Was für anarchosyndikalistische Belanglosigkeiten...
Ich bin furchtbar enttäuscht darüber, wie sich Karl Heinz Roth und Jochi Weil-Goldstein in ihrem Diskussionsbeitrag "Weltgesundheitsorganisation als Neuschöpfung" im Bulletin von Medicus Mundi Schweiz mit ihrem saloppen "Nur das Unmögliche ist das Realistische" darum gedrückt haben, irgend einen Ansatzpunkt zur Lösung des globalen Gesundheitschaos zu bieten.
Stattdessen entwickeln sie ihre Leerformel von weltweit verbundenen, egalitär organisierten Gesundheitsgewerkschaften, in denen die irgendwie interesseharmonisch vereinten AnbieterInnen und NutzerInnen von Gesundheitsleistungen selbstverständlich auch Wege finden, miteinander solidarisch die Gesundheitsprobleme der Welt zu überwinden, zwischen Arm und Reich auszugleichen, die Gesundheitsversorgung zu koordinieren. Zwar müssten dafür die transnationalen Unternehmen der Gesundheitsbranche enteignet werden, doch würden in dieser schönen neuen Welt wenigstens "sicher auch die weltweit agierenden kritischen NGOs des Gesundheitswesens ihren Platz finden, und sicher auch einige RepräsentantInnen des linken Flügels des public health-Spektrums sowie der bestehenden WHO."
Da hatten wir Menschen doch einmal gesellschaftliche Grundregeln, Staaten, Recht geschaffen... Da hatten wir uns doch einmal für die Stärkung dieser Institutionen auf nationaler und internationaler Ebene, für Solidarität zwischen den Gemeinschaften, Gouvernanz und Rechenschaftspflicht eingesetzt, und sind gegen die Exzesse des Neoliberalismus und Merkantilismus auf die Strasse gegangen. Na ja, wir werden von den Autoren belehrt, dass dies nichts weiter ist, als sklerotische politische Klassen und Regime mit einem Hauch von Legitimität zu versehen...
Ich weiss wirklich nicht, ob die beiden Autoren jetzt irgendwo hinter einer Hecke hocken und kichern und auf allfällige Reaktionen der betupften Szene warten. Na ja, ich ergreife das Portemonnaie. Zieht an der Schnur, und lacht über micht.
Thomas Schwarz
Medicus Mundi International
Belanglos, abgehoben, enttäuschend
Posted byJochi Weil |
13.01.2009
Lieber Thomas Schwarz
Ich nehme Bezug auf unser Telefongespräch vom 12. Januar 08 und halte bezüglich Deines Kommentars auf den Debattenbeitrag “Weltgesundheitsorganisation als Neuschöpfung” im Bulletin 110 von Medicus Mundi Schweiz, November 2008 Folgendes fest:
Als ich Deine Ausführungen las, war ich überrascht und erstaunt über Deinen Verriss des Beitrags von Karl Heinz Roth und mir, denn ich schätze Dich und die Arbeit von Medicus Mundi Schweiz als ein “Netzwerk Gesundheit für alle”. Ich wollte Euch nicht desavouieren. An der internationalen Konferenz Solidarität – heute! zum 40jährigen Bestehen von medico international Ende Mai 2008 in Frankfurt bin ich Karl Heinz Roth erstmals begegnet und war beeindruckt über seine Forderung nach einer WHO von unten sowie über seine Ernsthaftigkeit und spürbare Partnerschaftlichkeit in der Diskussion.
Zunächst: Mit 67 Jahren bin ich ein “unverbesserlicher” Basisdemokrat, weil ich in meinem Leben immer wieder Machtmissbrauch erlebt habe und Menschen im Alltag partnerschaftlich, also “auf Augenhöhe” begegnen möchte. Warum wird ein Insistieren auf basisdemokratische Strukturen gleich als „anarchosyndikalistisch“ abgetan?
Aus meiner Sicht sollte die WHO basismedizinischen Organisationen rund um die Welt mehr Aufmerksamkeit schenken als bisher. Als Beispiel für deren Legitimation und Kompetenz sehe ich im beginnenden Süd-Süd-Dialog durch gegenseitige Bestärkung (siehe zum Beispiel den Beitrag “Süd-Süd-Austausch” im im Bulletin von medico international schweiz, vormals Centrale Sanitaire Suisse CSS Zürich, 4/08, S. 5).
