Nichtübertragbare Krankheiten: Reichen nationalstaatliche Regelungen?

Mexiko hat die Zuckersteuer eingeführt. Die Schweiz setzt auf freiwillige Massnahmen der Industrie. Doch reicht dies aus, um damit Einfluss auf die globale Epidemie der nichtübertragbaren Krankheiten zu nehmen?

Um ganz ehrlich zu sein: Mir ist der Schweizer Ansatz der Freiwilligkeit durchaus sympathisch. Diesen Ansatz pflegt Gesundheitsminister Alain Berset seit einiger Zeit im Umgang mit der Lebensmittelindustrie, wenn es darum geht, den Zuckergehalt in Lebensmittel zu senken. Und diese Industrie zieht gerne mit, weil die durch den Zuckerkonsum ausgelösten Krankheiten, wie Diabetes, Krebs oder Herz-Kreislauferkrankungen ein hohes Reputationsrisiko darstellen, und weil im Hintergrund noch ein anderes Instrument droht, um Einfluss auf den Zuckerkonsum der Bevölkerung zu nehmen: die Zuckersteuer.

Private Tragödien?

Die Neue Zürcher Zeitung argumentierte jüngst gegen die VertreterInnen einer Zuckersteuer: „Doch Übergewicht und die daraus resultierende verkürzte Lebenserwartung bleiben in erster Linie eine private Tragödie. Vor allem aber ist es die Entscheidung des mündigen Konsumenten, was er isst.“ (NZZ, 5.9.2017) Was hier so rational und logisch klingt, stellt sich unter einer Public-Health-Perspektive alles andere als einfach dar. An einer internen Veranstaltung für Medicus-Mundi-Mitglieder wies Dr. Rüdiger Krech von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) im September darauf hin, dass die Verbreitung chronischer Krankheiten (NCDs) in Städten den gleichen epidemiologischen Mustern wie Choleraerkrankungen im 19. Jahrhundert folge. Dies ist ein deutlicher Hinweis darauf, dass die sozialen Determinanten und nicht das individuelle Konsummuster entscheidend für die Verbreitung der nicht-übertragbaren Krankheiten (NCDs) sind.

Mexiko handelt

Darüber werden an unserem diesjährigen MMS Symposium „Kein Business as usual gegen nichtübertragbare Krankheiten: Wirtschaft, Politik und Gesundheitsversorgung vor den Herausforderungen einer globalen Epidemie“ sprechen. Diskutieren werden wir sicher mit Alejandro Calvillo die These, dass es letztlich der freie Entscheid jedes Einzelnen ist, der die Verbreitung der NCDs steuert. Calvillo hat in Mexiko erfolgreich für die Einführung der Zuckersteuer gekämpft. Das Land erlebt seit den 90er Jahren des letzten Jahrhunderts im Zuge des nord-amerikanischen Freihandelsabkommens eine epidemische Verbreitung der nichtübertragbaren Krankheiten. Angesichts dessen, dass der globale Handel offensichtlich einen Einfluss auf die Verbreitung der NCDs hat, stellt sich die Frage, ob jedes Land selbst handeln soll oder ob es auch eine weltweite Übereinkunft braucht.

Martin Leschhorn Strebel
Netzwerk Medicus Mundi Schweiz

Newsletter abonnieren