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Violence, Experience of Violence and Health |
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Bulletin of Medicus Mundi Switzerland No. 108, May 2008
Reportage aus einem Spital in Simbabwe während des Wahlkampfs 2002
„..sonst schliessen wir das Spital!“
By Katharina Morello *
Durch die dicken Brillengläser wirkt ihr Blick sanft und verschwommen, fast träumerisch. Doch Schwester Chigaba ist eine resolute Frau, manchmal sogar etwas forsch. Die Spitalleiterin hat ihre eigenen Vorstellungen, wie ein Krankenhaus zu führen ist. Wenn sie sich etwas in den Kopf gesetzt hat, gibt es kein Wenn und Aber. Sie ist die Chefin. Fertig.
Nicht alle mögen Schwester Chigaba. Sie scheint oft distanziert. Förmlich. Versprüht keine Herzlichkeit, wie so viele ihrer Ordensschwestern. Manche werfen ihr vor, sie sei auf eigene Vorteile aus. Doch die Nonne lässt sich nicht beirren. Kämpferisch und zäh setzt sie ihren Willen durch. Wer damit nicht leben kann, suche sein Glück woanders. Der Arzt aus Europa versteht sich gut mit Schwester Chigaba. Er lässt ihre Führung gelten, sie gönnt ihm auch mal eine Pause.
„Wenn Sie arbeiten, bis Sie umfallen, nützen Sie uns ja doch nichts mehr. Ausserdem hat dieses Land auch schöne Seiten. Es wäre schade, diese zu verpassen“, sagt sie und schickt ihn für ein paar Tage fort.
Dann übernimmt sie die ganze Verantwortung. Mangelernährte Kinder, Malaria, Verbrennungen und Knochenbrüche – sie weiss sich zu helfen. Schwierig wird es, wenn Operationen nötig wären. Schwester Chigaba muss entscheiden: Verlegen oder dabehalten? Das ist die schwerste Frage von allen. In den staatlichen Spitälern der Städte geht es nicht besser als auf dem Land. Im Gegenteil. Patienten sterben auf der Fahrt oder noch während sie im Flur warten, bereits in der Stadt. Es gibt auch da zu wenig Ärzte, zu wenig Medikamente, zu wenig von allem.
Die Aufgabe ist nie leicht, doch Schwester Chigaba ist ihr gewachsen. Sie ist eine standhafte, mutige Frau. Einmal ganz besonders.
...eine einzige blutende Wunde
Es begann an Weihnachten. Am 24. Dezember wird ein Geschäftsmann, fünfzig Jahr
alt ist er, ins Spital eingeliefert. Grün und blau hat man ihn geschlagen.
„Wer tut so etwas?“ – fragt der Arzt entsetzt.
Der Mann ist ein MDC-Mitglied. Parteigänger Mugabes haben ihn für seine politische
Meinung bestraft. Das ist erst der Anfang. Der Wahlkampf beginnt. In den folgenden
Wochen finden sich jeden Tag misshandelte Männer und Frauen ein. Auf der Abteilung
fallen sie besonders auf, weil sie nicht im Bett liegen. Sie kauern daneben,
den Oberkörper auf die Matratze gelehnt. Sie können weder sitzen noch stehen,
denn Rücken, Gesäss, Schenkel und Fusssohlen, alles ist eine einzige, blutende
Wunde.
Nach und nach erfährt man mehr. Die Regierungspartei hat Jugendliche als Wahlhelfer angeheuert. Eine Gruppe hat sich in der nahen Ortschaft niedergelassen. Offiziell sollen die Jungen mit Singen und Tanzen für die Wiederwahl des Präsidenten werben. In Wahrheit spüren sie jedoch Mitglieder der Opposition auf und durchsuchen die Häuser. Sie kontrollieren Menschen auf der Strasse und wer sich nicht glaubhaft als Anhänger Mugabes ausweisen kann, wird spitalreif geschlagen. Nicht alle überleben die Tortur. Immer mehr Personen werden vermisst und bald ist die Ausweiskarte der Regierungspartei vergriffen. Die einzige Möglichkeit, eine Kontrolle unbeschadet zu überstehen, ist nur noch auf dem Schwarzmarkt erhältlich. Zu Wucherpreisen.
