Im öffentlichen Interesse...

Nichtstaatliche Gesundheitseinrichtungen und nationales Gesundheitssystem

6. Symposium der schweizerischen Gesundheitszusammenarbeit

Wie definieren gemeinnützige nichtstaatliche Gesundheitseinrichtungen ihre Rolle in der nationalen Gesundheitsversorgung? Wie orientieren sie sich zwischen eigener Mission und veränderten nationalen und internationalen Rahmenbedingungen?


Mutter- und Kindsprechstunde, Gesundheitszentrum Chiúre, Moçambique (SolidarMed, JP Grüter)

Das Thema

Lücken gestopft... Marktorientierte Strukturanpassungsprogramme von Weltbank und IWF führten in den 1980er Jahren in vielen Ländern zur Kürzung der Staatsausgaben in den Sozialbereichen Bildung und Gesundheit. Die Schwächung der Staaten und der Abbau staatlicher Leistungen führten zu einer „passiven Privatisierung“ - der Entstehung eines unregulierten Gesundheitsmarktes mit einer Vielzahl kommerzieller Anbieter auf allen Ebenen. Gleichzeitig versuchten nicht-profitorientierte Initiativen und Institutionen, die Versorgungs- und Finanzierungslücken zu stopfen und den Staat in der öffentlichen Gesundheitsversorgung zu ersetzen - und erhielten dabei internationale Unterstützung: Angesichts der schwachen Staaten und mit der Vision einer Entwicklung von unten sahen es die Entwicklungsorganisationen als Erfolg versprechende Strategie, die Entstehung von Strukturen der Zivilgesellschaft zu fördern und deren Handlungsfähigkeit zu stärken.

Der Staat meldet sich zurück. Seit einigen Jahren sind in der internationalen entwicklungspolitischen Debatte die Akzente wieder verschoben. Ein schwacher, funktionsunfähiger Staat gilt als Entwicklungshindernis, und private Strukturen werden nicht mehr als tauglicher, nachhaltiger Ersatz betrachtet. Im Rahmen der Armutsreduktionsstrategien der Weltbank und des Versuchs einer Harmonisierung der Entwicklungszusammenarbeit (Erklärung von Paris) werden deshalb wieder vermehrt Hoffnungen – und Gelder – in die Unterstützung nationaler Entwicklungsstrategien investiert, verknüpft mit der Stärkung der Institutionen und Kapazitäten der Staaten. Der Staat meldet sich also zurück, und zwar in einer Zeit, in der er - angesichts immenser Herausforderungen und Gesundheitskrisen - mehr und mehr auf die Zivilgesellschaft angewiesen ist.

Mehr steuern – weniger rudern. Der Staat muss und kann dabei nicht alles selber machen: „New Public Management“ oder „Stewardship“ sind Kurzformeln für die Politik vieler Staaten, im Gesundheitswesen und in anderen Versorgungssektoren ihre Aufgabe und Verantwortung neu zu definieren: Der Staat konzentriert sich darauf, durch eine nationale Gesundheitspolitik sowie die Regulierung des Gesundheitssektors die Richtung und den Rahmen vorzugeben, in welchem dann sowohl staatliche als auch private Akteure ihre Leistungen anbieten können.

Mit diesem Staat zusammenarbeiten?! In der Praxis zeichnen sich aber auch heute noch viele Entwicklungsländer durch eine schwache und vielfach auch unfähige staatliche Verwaltung aus. Für die nichtstaatlichen Gesundheitseinrichtungen und ihre Trägerschaften ist der Weg von einem parallelen zu einem integrierten Leistungsangebot, von der Substitution des Staates zur Einbindung in ein nationales Gesundheitssystem nicht einfach und nicht selbstverständlich. Sie formulieren Voraussetzungen, die erfüllt sein müssen – und müssen sich ihrerseits die Frage nach der Legitimation und Nachhaltigkeit ihres Abseitsstehens gefallen lassen.

Positionierung, Stärkung, Zusammenarbeit. Auch wenn sich die Rahmenbedingungen von Land zu Land stark unterscheiden, sind die gemeinnützigen nichtstaatlichen Gesundheitseinrichtungen und ihre Trägerschaften und internationalen Partner heute überall gezwungen, die eigene Identität zu reflektieren, sich mit ihrem Angebot klar zu positionieren – und gleichzeitig ihre Strukturen und Kapazitäten zu stärken. Damit sie sich gegenüber neuen Leistungsanbietern im Gesundheitsmarkt und im politischen Dialog und den Verhandlungen mit dem Staat behaupten können, stellt sich auch die Frage nach Synergien und verstärkter Kooperation zwischen den nichtprofitorientierten Gesundheitseinrichtungen eines Landes oder Gesundheitsdistrikts.

Das Symposium der schweizerischen Gesundheitszusammenarbeit

Internationale Zusammenarbeit und Politik im Gespräch. Das Symposium richtete sich an ein breites Spektrum von TeilnehmerInnen, die auf nationalem oder internationalem Gebiet tätig sind: an Fachleute und Organisationen des Gesundheitsbereichs und der Entwicklungszusammenarbeit, an VertreterInnen von Verwaltung und Politik, Verbänden, Wirtschaft und Medien, sowie an alle, die an Themen der internationalen Gesundheit und der Entwicklungszusammenarbeit interessiert sind.

Veranstalterin des Symposiums ist Medicus Mundi Schweiz, das Netzwerk Gesundheit für alle, in dem sich 46 schweizerische Organisationen der internationalen Gesundheitszusammenarbeit zusammengeschlossen haben. Die Durchführung des Symposiums ist Teil einer mehrjährigen Zusammenarbeitsvereinbarung mit der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit DEZA, die den Anlass mit einem Beitrag unterstützt und inhaltlich begleitet

Wir danken allen Institutionen und Fachleuten innerhalb und ausserhalb des Netzwerks Medicus Mundi Schweiz, die sich an den Vorarbeiten zur Tagung beteiligt haben.

Kontakt:

Thomas Schwarz, tschwarz@medicusmundi.ch