Verborgener Schmerz und Ausgrenzung junger Frauen in Mali

Fisteln rauben das Leben

Von Manuela Gregori / IAMANEH Schweiz

In Mali ein Kind zur Welt zu bringen, ist oft mit einem grossen Gesundheitsrisiko verbunden. Ein Grund ist die unzureichende medizinische Infrastruktur: In ländlichen Regionen sind Geburtshäuser in der Regel weit entfernt und ungenügend ausgestattet. Eine werdende Mutter riskiert so, bei einer schwierigen Geburt zu sterben oder einen bleibenden Schaden davonzutragen, zum Beispiel Fisteln. Als Fisteln werden Risse zwischen Blase und Darm bezeichnet, die während einer schweren Geburt entstehen und zur Folge haben, dass Stuhl und Urin jederzeit abfliessen können. Fisteln sind in der Dritten Welt ein erhebliches Gesundheitsproblem und bedeuten für die betroffenen Frauen viel Leid und gesellschaftliche Ausgrenzung.

Founé Coulibaly aus Mali wurde mit 13 Jahren verheiratet. Sie war nur 14, als sie schwanger wurde. Ihr kleiner und zarter Körper war weder für eine Schwangerschaft, noch für eine Geburt ausgereift. Bei der Geburt lag sie nach zwei Tagen immer noch in den Wehen, man sagte ihr, sie solle pressen. Endlich, am sechsten Tag kam ihr Baby zur Welt, aber es war bereits tot. Durch die schwere Geburt wurde das weiche Gewebe im Unterleib des Mädchens zusammengedrückt, Gewebeteile starben dadurch ab. Durch die zurückbleibenden Löcher zwischen Blase und Scheide konnte Founé den Urin nicht mehr halten. Ihr Ehemann verstiess sie sehr rasch: Sie hatte ihm ein totes Kind geboren, sie war inkontinent und stank permanent nach Urin. Er schickte sie zu ihrer Familie zurück. Diese isolierte sie, weil sie schlecht roch und als unsauber galt.

Founé steht mit ihrem Schicksal nicht allein da: Weltweit leiden mehr als zwei Millionen Mädchen und Frauen an einer Fistel. Pro Jahr werden 50 – 100 000 neue Fälle registriert. Diese Zahlen widerspiegeln aber nicht die Realität, die Dunkelziffer ist sehr gross ist. Trotz der grossen Anzahl betroffener Frauen und trotz der massiven Auswirkungen auf deren Leben wird dieses Problem auch heute noch kaum thematisiert.

Ursachen und Folgen

In den meisten Ländern südlich der Sahara bekommt jede zweite Frau bereits als Teenager ihr erstes Kind. Die Geburt in noch jungem Alter kann sich verheerend auf die Gesundheit der jungen Frauen auswirken, ist doch der noch unausgereifte Körper dieser Belastung nicht gewachsen. Es entstehen Fisteln, die ein bedeutendes Gesundheitsproblem sind. Da Stuhl und Urin jederzeit abfliessen können, sind Infektionen die Regel, und die Inkontinenz wiederum hat zur Folge, dass die betroffenen Frauen von Mann und Gesellschaft verstossen werden, weil sie schlecht riechen. Sie gelten als unrein, dürfen kein Essen mehr zubereiten und können keine Kinder mehr bekommen. Letzteres ist für die Frauen besonders schwer zu ertragen, denn ihr Ansehen und ihre Würde werden eng mit der Anzahl Kinder verknüpft. Es ist schwierig für sie, ein Einkommen zu erwirtschaften, weil ihnen niemand etwas abkauft. Fisteln bedeuten für die betroffenen Frauen viel Leid und gesellschaftliche Ausgrenzung.

In einem unterentwickelten Land wie Mali sind die Ursachen vielfältig: Neben dem Mangel an ausgebildetem Geburtshilfepersonal und an medizinischen Einrichtungen spielen auch soziale Einflüsse eine Rolle: Mädchenbeschneidungen, frühe Heiraten, tiefer Bildungsstand oder Armut. Fisteln können aber mit wenigen Ausnahmen behandelt werden: Durch einen operativen Eingriff wird das zerrissene Gewebe wieder genäht. Doch viele Frauen können sich diese Operation nicht leisten oder wissen nicht, dass eine solche Möglichkeit besteht.

Betroffene Frauen mobilisieren sich

In einem Dorf neben dem Universitätsspital Point G in Bamako, der Hauptstadt Malis, leben seit Jahren Frauen, die an einer irreparablen Fistel leiden und einst mit der Hoffnung auf Hilfe in die Stadt kamen. Einige dieser Frauen sind bereits seit zehn Jahren dort: Sie waschen die Wäsche des Spitals oder leben von informellen Tätigkeiten, wie dem Verkauf von Kohle. Die Frauen können oder wollen nicht mehr in ihr Dorf zurück.