„Wir behandeln alle gleich, egal, aus welchem Lager“
Für ihren Einsatz erhalten die Jugendlichen Geld, Drogen und Alkohol – ein
verlockendes Angebot, beträgt die Jugendarbeitslosigkeit in der Gegend doch
nahezu hundert Prozent. Burschen und Mädchen haben keine Perspektiven, warum
sollen sie nicht mittun? Man hat auch Spass zusammen und hinterher kriegt man
noch Geld dafür. Mit der Zeit schlagen Oppositionelle zurück, nicht weniger
brutal, aber ohne System: Mit Hacken, Beilen, Messern. Im Spital liegt nun Feind
neben Feind und die Lage spitzt sich allmählich zu. Die Krankenschwestern fürchten
sich bei der Arbeit.
„Wir behandeln alle gleich, egal, aus welchem Lager“, befiehlt die Spitalleiterin.
Ihr Herz aber – man weiss es auch im Dorf – schlägt für die Opposition.
Einmal verprügeln die Jugendlichen vor Ort einen Burschen, der, wie sich herausstellt,
Sohn eines lokalen Zanu-Politikers ist. Ein Missgeschick, ein Irrtum: Der Junge
hatte seinen Ausweis vergessen und die Genossen schenkten ihm keinen Glauben.
Nun kniet auch dieser junge Mann vor dem Bett im Spital und viele lachen darüber
wie über einen guten Witz.
Die Zanu-Grössen aus dem Ort hingegen finden den Vorfall nicht komisch. Tags
darauf fahren sie mit einem Filmteam des staatlichen Fernsehens vor, verlangen
grossspurig Einlass und lassen den misshandelten Jungen vor seinem Krankenlager
filmen. Die anderen Wahlkampf-Opfer im Raum würdigen sie keines Blickes. Zum
Schluss hält der Fernsehreporter dem Politikersohn ein Mikrophon vor:
„Sprich, mein Junge“, fordert er ihn auf, „erzähle uns, wer dich so zugerichtet
hat.“ Jener antwortet wahrheitsgetreu. „Die Zanu-Jugend.“
Geschrei der Entrüstung. „Unmöglich!“ – „Er redet irre!“ Der Vater entreisst
ihm das Mikrophon. „Der Schmerz!“, sagt er. „Er hat meinen Sohn verwirrt. Da
sehen Sie, was man ihm angetan hat: so stürzt die MDC das Land ins Verderben!“
Krieg gegen das eigene Volk
Je näher der Wahltermin rückt, umso gespannter wird die Stimmung. Einmal werden gleich alle Lehrer einer Sekundarschule eingeliefert.
Schwester Chigaba erzählt in der Teepause, was sie darüber gehört hat.
Ein Aushilflehrer, kürzlich aus dem Dienst dieser Schule entlassen, weil er den Schülerinnen nachstellte, hat sich an den Kollegen gerächt. Aus Wut über den Rauswurf hat er sie beim örtlichen Büro der Regierungspartei angeschwärzt. Vielleicht hat er die Jugendlichen auch bestochen, die für Bier und Geld alles tun. – Politik vermischt sich mit persönlicher Rache.
Eines Tages, Anfang März, wird eine zierliche alte Frau ins Spital gebracht.
Zerschlagen wie alle andern zuvor. Dem Arzt platzt der Kragen.
„Schrecken diese Jungen vor gar nichts zurück? Wovor haben sie noch Respekt,
wenn sie eine Grossmutter verprügeln können?“
Die Pflegerinnen schweigen. Man lebt in einer Diktatur. Hier herrscht Krieg
gegen das eigene Volk. Ist das nicht deutlich genug?
Jede Nacht sind dröhnende Trommeln zu hören. Dumpfes Singen. Kriegsmusik. Dann, eines Tages, ziehen die Jugendlichen vors Spitaltor. Vierschrötige Burschen führen sie an. Auch junge Frauen sind dabei, die das Bier tragen. Auf ihren T-Shirts prangt das Bild Mugabes, der ruft zum dritten Chimurenga auf. Mehr als hundert Junge sind es, die da tanzen, stampfen, trommeln, kreischen und mit ihren Schlagstöcken drohend gegen den Zaun schlagen. Sie rufen: „Das Spital ist voll Oppositioneller!“ „Wir wissen es: Alle Schwestern sind MDC!“ „Wir kommen herein, wir schlagen euch!“ „Ihr pflegt Staatsfeinde, das ist verboten!“ „Wir schlagen euch, wir töten euch!“
Dann erscheint die Spitalleiterin auf der Vortreppe. Mit steinernem Gesicht
überquert sie den Hof. Die Jungen verstummen.
