Gender Mainstreaming

Gleichberechtigung - der Schlüssel zur Armutsreduktion

Von Maya Tissafi / Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit DEZA

Ob es um Aids in Südafrika, Brunnen in Tansania, häusliche Gewalt in der Ukraine oder Genitalverstümmelung in ägypten geht: Projekte haben die grössten Erfolgsaussichten, wenn Genderaspekte systematisch in die Planung einbezogen werden. Die DEZA hat deshalb eine umfassende Genderpolitik verabschiedet, die sowohl Frauen als auch Männern zugute kommt.

«77 Prozent der mit HIV infizierten 15- bis 24-jährigen SüdafrikanerInnen sind Frauen. 62 Prozent von ihnen glaubten, dass die Chance sich anzustecken, ziemlich klein wäre.» - Die im Sommer von der Wits University veröffentlichte Studie schockiert. «Jede vierte Südafrikanerin zwischen 20 und 24 Jahren ist HIV positiv, bei den Männern sind es jeder sechzehnte», fasst die Studie die geschlechterspezifischen Unterschiede zusammen.

Heute sind weltweit Kinder und Frauen am meisten von HIV/Aids betroffen. Aufklärungskampagnen und Kondomabgabe haben in verschiedenen Ländern bemerkenswerte Erfolge gezeigt. Gendersensitive Interventionen, zum Beispiel die Sensibilisierungsarbeit mit männlichen Jugendlichen oder die Stärkung der Mädchen und Frauen (Empowerment) sowie die Förderung von Bildung und die Schaffung von Einkommensmöglichkeiten sind Beispiele dafür, wie die Internationale Zusammenarbeit ihre lokalen Partner dabei unterstützt, die Epidemie einzudämmen.

«Viele HIV infizierte Männer im südlichen Afrika glauben daran, dass der Sex mit einer Jungfrau ihre Krankheit heilen kann», sagt die Schulleiterin in einem von der DEZA unterstützten Projekt. «Dies führt zu sexuellen übergriffen an Schulmädchen. Wir thematisieren diese Mythen in der Schule und versuchen in getrennten Gruppen mit Mädchen und Jungs über Gewalt zu diskutieren.» Die Schulleiterin ist sich sicher, dass Initiativen nur erfolgreich sind, wenn sie nach den Rollen und Aufgaben von Männern und Frauen fragen, wenn sie deren soziale und ökonomische Situation beleuchten und kulturelle Stereotypen hinterfragen.

Konsequente Genderpolitik

Trotz Fortschritten ist die Diskriminierung von Frauen noch immer die weltweit am meisten verbreitete Form der Ausgrenzung. Die ungleichen Machtverhältnisse zwischen Männern und Frauen und ihre ungleiche Beteiligung an Entscheidungen gehören zu den strukturellen Ursachen sozialer und politischer Instabilität, die zu Armut führen. Zahlreiche Entwicklungsprojekte sind gescheitert, weil sie unterschiedliche Rollen und Aufgaben von Männern und Frauen nicht berücksichtigten. Dies verdeutlicht auch ein Projekt des UNDP (United Nations Development Programme) in ägypten: «Heute gibt es in ägypten Dörfer, in denen die Genitalverstümmelung von Mädchen vollständig aufgegeben wurde», erklärt Laila Benassi vom UNDP nicht ohne Stolz. Dieser Erfolg ist einem umfassenden genderspezifischen Programm zur Eindämmung der Genitalverstümmelung bei Mädchen (Female Genital Mutilation FGM) zu verdanken, an dem die ägyptische Regierung massgeblich mitwirkte. Bevor sich Erfolge einstellten, brauchte es allerdings ein Umdenken bei den Projektverantwortlichen.

Die Genitalbeschneidung bei Mädchen ist in Oberägypten eine tief verwurzelte Massnahme zur Diskriminierung von Frauen. «Weil vor allem sie betroffen waren, arbeiteten wir am Anfang nur mit Mädchen und Frauen zusammen», erinnert sich Benassi. Die Sensibilisierung von Frauen führte aber nur zu einer beschränkten Eindämmung von FGM, denn oft sind es die Männer, die darauf bestehen, dass ihre zukünftige Frau beschnitten ist. Diese Erkenntnis führte zum Einbezug der Männer in das Programm – und zum Erfolg: «Durch die Arbeit mit ihnen und der ganzen Familie konnten wir nachhaltige Verbesserungen verzeichnen.» Durch die Eindämmung von FGM werden zahlreiche Frauen vor dem Tod oder vor lebenslangen gesundheitlichen Problemen bewahrt. Das hat selbstverständlich positive Auswirkungen auf die Familien und auf das gesamte wirtschaftliche und soziale System.

