Auch wir: Sexuelle Übergriffe in der internationalen Zusammenarbeit sind ein Skandal

Es sind für die internationale Zusammenarbeit unangenehme Nachrichten, die uns aus dem Vereinigten Königreich erreicht haben. Oxfam-Mitarbeiter sollen verschiedentlich sexuelle Übergriffe verübt haben. Unangenehm, aber auch erstaunlich?

Die sexuellen Übergriffe bei Oxfam gehen hauptsächlich auf die Jahre 2010 zurück als das Hilfswerk als Folge der Erdebenkatastrophe in Haiti im Einsatz gestanden hat. Nach der Veröffentlichung durch die englische Zeitung „The Times“ sind noch weitere Übergriffe, auch gegen Schutzsuchende, ans Licht gekommen. Und weitere Organisationen wie Médecins sans Frontières sind ebenfalls ins Rampenlicht gerückt.

Nichtregierungsorganisationen und Hilfswerke in der internationalen Zusammenarbeit, auch im Bereich Gesundheit, engagieren sich immer wieder gegen geschlechtsspezifische Gewalt. Wir sind ExpertInnen dessen, wie es zu Übergriffen kommt, wie dagegen vorgegangen werden muss und wie sie verhindert werden. Als solche ExpertInnen müsste uns der Skandal alles andere als überraschen.

Replizierte Machtstrukturen

Nichtregierungsorganisationen sind in schwierigen Kontexten tätig, wo die Rechtsstrukturen, die auch präventiv wirken sollten, nur schwach oder gar nicht vorhanden sind. Sie sind gleichzeitig auch Machtfaktoren, die Äbhängigkeiten gegenüber ihren Zielgruppen schaffen. Diese Machtstrukten und Abhängigkeiten sind genau die Voraussetzungen, in welchen sexuelle Gewalt gedeihen kann – gerade in den Kontexten, in welchen wir uns bewegen. Die betroffenen Organisationen hätten dies wissen müssen – und sie müssen Voraussetzungen schaffen, dass diese Machtstrukturen möglichst abgebaut, Abhängigkeiten eliminiert werden und eine starke Kontrolle errichtet wird, damit solche Übergriffe nicht geschehen können. Genau darin liegt das Versagen dieser Organisationen und genau dies ist der Skandal.

 Der Ruf der internationalen Zusammenarbeit droht unter dem Skandal zu leiden. Aus der Krisenkommunikation weiss ich: Nichts ist schlechter als die Problematik herunterzuspielen und als bedauerliche Einzelfälle in der Luft stehen zu lassen. Wir müssen vielmehr die Strukturen, welche sexuelle Gewalt ermöglichen, überall bekämpfen – und als erstes bei uns selber.

Martin Leschhorn Strebel
Netzwerk Medicus Mundi Schweiz

Newsletter abonnieren