen oder begehen Diebstähle, um ihr Trinkbedürfnis zu befriedigen. Fahren in alkoholisiertem Zustand führt zur Nichteinhaltung der Verkehrsregeln, zu Rücksichtslosigkeit und zu Unfällen. Die Hälfte der Fälle in der Traumachirurgie sind durch Alkoholmissbrauch ausgelöst. Ein Drittel der Spitalbetten sind durch Leute belegt, die alkoholbedingte Krankheiten haben. Exzessives Trinken führt zu verschiedenen Gesundheitsproblemen wie Leberzirrhose, Krebs, Krankheiten am Herzen, Magen und Gehirn. Geld wird statt für Nahrung für das Trinken ausgegeben. Dies führt zu Unterernährung.»

Hauptbetroffen sind Frauen und Kinder. Die Frauen, häufig die einzigen Familienmitglieder, die für das Einkommen einer Familie verantwortlich sind, sind oft koabhängig, das heisst sie unterstützen bewusst oder unbewusst ihren Partner in seinem süchtigen Verhalten. Viele Frauen haben eine Verdienstmöglichkeit durch den Verkauf von selber hergestelltem Alkohol gefunden. Wir haben deshalb versucht, neue Verdienstquellen zu schaffen. Anfänglich propagierten wir den Verkauf von alkoholfreien Fruchtsäften. Wegen den klimatischen Bedingungen ist dies aber oft sehr schwierig. In Indien läuft deshalb ein Projekt, in welchem wir die Anschaffung von Nähmaschinen finanzieren. Diese können zur Kleiderproduktion eingesetzt werden.

Frauen sind auch sehr wichtige Ansprechpartnerinnen in der Prävention. Als Mütter, aktive Kirchenmitglieder und häufig auch als Lehrerinnen haben sie eine gute Multiplikatorinnenfunktion. In der Schweiz haben Frauen auch heute noch Mühe, aus ihrer Rolle als Koabhängige auszusteigen. In der Dritten Welt ist das Frauenbild oft noch sehr traditionell und deshalb kann sich eine Frau besonders in der dörflichen Welt nicht entsprechend den bei uns gültigen Verhaltensweisen für Koabhängige verhalten. Die Loslösung von der Koabhängigkeit wird dadurch in der Dritten Welt noch schwieriger.

*Hans Rüttimann ist seit 1995 Generalsekretär des Internationalen Bundes des Blauen Kreuzes (IFBC). Diese Dachorganisation hat ihren Sitz in Bern und weltweit in 50 Ländern nationale Organisationen. Hans Rüttimann hat regelmässige persönliche Kontakte zu diesen Ländern. Kontakt: ifbc.bern@bluewin.ch. Internet: www.eurocare.org/bluecross.

Quellen und weiterführende Hinweise:

  • Zwei aktuelle und für den Kontext der Dritten Welt besonders relevante Ausgaben des Newsletters “Info Spezial” können beim Internationalen Bund des Blauen Kreuzes bezogen werden: Info Spezial Nr. 9 zu Alkohol und Gewalt; Info Spezial Nr. 12 zu HIV/Aids und Alkohol.
  • The World Health Report 1997: Conquering suffering, enriching humanity
  • WHO: Global Alcohol Database: www.who.int/health_topics/alcohol_drinking/en/
  • Charles D.H. Parry, Anna L. Bennetts, Alcohol policy and public health in South Africa - Oxford University Press Southern Africa (1999)
  • Alcohol and AIDS, Alcohol Alert No. 15, January 1992, National Institute on Alcohol Abuse and Alcoholism (USA), www.niaaa.nih.gov/publications/aa15.htm
  • “Bin ich coabhängig?” in: FSH - Informationen und Hilfestellung bei Alkoholsucht (für Betroffene und Angehörige), www.f-s-h.de/angehoeriger.html
  • Fürstenau, Co-Alkoholismus – die Bindung des “Gesunden”. Glöckl, Sind Sie co-abhängig? Zwei Fragebogen für Angehörige und Kollegen. (Blaukreuz-Verlag Wuppertal)
  • Alcohol: Activities, Information and Action, by Hope UK: www.hopeuk.org/alcohol activities info and action.htm