Nachrichten vom 14. Januar 2005

Liebe Leserin, lieber Leser

Waren Sie in den ersten Tagen des neuen Jahres auch hin- und hergerissen zwischen der ersten Begeisterung und dem unausweichlich folgenden zweiten Gedanken?

Begeisterung für die unglaubliche, einmalige Solidarität und Hilfsbereitschaft der Menschen in der Schweiz und auf der ganzen Welt für die Opfer der Flutkatastrophe in Südasien. Endlich passiert einmal das, worauf wir in der internationalen Zusammenarbeit kaum mehr gehofft haben: innert kürzester Zeit steht so viel Geld zur Verfügung, dass bei der Bewältigung einer aktuen Notlage Nägel mit Köpfen gemacht werden können. Toll, phantastisch!

Der zweite Gedanke wurde zuerst von Médecins sans Frontières ausgesprochen und diese Woche auch an der internationalen Geberkonferenz: Erinnert euch an die vergessenen Katastrophen! Seid an anderen Orten ebenso grosszügig! Gebt euer Geld nicht einfach an einem neuen Ort aus, sondern stellt mehr Geld für die Überwindung der akuten und latenten Krisen der Welt zur Verfügung! Ob diese schwierige Nachricht ankommen wird? Die Zeit wird es weisen...

Hin- und hergerissen, auf bescheidenerem schweizerischen Niveau, war ich auch bei der Meldung, dass Lotti Latrous, "Lotti La Blanche", eine in den Elendsvierteln von Abidjan in der Betreuung von HIV/Aidskranken tätige Schweizerin, zur "Schweizerin des Jahres 2004" gekürt wurde. Bei gleichem Anlass erhielt der Arzt Ruedi Lüthy, der in Harare eine ambulante HIV-Klinik und ein Referenzlabor errichtet hat, ebenfalls den "Swiss Award" in der Kategorie Gesellschaft. Toll, grossartig! Ich gratuliere!

Die SchweizerInnen sind offenbar nicht blind und taub für die Not der Kranken, die aufgrund ihrer Armut oder sozialen Stellung keinen Zugang zu medizinischer Behandlung und Betreuung haben. Und sie unterstützen tatkräftig die "weisse Frau" oder den "weissen Mann", der mit viel Enthusiasmus einfach hingehen und den Armen und Kranken helften...

Der zweite Gedanke: Gelingt es diesen schweizerischen MacherInnen, ihre Arbeit zu verwurzeln und nachhaltig zu machen? Partnerschaften aufzubauen? sich in die bereits bestehenden lokalen, nationalen und internationalen Strukturen einzugliedern? sich selbst vielleicht einmal überflüssig zu machen? Die schweizerische Gesundheitszusammenarbeit kennt alle Sorten von Geschichten, die mit dem Enthusiasmus einer Einzelperson begonnen haben... Und so gilt auch hier: Die Zeit wird es weisen.

Ich wünsche Ihnen ein gutes neues Jahr.

Thomas Schwarz, Co-Geschäftsführer Medicus Mundi Schweiz. Netzwerk Gesundheit für alle

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