Krise und Gesundheit

Zwischen Januar und Mai 2011 hat die Selbstmordrate im Vergleich zur Vorjahresperiode um 40% zugenommen. Die psychische Gesundheit hat sich rapide verschlechtert. Die Budgets für die Spitäler wurden um 40% gekürzt, verschiedene Gesundheitseinrichtungen sind geschlossen worden. Medikamente werden nur noch gegen Barzahlungen abgegeben und die aus der eigenen Tasche zu zahlenden Kosten sind gestiegen. Die Ansteckung mit HIV unter Drogensüchtigen ist von 10-15 in den Jahren 2007-2010 auf 256 im Jahr 2011 hochgeschnellt. In den ersten acht Monaten des Jahres 2012 lag die Zahl bereits bei 314. Wir sprechen hier von einer Verzwanzigfachung der Neuinfektionen innerhalb von zwei Jahren. Wir sprechen hier von Griechenland. (Quelle für die Zahlen: M. Karanikolos et al.: Financial crisis, austerity, and health in Europe. The Lancet, vol 381, April 13, 2013, p. 1327).

Wer in der internationalen Gesundheitszusammenarbeit tätig ist, weiss, dass wirtschaftliche Krisen und andauernde Armut krank machen. Dass die gesundheitlichen Folgen der Austeritätspolitik in entwickelten europäischen Ländern so schnell sichtbar werden, muss uns aber zu denken geben. Unsere Gesundheitssysteme, die wir im Alltag in ihrer ganzen Komplexität als schwerfällig erleben, reagieren offenbar hochsensibel auf wirtschaftliche und soziale Veränderungen. Dabei müsste gerade die Gesundheitsversorgung als Teil der umfassenden sozialen Sicherheit innerhalb eines Staates vor allem eines sein – krisenresistent.

Zu denken muss uns aber auch geben, wie unbedacht die europäische Politik in der Finanzkrise den Schuldenabbau und die Sicherung der Finanzindustrie über das Recht auf Gesundheit der Bevölkerung gestellt hat. Dies ist für uns, die wir für dieses Recht weltweit kämpfen, eine schlechte Nachricht. Dabei müssten die Regierungen aufgrund historischer Erfahrungen wissen, dass wirtschaftliche Krisen die Gesundheit der Bevölkerung gefährden. Und es ginge auch anders.

Island war durch die Finanzkrise ebenfalls massiv betroffen. Doch die Regierung hat statt die Sparschraube anzudrehen, in die soziale Sicherheit und Arbeitsplatzmassnahmen investiert. In Island konnten bis heute keine negativen Auswirkungen der Krise auf die Gesundheit ausgemacht werden. (The Lancet, p. 1329).

Martin Leschhorn Strebel Netzwerk Medicus Mundi Schweiz

Newsletter abonnieren