Der Wunsch der Frauen war es, ihre Bedürfnisse besser zu formulieren. So wurde 1999 mit Hilfe von IAMANEH Schweiz die Selbsthilfeorganisation Benkadi gegründet. In Diskussion mit den Frauen sowie den Verantwortlichen des Spitals wurde ein Aktionsplan erarbeitet, der die Prävention der Fisteln bei schwangeren Frauen sowie die Behandlung der von Fisteln betroffenen Frauen zum Ziel hat. In Absprache mit den lokalen Gesundheitsbehörden wurde die Region von Bla als Pilotzone für die präventiven Aktivitäten ausgewählt. Bla gehört zum Distrikt von Ségou, der sieben Bezirke umfasst. Die Bevölkerung lebt hauptsächlich von Ackerbau, Fischerei und Viehzucht. Die Dörfer liegen relativ weit verstreut. Insgesamt leben 1 821 725 Einwohner in der Region.

In den Dörfern wird seit Projektbeginn vor drei Jahren über Fisteln informiert. Neben dem präventiven Bereich klärt IAMANEH die Frauen auch über eine mögliche Operation auf, die im Spital Point G durchgeführt wird. IAMANEH arbeitet eng mit dem erfahrenen Urologen Prof. Kalilou Ouattara und seinem Team zusammen. Dank dieser Anstrengungen spricht man heute offener über dieses Gesundheitsproblem, betroffene Frauen suchen Hilfe und getrauen sich, über ihre Not und ihr Leid zu reden: Immer mehr Frauen wenden sich an den Verein Benkadi, um sich einerseits für eine Operation anzumelden und sich andererseits zu informieren, wie Fisteln vermieden werden können. Die Verantwortliche des Projektes begleitet die Frauen, die für die Behandlung nach Bamako kommen, während der ganzen Zeit (Analysen, Beratung, Untersuchung). Die Operationskosten inklusive Transport sowie Verpflegung belaufen sich auf etwa 300 Franken und werden vom Projekt übernommen. IAMANEH bemüht sich auch um die soziale Reintegration der Frauen.

Unlängst hat der Bevölkerungsfonds der Vereinten Nationen (UNFPA) das Spital Point G mit einem zweiten Operationssaal ausgestattet, der hauptsächlich für Fistelfälle reserviert ist. Neben Bamako werden Fisteln noch in Mopti von Médecins du Monde (MdM) operativ behandelt. MdM und IAMANEH sind zur Zeit die einzigen Akteure in Mali, die sich aktiv mit dieser Problematik auseinandersetzen.

Die Evaluation der dreijährigen Pilotphase hat den wichtigen Stellenwert des Projektes sowie die Weiterführung des Programms bestätigt. Aus diesem Grund werden die Aktivitäten für die nächsten drei Jahre auf zwei weitere Bezirke Ségous – Niono und Macina – mit rund 440'000 Einwohnern ausgedehnt. In fünf Jahren soll die gesamte Region abgedeckt werden. Gleichzeitig sollen die Voraussetzungen geschaffen werden, dass auch im Spital von Ségou Fisteln operiert werden können.

Langfristige Hilfe mit gezielter Prävention

Professor Ouattara ist überzeugt, dass Fisteln nur durch gezielte Präventionsarbeit reduziert werden können: «Solange ich in meiner Funktion als Urologe Fisteln behandeln muss, weiss ich, dass unser Gesundheitssystem weiterhin zu wünschen übrig lässt.» Noch heute sind 97 Prozent der Geburten nicht von einer professionellen Hebamme assistiert. Für 30 000 Einwohner steht ein Arzt zur Verfügung und insgesamt gibt es in Mali für 11 Millionen Einwohner nur 37 Gynäkologen und 600 Hebammen. Die traditionellen Hebammen – Matronen genannt – sind die einzigen Helferinnen für die Frauen in ländlichen Gebieten. Sie sind aber zu wenig gut ausgebildet, um Risikoschwangerschaften zu erkennen und bei schweren Geburten adäquat zu reagieren. Bei 100 000 Geburten sterben schätzungsweise 500 bis 700 Frauen, unter 10 Todesfällen befindet sich ein Fistelopfer. Auf fünf Frauen, die in die Urologiesprechstunde kommen, präsentieren drei ein Fistelproblem.

Founé Coulibaly ist heute 16 Jahre alt und wieder geheilt. Sie selber erzählt: «Meine erste Geburt war sehr schwer und verursachte mir eine Fistel. Ich wurde völlig im Stich gelassen, mein Leben hatte keinen Sinn mehr. Eines Tages erfuhr ein Freund meines Onkels durch das Radio vom Hilfsprojekt für von Fisteln betroffene Frauen in Bla. Ich traute meinen Ohren nicht, als mir die Projektbetreuerin eine Lösung anbot. Ich wurde in Bamako operiert, habe nichts bezahlt. Ich wurde geheilt. Ich ging ins Dorf zurück und habe meine früheren Beschäftigungen wieder aufgenommen. Ich werde dem Hilfsprojekt mein Leben lang dankbar bleiben.»

*Manuela Gregori ist Kommunikationsverantwortliche bei IAMANEH Schweiz. Kontakt: info@iamaneh.ch, www.iamaneh.ch