Der einführende Beitrag von Peter Eeuwijk und Brigit Obrist "Gesundsein und Kranksein als kultureller Prozess" skizziert in beeindruckender Prägnanz und Zuverlässigkeit die Entwicklung der Medical Anthropology bis in die jüngste Gegenwart. In einem Punkt könnte er allerdings möglicherweise eher einem verbreiteten Mythos als dem historischen Geschehen folgen (bzw. ungewollt diesem Mythos Vorschub leisten), wenn er der Deklaration von Alma Ata 1978 die "legitimierende Grundlage" für "Integrationsbemühungen" von "gewissen Bestandteilen der traditionellen Medizin (etwa von Heilpflanzenteilen oder Behandlungsmethoden)" in das staatliche Gesundheitssystem zuschreibt. In der WHO/UNICEF Publikation selbst ist nicht von "traditioneller Medizin", sondern von "traditional practitioners" (Declaration VII, 7),"traditional practitioners and [traditional] birth attendants" (Recommendations 9. und Primary Health Care/Joint Report 82.)die Rede. Es geht erkennbar um die Nutzung ihrer sozialen Funktion und ihres Einflusses, nicht aber ihrer ererbten medizinischen Kenntnisse und Praktiken für das neue Programm von Hygiene und Grundversorgung. Die im Beitrag unterstellte Absicht, inhaltliche Elemente "traditioneller Medizin" zu integrieren, scheint mir von der damals noch stärker medizinisch-naturwissenschaftlich bestimmten WHO in Alma Ata gerade nicht vertreten worden zu sein, sondern ein teilweise zeitgleiches, zumeist aber späteres Produkt anderer Interessengruppen, die "traditionelle Medizin" als nationales Erbe und als Gesundheitsressource anerkannt wissen wollen, darzustellen. Ich habe dazu bisher noch keine differenzierenden Darstellungen oder Untersuchungen gefunden, aber der grundsätzliche Unterschied zwischen der Integration von (dann entsprechend zusätzlich biomedizinisch ausgebildeten) "traditional practitioners" und von "traditioneller Medizin" scheint mir auch damals schon eine Rolle gespielt zu haben. Vertreter von "TCM" oder "African Traditional Medicine" können sich heute ohne Zweifel auf genügend WHO-Dokumente für ihr Anliegen stützen, aber ob dies bereits die Intention der Mehrheit derjenigen war, die 1978 die Deklaration von Alma Ata formulierten und verabschiedeten, wage ich aus medizinhistorischer Sicht zu bezweifeln.
Alma Ata