Nachrichten vom 28. Juli 2009

Chronische Krankheiten als Geschichte der Globalisierung

Chronische Krankheiten waren lange Zeit ein Problem der entwickelten Länder. Deshalb werden Herz-Kreislaufkrankheiten oder Fettleibigkeit gerne auch als Wohlstandskrankheiten angesehen. Die Entwicklungen der letzten Jahre zeigen aber: Die Verbreitung der chronischen Krankheiten ist auch eine Geschichte der Armut und der sozialen Ausgrenzung – im Norden wie im Süden.

Chronische Krankheiten erzählen uns eine Geschichte von sozialen Krisen: Als die Sowjetunion zusammengebrochen ist, sind in Osteuropa die Gesundheitsversorgung und die sozialen Sicherungsnetze kollabiert. Viele Menschen reagierten auf die Unsicherheiten mit erhöhtem Alkoholkonsum. Folge: Zwischen 1990 und 2005 sank die Lebenserwartung eines russischen Mannes von 64 auf 53 Jahren.

Chronische Krankheiten erzählen uns eine Geschichte der Globalisierung: Mit dem nordamerikanischen Freihandelsabkommen NAFTA verpflichtete sich Mexiko 1994, ausländische Investitionen zu erleichtern. 1993, also vor der Vertragsunterzeichnung, betrugen us-amerikanischen Direktinvestitionen in die mexikanische Lebensmittelindustrie 210 Millionen US-$. Fünf Jahre nach der NAFTA-Unterzeichnung stiegen die us-amerikanischen Direktinvestitionen auf 5.3 Milliarden US-$. Zwischen 1993 und 2003 stieg der Anteil von verarbeiteten Nahrungsmitteln (Soft Drinks, Snacks etc.) in Mexiko um 5-10% pro Jahr. 1999 stammten 46% der Energie, die Kinder zwischen eins und vier Jahren in Mexiko zu sich nahmen, aus verarbeiteten Lebensmitteln. Im gleichen Zeitraum haben Fettleibigkeit und Diabetes in Mexiko epidemische Ausmasse angenommen: Fettleibigkeit und Übergewicht stiegen von 33% 1988 auf 62.5% im Jahr 2004; 8% der MexikanerInnen leiden unter Diabetes.

Chronische Krankheiten sind also durchaus auch Lebensstil-Krankheiten, wobei das soziale, politische und ökonomische Umfeld den Lebensstil bestimmen. Armut schafft chronische Krankheiten – eben auch in Entwicklungs- und Schwellenländern. Dort aber treffen die Krankheiten auf bereits schwache Gesundheitssysteme.

Die Gesundheitszusammenarbeit steht vor einer neuen Herausforderung: Melden Sie sich jetzt zu unserem Symposium am 10. November 2009 in Basel an.

Martin Leschhorn Strebel Mitglied der Geschäftsleitung

Quellen: Closing the gap in a generation. Health equity through action on the social determinants of health: final report of the commission on social determinants of health. World Health Organization 2008

Hannah Kuper and Simon Kuper: “Lifestyle” diseases saddle poor countries. Financial Times, January 9 2009

Global Health Watch 2: An Alternative World Health Report. London 2008

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