Schwester Chigaba spricht zu ihnen durch das Gitter. Sie sagt:
„Unter diesem Dach wird jeder gepflegt. Ganz egal, welche Ansicht er hat. Wenn
ihr es wagt, euren Fuss über diese Schwelle zu setzen, wenn ihr es wagt, nur
einer einzigen Schwester ein Haar zu krümmen, dann schliessen wir das Spital!
Wir rühren keinen Finger mehr! Dann ist Schluss mit Hilfe. Für alle!“
Ein Raunen geht durch die Menge. Die Anführer unterhalten sich leise und plötzlich
treten ein paar Zanu-Politiker aus dem Dorf heran.
„Ruhig, ruhig. Seid ruhig, Leute. Es ist alles in Ordnung.“
Endlich trollen sich die Jungen.
„Die Jugendlichen sind gereizt. Sie müssen aufpassen“, warnt einer der Parteileute
Schwester Chigaba, die noch immer beim Tor steht.
„Sie sind es, die acht geben müssen!“ erwidert die Spitalleiterin scharf. „Wenn
unser Personal eingeschüchtert wird, bleibt es zu Hause. So können wir nicht
arbeiten.“ „Sie sollen doch keine Oppositionellen pflegen! Das provoziert.“
„Wir pflegen Patienten, keine Parteien!“
„Es ist gefährlich, was Sie sagen, Schwester. Wir schicken ihnen einen bewaffneten
Wächter vors Tor. Ein anderes Mal wird es nicht so glimpflich ablaufen.“ „Diese
Jungen, die sollten Sie bewachen lassen – aber gut, schicken Sie uns einen Wächter
vorbei, am besten für rund um die Uhr.“
„Ja doch, auch für die Nacht. Aber machen Sie weiter!“
Das Spital bleibt offen. Doch auf die Wahlen hin ist der Betrieb kaum aufrechtzuhalten.
Nach Übergriffen der Jugendlichen auf die Mission geht der Arzt. Auch Schwester
Chigaba bringt sich in Sicherheit. Nach ein paar Wochen, nach den Wahlen, ist
alles vorbei. Und die Geflohenen kehren zurück – zum alltäglichen Kampf um Leben
und Tod.
Vor seiner Heimreise nach Europa trifft der Arzt die Spitalleiterin in ihrem
Büro. Sie sitzt vor einer langen Liste, alles Dinge, die fehlen, kaum noch zu
haben sind und doch so dringend benötigt: Medikamente, Instrumente, Verbandsmaterial,
Nahrung...
„Es macht wenig Freude, unter solchen Umständen ein Spital zu leiten. Wir könnten
so viel mehr tun“, bedauert die Schwester. Aber dann lächelt sie. Blickt verschwommen
durch die dicke Brille. Was will sie klagen? Wer Klagelieder singt, ist schon
gestorben. Und ausserdem: „Solange Gott uns liebt, geht es uns nicht schlecht.
Nicht wirklich, jedenfalls.“
Zum Abschied schenkt die Arztfamilie dem Spital ein Schaf. Die Handwerker schlachten
es, die Köchinnen kochen eine feine Mahlzeit, Sadza mit Fleisch für alle. „Möchtet
ihr das Fell zurück?“, fragt die Spitalleiterin hinterher. Wenn nicht, ist sie
bereit, es zu nehmen. „Das können alle akzeptieren, weil ich ja die Chefin bin.
Geben Sie es irgendjemandem, könnte dies Streit auslösen.“
Selbstverständlich bekommt sie das Fell.
*Katharina Morello, geboren 1966 in Zürich, studierte Theologie für das Pfarramt in Zürich und Journalismus in Luzern. Sie arbeitet als Redakteurin und Journalistin u.a. für Brot für alle, den Tages-Anzeiger, die Zürichsee-Zeitung. Ein Jahr verbrachte sie mit ihrer Familie in Simbabwe, wo ihr Ehemann für SolidarMed im Landspital von Musiso tätig war. Katharina Morello lebt mit ihrer Familie in Hirzel in der Schweiz.
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Buchhinweis Die vorliegende Reportage entnimmt das MMS Bulletin dem dieses Jahr erschienen Buch „Sie tragen die Welt auf dem Kopf“ von Katharina Morello. Wir danken Verlag und Autorin für die Erlaubnis. Katharina Morello: Sie tragen die Welt auf dem Kopf, geb, 150 Seiten,
Peter-Hammer-Verlag, Wuppertal 2008 |