Nachrichten vom 16. Februar 2010

Bankgeheimnis und Patente: Halbwertszeiten von Geschäftsmodellen

Was noch vor einigen Jahren undenkbar gewesen ist, ist Tatsache geworden: Das Bankgeheimnis ist faktisch abgeschafft. Das einzig ärgerlich dabei mag sein, dass dies auf Druck von aussen geschehen ist, weil die Schweizer Politik über Jahre hinweg das Problem geleugnet hat.

Ein anderer zentraler Zweig der schweizerischen Volkswirtschaft ist die Pharmaindustrie. Eines ihrer Geschäftsmodelle ist das Patentsystem. Dieses lässt sich nicht einfach eins zu eins mit dem Bankgeheimnis vergleichen, doch einige Veränderungen sollten Industrie und Politik ernst nehmen.

Zwei Motoren treiben, wenn auch noch sachte, Veränderungen voran, die das Patentsystem für Medikamente obsolet machen könnten.

  1. Motor „Ungerechtigkeitsempfinden“: Das Patentsystem verhindert den Zugang zu Medikamenten für diejenigen Menschen in den Entwicklungsländern, die am meisten von den globalen Krankheitslasten betroffen sind. Dieses Marktversagen wird als ungerecht wahrgenommen, zumal es auch bei hiesigen KonsumentInnen in Form der überteuerten Medikamente diskutiert wird.
  2. Motor „kulturelle Veränderungen“: Die Open-Source Kultur unterspült das Patentsystem. Die Entwicklung und Verbesserung von Software durch eine offene Fachgemeinschaft, die Wissen schafft, austauscht und allen kostenlos zur Verfügung stellt, wischt das Argument der Pharmaindustrie vom Tisch, dass die Patente Garanten von Innovation seien. Ganz offensichtlich gibt es auch andere Modelle, die funktionieren. Zurzeit wächst eine Generation von Menschen heran, für welche diese Kultur selbstverständlich sein wird.

Diese Veränderungen sind bereits wahrnehmbar und sollten von der hiesigen Pharmaindustrie und der Schweizer Aussenwirtschaftspolitik nicht wieder verschlafen werden. Das zweitgrösste Pharmaunternehmen der Welt, GlaxoSmithKline (GSK) scheint die Zeichen erkannt zu haben. Im Januar kündigte es an, 13'500 chemische Komponenten aus seiner Forschung zu veröffentlichen, die das Potential haben, gegen Malaria eingesetzt zu werden. GSK stellt die Komponenten der freien Forschung nicht nur zur Verfügung, sondern richtet gleich noch einen acht Millionen Dollar schweren Fond für die Forschung ein.

Und auch der Patentpool, den UNITAID zur einfacheren Entwicklung neuer HIV/Aids-Medikamente aufbaut, ist ein Zeichen, in welche Richtung es gehen könnte. Noch ist es für die hiesige Industrie und ihre wirtschaftspolitischen ExponentInnen Zeit sich anzupassen – nicht, dass sich der Bundesrat und die Industrie in einigen Jahren wie beim Bankgeheimnis vorwerfen lassen müssen: „Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben.“

Martin Leschhorn Strebel Mitglied der Geschäftsleitung

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