Ein zweites Beispiel: Die beiden medico-Organisationen in der Schweiz und in Frankfurt bemühen sich zur Zeit darum, finanzielle Mittel zu organisieren, damit unsere Partnerorganisation, die Palestinian Medical Relief Society PMRS in Gaza ihre basismedizinische Arbeit – angesichts des schrecklichen Krieges dort - intensivieren kann. Zwei bekannte Hilfsorganisationen in der Schweiz haben sich an uns gewendet, um über uns Gelder für diese Arbeit zur Verfügung zu stellen, weil wir seit vielen Jahren mit der PMRS eng zusammenarbeiten. Für diese solidarische Verstärkung bin ich dankbar.
Die Zusammenarbeit von medico international mit Partnerorganisationen in verschiedenen Ländern und deren basismedizinische Versorgung von und mit “Verdammten dieser Erde” im Süden zeigen mir, dass deren Krankheiten und Elend in Praxis und Forschung ernster genommen werden müssen als bisher und gewinnorientierten Pharma-Multis noch energischer entgegengetreten werden soll. Wenn ich die Ausführungen von Karl Heinz Roth an der medico- Tagung in Frankfurt richtig in Erinnerung habe, zeigte er dort zwei Möglichkeiten auf: Entweder werden in der WHO echte Reformen durchgeführt, oder dann schaffen wir eine WHO von unten. Bis diese Frage zugunsten tief greifender und nachhaltiger Reformen innerhalb der WHO entschieden ist, unterstütze ich die zweite Forderung.
Deinen Ausführungen habe ich am Telefon zugehört, und es ist mir durchaus bewusst, dass staatliche und andere grosse Institutionen nicht per se Gegensätze sein müssen. Auch über die Frage nach funktionierenden Organisationsformen und demokratischen Kontrollen, vor allem auf globaler Ebene, muss diskutiert werden. Wenn jedoch die da oben weiterhin meinen, sie können zum Teil ihre Interessen in den Vordergrund stellen, dann rufe ich – bei allem Hang zum Differenzieren und im Wissen um die Komplexität der Dinge - weiterhin “nach dem aufrechten Gang der Verdammten dieser Erde”, denn die Würde der Menschen ist, wie Du weisst, unantastbar. Dazu gehört die konsequente Umsetzung der bekannten Forderung von Alma Ata aus dem Jahre 1978: Gesundheit für alle. Daran arbeitet Ihr ja beharrlich.
Wie wäre es, die Debatte an einer Jahrestagung von MMS kontrovers zu führen?
Mit herzlichen Grüssen
Jochi Weil,
Projektverantwortlicher bei medico international schweiz, vormals Centrale Sanitaire Suisse CSS Zürich, Department Palestine and Israel
Belanglos, abgehoben, enttäuschend
Ich bin furchtbar enttäuscht darüber, wie sich Karl Heinz Roth und Jochi Weil-Goldstein in ihrem Diskussionsbeitrag "Weltgesundheitsorganisation als Neuschöpfung" im Bulletin von Medicus Mundi Schweiz mit ihrem saloppen "Nur das Unmögliche ist das Realistische" darum gedrückt haben, irgend einen Ansatzpunkt zur Lösung des globalen Gesundheitschaos zu bieten.
Stattdessen entwickeln sie ihre Leerformel von weltweit verbundenen, egalitär organisierten Gesundheitsgewerkschaften, in denen die irgendwie interesseharmonisch vereinten AnbieterInnen und NutzerInnen von Gesundheitsleistungen selbstverständlich auch Wege finden, miteinander solidarisch die Gesundheitsprobleme der Welt zu überwinden, zwischen Arm und Reich auszugleichen, die Gesundheitsversorgung zu koordinieren. Zwar müssten dafür die transnationalen Unternehmen der Gesundheitsbranche enteignet werden, doch würden in dieser schönen neuen Welt wenigstens "sicher auch die weltweit agierenden kritischen NGOs des Gesundheitswesens ihren Platz finden, und sicher auch einige RepräsentantInnen des linken Flügels des public health-Spektrums sowie der bestehenden WHO."
Da hatten wir Menschen doch einmal gesellschaftliche Grundregeln, Staaten, Recht geschaffen... Da hatten wir uns doch einmal für die Stärkung dieser Institutionen auf nationaler und internationaler Ebene, für Solidarität zwischen den Gemeinschaften, Gouvernanz und Rechenschaftspflicht eingesetzt, und sind gegen die Exzesse des Neoliberalismus und Merkantilismus auf die Strasse gegangen. Na ja, wir werden von den Autoren belehrt, dass dies nichts weiter ist, als sklerotische politische Klassen und Regime mit einem Hauch von Legitimität zu versehen...
Ich weiss wirklich nicht, ob die beiden Autoren jetzt irgendwo hinter einer Hecke hocken und kichern und auf allfällige Reaktionen der betupften Szene warten. Na ja, ich ergreife das Portemonnaie. Zieht an der Schnur, und lacht über micht.