Die Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (DEZA) hat die entsprechenden Konsequenzen gezogen: Die reinen Frauenförderungsprogramme, wie sie als Antwort auf die allgegenwärtige Benachteiligung der Frauen während der Uno-Frauendekade (1976 – 1985) entwickelt wurden, wurden abgelöst durch eine umfassende Gender- und Gleichstellungspolitik. Der Genderansatz nimmt das Machtverhältnis zwischen Frauen und Männern ins Visier und betrachtet Probleme (Einkommensförderung, Landwirtschaft, Verwaltungsstellen für Frauen) nicht mehr isoliert. Genderanliegen müssen konsequent in alle Bereiche der DEZA-Programmplanung einbezogen werden. Ein entsprechendes Instrument zur Umsetzung der Genderpolitik, das Toolkit «Gender – Gleichstellung in der Umsetzung», steht bereit. Die Umsetzung selber hängt aber noch stark von der Sensibilität der einzelnen MitarbeiterInnen ab.

Gendersensitive Bestandesaufnahme

In den meisten Gesellschaften spielen Frauen und Männer zu Hause, in ihrer unmittelbaren Gemeinschaft und im breiteren gesellschaftlichen Kontext unterschiedliche Rollen. Oft können Frauen oder Männer aufgrund ihrer Geschlechtszugehörigkeit, aufgrund von Ausbildung, Mitspracherecht oder finanzieller Situation, nicht die Rollen einnehmen, die sie möchten. Deshalb ist als erster Schritt jeder Planung eine genderbewusste Analyse des Kontextes unabdingbar. Das Toolkit hilft, das richtige Analyseinstrument auzuwählen.

Eine derartige Bestandesaufnahme in der Ukraine hat aufgezeigt, dass sich die ökonomische und soziale Situation der Männer in den letzten Jahren massiv verschlechtert hat. Viele Männer sind arbeitslos und haben ihre Rolle als Ernährer der Familie verloren. Dieses «Versagen» hat zu einer starken Zunahme von Alkoholproblemen und von häuslicher Gewalt gegen Frauen geführt. Nicht zuletzt die betroffenen Frauen haben deshalb gefordert, dass ihre Männer aktiv in Projekte einbezogen werden, weil sie sich davon eine Verbesserung ihrer Situation erhofften. Der Einbezug der Männer wirkt zudem als präventive Massnahme gegen die Abwanderung in die Städte und trägt dazu bei, die oft mit Migration verbundene zusätzliche Belastung der Frauen als Haushaltsvorstände zu verhindern.

Frauen müssen mitentscheiden

Gender Mainstreaming, die durchgängige Berücksichtigung der Geschlechterperspektive, umfasst genderspezifische Programme (FGM, Kindersoldaten), genderbewusste Organisationen, aber auch Gender als integralen Bestandteil aller Planungsphasen, wie ein Beispiel aus Ostafrika verdeutlicht:

Im tansanischen Kilomberodistrikt stellte sich während einer Analyse der Wassersituation für ein Choleraprojekt heraus, dass Brunnen ausgetrocknet waren, die erst drei Jahre zuvor von einer US-amerikanischen Organisation gebaut worden waren. Für Esther Mambulu, die Mitbegründerin des örtlichen Frauenkomitees, ist der Fall klar: «Der Standort der Brunnen wurde zwar gemeinsam mit dem Dorfkomitee bestimmt. Im Komitee sassen aber nur Männer, und die haben den Standort der zu bauenden Brunnen aufgrund geographischen Kriterien festgelegt.»

Mambulu verdeutlicht, dass dies nicht genügt: «Die Bodenbeschaffenheit ist an vielen Orten schlecht. Wir Frauen wissen genau, wo der Boden besser ist und wo schlechter. Schliesslich sind wir für das Wasser holen zuständig.» Wenn die Frauen keinen Brunnen haben, graben sie eigenhändig nach Wasser. «Die meisten von uns kennen die ergiebigeren Plätze, manchmal sind sie nur hundert Meter von den ausgetrockneten Brunnen entfernt», sagt sie. Mit der Formulierung von Genderindikatoren und nach Geschlecht differenzierten Zielsetzungen für die neue Phase des Projektes sowie mit dem Einbezug von Frauen ins Dorfkomitee können solche Fehler verhindert werden.

