Die schwarzen Brüder: Armut, Migration und Kinderarbeit

In den Ferien haben wir unseren Töchtern „Die Schwarzen Brüder“ von Lisa Tetzner vorgelesen. Zurück am Arbeitsplatz springt mich die Geschichte des im 19. Jahrhundert aus dem Tessin nach Mailand verkauften Giorgio nun dauernd wieder an.

Giorgio ist ein Junge einer Kleinbauernfamilie aus dem Tessiner Verzascatal. Man hat den Buben schnell gern, wie er in der Verzasca fischen geht oder seine Mutter beim Mähen einer steilen Wiese vor einer Giftschlange rettet. Doch die Not ist gross, Giorgio muss mitarbeiten und er lernt weder Lesen noch Schreiben. Und an diese Ausgangslage der Geschichte muss ich denken, wenn ein amerikanischer Ökonom den neusten ILO-Bericht zur Kinderarbeit im Lancet kommentiert. In der Realität des 21. Jahrhunderts arbeiteten die meisten Kinder in kleinen Bauernbetrieben, doch „wir romantisieren diese Familienbetriebe, denn es ist hier, wo die gefährlichsten Arbeiten ausgeführt werden.“

Durch eine Reihe unglücklicher Umstände verliert Giorgios Familie einen Teil ihrer wirtschaftlichen Grundlage. Schliesslich verletzt sich die Mutter lebensbedrohlich. Ein Arzt muss her. Um diesen aber bezahlen zu können, wird Giorgio an den „Mann mit der Narbe“ verkauft, der Tessinerbuben an Kaminfeger in Mailand vermittelt.

Giorgio wird nachts auf einer Barke mit rund zwanzig anderen Kaminfegerbuben über den Lago Maggiore verfrachtet. Doch das Boot gerät in einen Sturm und nur wenige Kinder können sich retten. Am Montag, dem 1. August 2011 sind auf einem Flüchtlingsschiff, das nach Lampedusa unterwegs war, 25 AfrikanerInnen erstickt.

Die Arbeits- und Lebensbedingungen von Giorgio und seinen „schwarzen Brüder“ in Mailand sind hart. Sie gehen Barfuss durch die winterlichen Strassen und sind unterernährt, sie werden geschlagen und verspottet; der Russ, den sie aus den Kaminen schlagen, setzt sich in ihren Lungen fest. Giorgios Freund Alfredo stirbt – vermutlich an Lungentuberkulose. Der ILO-Bericht schätzt, dass im südlichen Afrika 15% der Kinder risikoreiche Arbeiten durchführen müssen. Kinder unterliegen einem deutlich höheren Risiko, aufgrund von Arbeit zu erkranken oder zu verunfallen.

Die Geschichte Giorgios geht dank dem Mut der Kinder und der Skandalisierung in der Tessiner Öffentlichkeit gut aus. Aber auch wenn das Tessin als Finanzplatz heute andere Sorgen als im 19. Jahrhundert kennt, sollten wir uns die Geschichte der Armut in der Schweiz präsent halten: Armut als Ursache von Migration; Krankheiten und Unfälle, welche die Not verstärken; Kinderarbeit, welche die Unterentwicklung auf Jahre hinaus zementiert – diese verdrängte Geschichte der Schweiz würde helfen, unsere heutige Welt besser zu verstehen.

Martin Leschhorn Strebel Mitglied der Geschäftsleitung

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