Thomas Schwarz
Medicus Mundi International
Ich nehme Bezug auf unser Telefongespräch vom 12. Januar 08 und halte bezüglich Deines Kommentars auf den Debattenbeitrag “Weltgesundheitsorganisation als Neuschöpfung” im Bulletin 110 von Medicus Mundi Schweiz, November 2008 Folgendes fest:
Als ich Deine Ausführungen las, war ich überrascht und erstaunt über Deinen Verriss des Beitrags von Karl Heinz Roth und mir, denn ich schätze Dich und die Arbeit von Medicus Mundi Schweiz als ein “Netzwerk Gesundheit für alle”. Ich wollte Euch nicht desavouieren. An der internationalen Konferenz Solidarität – heute! zum 40jährigen Bestehen von medico international Ende Mai 2008 in Frankfurt bin ich Karl Heinz Roth erstmals begegnet und war beeindruckt über seine Forderung nach einer WHO von unten sowie über seine Ernsthaftigkeit und spürbare Partnerschaftlichkeit in der Diskussion.
Zunächst: Mit 67 Jahren bin ich ein “unverbesserlicher” Basisdemokrat, weil ich in meinem Leben immer wieder Machtmissbrauch erlebt habe und Menschen im Alltag partnerschaftlich, also “auf Augenhöhe” begegnen möchte. Warum wird ein Insistieren auf basisdemokratische Strukturen gleich als „anarchosyndikalistisch“ abgetan?
Aus meiner Sicht sollte die WHO basismedizinischen Organisationen rund um die Welt mehr Aufmerksamkeit schenken als bisher. Als Beispiel für deren Legitimation und Kompetenz sehe ich im beginnenden Süd-Süd-Dialog durch gegenseitige Bestärkung (siehe zum Beispiel den Beitrag “Süd-Süd-Austausch” im im Bulletin von medico international schweiz, vormals Centrale Sanitaire Suisse CSS Zürich, 4/08, S. 5).
Ein zweites Beispiel: Die beiden medico-Organisationen in der Schweiz und in Frankfurt bemühen sich zur Zeit darum, finanzielle Mittel zu organisieren, damit unsere Partnerorganisation, die Palestinian Medical Relief Society PMRS in Gaza ihre basismedizinische Arbeit – angesichts des schrecklichen Krieges dort - intensivieren kann. Zwei bekannte Hilfsorganisationen in der Schweiz haben sich an uns gewendet, um über uns Gelder für diese Arbeit zur Verfügung zu stellen, weil wir seit vielen Jahren mit der PMRS eng zusammenarbeiten. Für diese solidarische Verstärkung bin ich dankbar.
Die Zusammenarbeit von medico international mit Partnerorganisationen in verschiedenen Ländern und deren basismedizinische Versorgung von und mit “Verdammten dieser Erde” im Süden zeigen mir, dass deren Krankheiten und Elend in Praxis und Forschung ernster genommen werden müssen als bisher und gewinnorientierten Pharma-Multis noch energischer entgegengetreten werden soll. Wenn ich die Ausführungen von Karl Heinz Roth an der medico- Tagung in Frankfurt richtig in Erinnerung habe, zeigte er dort zwei Möglichkeiten auf: Entweder werden in der WHO echte Reformen durchgeführt, oder dann schaffen wir eine WHO von unten. Bis diese Frage zugunsten tief greifender und nachhaltiger Reformen innerhalb der WHO entschieden ist, unterstütze ich die zweite Forderung.
Deinen Ausführungen habe ich am Telefon zugehört, und es ist mir durchaus bewusst, dass staatliche und andere grosse Institutionen nicht per se Gegensätze sein müssen. Auch über die Frage nach funktionierenden Organisationsformen und demokratischen Kontrollen, vor allem auf globaler Ebene, muss diskutiert werden. Wenn jedoch die da oben weiterhin meinen, sie können zum Teil ihre Interessen in den Vordergrund stellen, dann rufe ich – bei allem Hang zum Differenzieren und im Wissen um die Komplexität der Dinge - weiterhin “nach dem aufrechten Gang der Verdammten dieser Erde”, denn die Würde der Menschen ist, wie Du weisst, unantastbar. Dazu gehört die konsequente Umsetzung der bekannten Forderung von Alma Ata aus dem Jahre 1978: Gesundheit für alle. Daran arbeitet Ihr ja beharrlich.
Wie wäre es, die Debatte an einer Jahrestagung von MMS kontrovers zu führen?
Mit herzlichen Grüssen
Jochi Weil,
Projektverantwortlicher bei medico international schweiz, vormals Centrale Sanitaire Suisse CSS Zürich, Department Palestine and Israel