Gewalt gegen Frauen: sie passiert täglich und überall

Jede dritte Frau in der EU hat seit ihrer Jugend körperliche oder sexuelle Gewalt erlebt, fünf Prozent davon sind vergewaltigt worden. Die Resultate der Studie der EU-Grundrechte-Agentur (FRA) waren vor wenigen Tagen in den meisten Schweizer Medien zu lesen. Die Studie schreckt auf.

Die Zahlen dürften auch für die Schweiz zutreffen. Was tun, wenn die Freundin, die Tochter oder Nachbarin vergewaltigt worden ist? In Bern, wo ich wohne, erhalten betroffene Frauen und Mädchen ab 14 Jahren im Rahmen des „Berner Modells“ rund um die Uhr Hilfe und medizinische Betreuung durch eine Ärztin der Frauenklinik . Im „Berner Modell“ arbeiten die Frauenklinik, das Institut für Rechtsmedizin, die Universitätsklinik für Infektiologie des Inselspitals, die Kantonspolizei Bern und die Opferhilfe eng zusammen, um dem Opfer sexueller Gewalt einfühlsam und kompetent beizustehen. Zur medizinischen Erstuntersuchung und Betreuung gehört die „Pille danach“ um eine ungewollte Schwangerschaft zu verhüten. Weniger bekannt, aber bei uns im Standardangebot, ist eine andere „Pille danach“, die HIV- Postexpositionsprophylaxe, kurz HIV-PEP.

Mädchen und Frauen, Jungs und Männer in einem Land Afrikas, Asiens oder Lateinamerikas, die sexuelle Gewalt erfahren mussten, werden oft (meist?) mit dieser traumatischen Erfahrung allein gelassen. Kompetente und einfühlsame Beratungsangebote fehlen, aber auch die medizinische Versorgung, die psychologische und rechtliche Unterstützung. Hinzu kommt das Tabu, Scham und Totschweigen und letztlich das Gefühl, ich bin doch selber schuld.

Was tun, wenn eine Mitarbeiterin in „unserem Projekt“ oder Projektgebiet vergewaltigt worden ist? Ist dies ein Thema für unsere Partnerorganisation? Geht uns dies etwas an? Welche Einflussmöglichkeiten haben wir auf praktischer Ebene und welche auf politischer Ebene?

Diesen Fragen werden wir an der Fachtagung von aidsfocus.ch zu „Addressing sexual violence and HIV“ am 10. April 2014 nachgehen. Inspirieren lassen wir uns von den Erfahrungen und Kenntnissen von LifeLine in Südafrika, einer von terre des hommes schweiz unterstützten Organisation. Diese hat in 11 Spitälern Rape Crises Centres aufgebaut hat, wo Frauen und Kinder, die sexuelle Gewalt erfahren haben, einfühlend und kompetent umsorgt werden, und die eng mit den lokalen Gemeinden zusammenarbeiten. Ein zweites anregendes Beispiel ist das Programm der DEZA in der Region der Grossen Seen in Afrika mit dem Namen «femmes et enfants victimes de violences», welches den Tausenden von vergewaltigten Frauen und Männern aus der kriegsgeschüttelten Region medizinische und psychosoziale Unterstützung bietet.

Wir würden uns freuen, mit Euch diese Fragen an der aidsfocus.ch Fachtagung vom 10. April 2014 diskutieren zu können und mögliche Lösungswege zu entwickeln.

Helena Zweifel Geschäftsführerin Netzwerk Medicus Mundi Schweiz Koordinatorin aidsfocus.ch

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