Ebola, Public Health und die Vertrauensfrage

Kürzlich twitterte Richard Horton, Redaktor der Fachzeitschrift „The Lancet“ ein Bild aus Liberia, das zeigt, wie ein Soldat eine Frau mit einem Stock attackiert, um die Quarantänenmassnahmen der Regierung durchzusetzen. Horton kommentierte dies eindringlich: „This is not public health. This is violence and coercion. It is not the way to stop Ebola.“ (http://bit.ly/1zDN4il)

Die Angst in Westafrika, dass sich die Ebola-Epidemie unkontrolliert weiterentwickeln könnte ist gross und durchaus berechtigt – und dass die Regierungen, wie auch die internationale Gemeinschaft endlich zu Reaktionen greifen verständlich. Doch Richard Horton spricht einen wichtigen Punkt an: Public Health Massnahmen können nicht funktionieren, wenn das gesellschaftliche Vertrauen in sie und diejenigen, die sie verantworten fehlt.

Genau darauf hat kürzlich David Signer, Auslandredaktor der Neuen Zürcher Zeitung hingewiesen: „Liberia und Sierra Leone haben mehr als ein Jahrzehnt Bürgerkrieg hinter sich. Was unter dem Warlord Charles Taylor an Grausamkeiten verübt wurde, liegt jenseits des Vorstellbaren. Nach der langen Erfahrung von Terror, Unterdrückung, Propaganda und Lüge misstrauen die Bewohner dem Staat und seinen Vertretern. Manche glauben, in den Stammlanden der Opposition benutze die Regierung das Virus als biologische Waffe, um die dortige Bevölkerung auszurotten. Manche sehen Ebola als Erfindung der Politiker, um ausländische Gelder anzulocken.“ (NZZ, 22.8.14)

Der Gedanke, dass sich internationale Gesundheitszusammenarbeit zugunsten von Regierungen, denen es an gesellschaftlicher Legitimität mangelt, am Ende gegen Public Health Massnahmen wenden könnten, ist höchst ungemütlich. Public Health braucht das Vertrauen, dass es sich an die Bevölkerung richtet und nicht Teil einer Regierungspolitik ist, die nur auf die eigenen Vorteile bedacht ist – oder Interessen jenseits eines eigentlichen gesundheitspolitischen Zieles verfolgt. Hier reiht sich die CIA ein, die Polioimpfprogramme missbraucht hatte, um Hinweise auf den Aufenthaltsort von Osama bin-Laden zu erhalten.

Stellt sich noch die Frage, ob auch die WHO Vertrauen verspielt hat, weil sie auf die Ebola-Epidemie zu spät reagiert habe. Jeremy Youde hat kürzlich in einem Beitrag für die Washington Post darauf hingewiesen, dass der WHO in den vergangenen Jahren sukzessive die Möglichkeiten genommen wurden, zu reagieren. Ich denke, es ist dringend notwendig, dass der Executive Board der WHO untersucht, weshalb die WHO so spät reagiert hat und was sie bräuchte, um in Zukunft eine aktivere Rolle spielen zu können. Denn letztlich geht es um das Vertrauen in die wichtigste Organisation, um Public Health im globalen Rahmen glaubwürdig zu vertreten.

Martin Leschhorn Strebel
Geschäftsführer Netzwerk Medicus Mundi Schweiz

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