überzeugungsarbeit geht weiter

Mit der Verabschiedung einer neuen Genderpolitik im vergangenen Jahr hat die DEZA-Direktion gezeigt, dass ihr die Umsetzung des Gender Mainstreaming ein Anliegen ist. Unterstützt wird die Umsetzung durch das Toolkit «Gender – Gleichstellung in der Umsetzung», das in zweijähriger Zusammenarbeit mit den Koordinationsbüros entwickelt worden ist. Es dient dazu, Gender als übergreifendes Thema systematisch in alle Schritte eines Programm-Managements zu integrieren. Es stellt Schlüsselfragen für die Analyse des jeweiligen Kontextes, für die Zusammenarbeitsvereinbarungen mit Partnerorganisationen oder für die Berücksichtigung von Gender in thematische Bereiche wie Wasser oder Landwirtschaft.

Trotzdem gibt es innerhalb der DEZA und ihrer Partnerorganisationen noch viel überzeugungsarbeit zu leisten, bis die Genderpolitik umfassend angewendet wird: Noch immer werden wichtige Dokumente verabschiedet, in denen Genderaspekte mit keinem Wort erwähnt werden, oder Partnerorganisationen werden ausgewählt, obwohl sie Genderaspekte in ihrem Programm zu wenig berücksichtigen.

Die Integration von Genderaspekten ist also nicht nur zentral für die Programme im Süden und Osten und nicht nur ein zentrales Problem der Frauen. Die DEZA und ihre Partner müssen sich deshalb noch stärker dafür engagieren, innerhalb ihrer eigenen Strukturen gendergerechte Abläufe zu institutionalisieren und eine Organisationskultur zu schaffen, in der Frauen und Männer gleiche Chancen haben, diese Kultur mit zu prägen. Welche Aspekte dabei berücksichtigt werden sollten, zeigt das Toolkit auf. Soll die Umsetzung aber erfolgreich sein, braucht es neben den entsprechenden Strategien und Handbüchern auch den politischen Willen. Nur wenn Frauen und Männer sich gemeinsam für eine gerechte Welt einsetzen, kann die Kluft zwischen Arm und Reich verkleinert und die Chancengleichheit zwischen Männern und Frauen verbessert werden.

* Maya Tissafi ist stellvertretende Leiterin der Sektion Gouvernanz und Verantwortliche für Gender Mainstreaming in der DEZA. Dazu gehört die Beratung der einzelnen Länderbüros, der thematischen, multilateralen, geographischen und humanitären Sektionen in der Schweiz, die Ausbildung von MitarbeiterInnen und Partnerorganisationen und die internationale Vertretung der DEZA zu Genderthemen. Kontakt: maya.tissafi@deza.admin.ch.

Gender-Gleichstellung. Ein Schlüssel zu Armutsbekämpfung und nachhaltiger Entwicklung

«Die neue Genderpolitik der DEZA stellt sicher, dass alle DEZA-Interventionen die Möglichkeiten von Frauen und Männern, ihre Rechte gleichermassen wahrzunehmen, verbessern. Frauen und Männer sollen gleichberechtigt vom Nutzen der Entwicklung profitieren und ihn in gleichem Masse kontrollieren können. Um dieses Ziel zu erreichen, müssen die Fähigkeiten von Frauen und Männern gestärkt werden. Dies wird Frauen und Männern ermöglichen, sich auf allen Ebenen konstruktiv und engagiert am sozialen Veränderungsprozess zwischen den Geschlechtern zu beteiligen. »

Die Gender Politik der DEZA, erhältlich in deutsch, französisch, italienisch, englisch und spanisch (2003).

  

Gender–Gleichstellung in der Umsetzung. Eine Arbeitshilfe für die DEZA und ihre Partner

«Dieses Toolkit ist als Hilfe für PraktikerInnen gedacht, damit sie im richtigen Moment die richtigen Fragen stellen und die Gender- Anliegen in den verschiedenen Etappen der Entwicklungsprogramme einbezogen werden können. Auf den einzelnen Papieren werden viele Fragen gestellt. Es geht aber nicht so sehr darum, alle zu beantworten. Vielmehr soll damit sicher gestellt werden, dass das Personal der DEZA und ihre Partner die wichtigen Fragen nicht ausblenden und ihre Fähigkeiten bei der Gender-Planung und beim Gender-Monitoring verbessern können. Die Fragen sollen vor allem das Gender-Bewusstsein unter den Angestellten und den Partnern schärfen. »

Toolkit, erhältlich in deutsch, französisch, englisch und spanisch (DEZA, 2003).
Bestellungen: info@deza.admin.ch oder DEZA-Verteilzentrum, Tel. 031 322 44 12. Downloads und weitere Informationen: www.deza.admin.ch (Themen: Gender-Gleichstellung)