Gender Dimension in der Krise

Die Auswirkungen von COVID-19 auf die sexuelle und reproduktive Gesundheit und Rechte

Eine Gesundheitskrise wie die aktuelle Coronavirus-Pandemie bringt die Schwachstellen und die Unterfinanzierung der Gesundheitssysteme weltweit schonungslos ans Licht. Während das Pflegepersonal generell sehr grosse Herausforderungen zu meistern hat, sind Hebammen und ihre Dienstleistungen besonders betroffen. In vielen Ländern des Südens, aber auch in der Schweiz, ist von nicht-dringlichen Krankenhausbesuchen abgeraten worden. Geburten sind jedoch naturgemäss schlecht plan- und nicht verschiebbar. Eine Analyse von Valentina Maggiulli, Geschäftsleiterin von Women´s Hope International.

Gender Dimension in der Krise

Hebamme bei pränataler Kontrolle, Attat Hospital, Welkite Äthiopien. Foto: Hanspeter Bärtschi

 

Verunsicherung bei Müttern und Geburtshelfer*innen

Schwangere in der Schweiz sind in der jetzigen Zeit klar verunsichert. Nachdem die Eltern sich seit Monaten auf die Geburt vorbereitet und gefreut haben, herrschen plötzlich komplett neue Rahmenbedingungen. Viele offene Fragen stehen im Raum. Wer darf bei der Geburt im Spital dabei sein? Kann mich meine Familie nach der Geburt unterstützen? Mit welchen Risiken ist ein Besuch der Hebamme zu Hause verbunden? Auch bei den Hebammen ist Unsicherheit spürbar, nicht zuletzt da sie sich ihrer grossen Verantwortung bewusst sind. Wie schütze ich meine Klientinnen und die Neugeborenen? Wie schütze ich mich selbst vor einer Übertragung? Bei vielen freiberuflichen Hebammen stellen sich aber auch ganz praktische Fragen wie: Wo erhalte ich das empfohlene Schutzmaterial? Der Schweizerische Hebammenverband unterstreicht die Aufgabe der Geburtshelfer*innen in seinem Notfallkonzept (Schweizerischer Hebammenverband 2020): «Sie nehmen ihre Rolle als Fachperson in der Grundversorgung wahr und sind für Schwangere, Gebärende, Wöchnerinnen und stillende Frauen erste Ansprechperson, erreichbar und unterstützen Familien in dieser herausfordernden Pandemiezeit.»

Diesem Anspruch möchten auch Hebammen und traditionelle Geburtshelfer*innen (TBA) in unseren Partnerländern im Süden gerecht werden. Sie sind pausenlos mit kaum überwindbaren Hindernissen konfrontiert. Vor allem in ländlichen Gebieten fehlt es an ausreichender Versorgung mit Elektrizität, um Geburten während der Nacht adäquat begleiten zu können. Zudem herrscht ein konstanter Mangel an Schutzmaterial und Medikamenten. Wasser, welches ein zentrales Element der Hygiene- und Schutzmassnahmen gegen eine COVID-19 Infizierung darstellt, ist ein kostbares und oft nicht vorhandenes Gut.

COVID-19 Prävention, Abougoudam, Tschad. Foto: BASE

 

Fehlender Zugang zu Mutter-Kind-Gesundheitsdienstleistungen

Die meisten der angeordneten Massnahmen gegen eine Ausbreitung des Coronavirus in unseren Partnerländern sind sicherlich gerechtfertigt. Nichtsdestotrotz werden die Langzeitauswirkungen auf die Gesundheit von Müttern und ihren Neugeborenen signifikant sein. Viele der mobilen Kliniken, welche v.a. auch Binnenvertriebe versorgen, können nicht mehr zirkulieren. Die schwangeren Frauen erreichen, aufgrund der Einstellung der öffentlichen Verkehrsmittel, Gesundheitszentren nicht mehr.

Zehntausende für Mutter und Ungeborenes essentielle pränatale Kontrollen werden über Monate nicht mehr durchgeführt werden.

Zehntausende für Mutter und Ungeborenes essentielle pränatale Kontrollen werden über Monate nicht mehr durchgeführt werden. Für Risikopatientinnen stehen zum Transport in die Spitäler nur sehr wenige Ambulanzen zur Verfügung. Dies kann bei auftretenden Komplikationen vermehrt zu schwerwiegenden geburtstraumatische Verletzungen bei der Mutter und zum Tod des Kindes führen.

Neueste Studien zeigen, dass es - sogar mit den konservativsten Hochrechnungen - zu zusätzlichen rund 250'000 Todesfällen bei Neugeborenen und rund 12'000 bei Müttern in Ländern mit schwachen und mittleren Einkommen kommen könnte (Roberton et al., 2020).

 

Mutter und Neugeborenes im Spital in St. Luke Hospital, Wollisso, Äthiopien. Foto: Hanspeter Bärtschi

 

Sexuelle und reproduktive Gesundheit und Rechte in Gefahr

Nebst diesen wichtigen Aspekten rund um die Geburt, erhöht sich die Wahrscheinlichkeit von Teenager-Schwangerschaften durch Lockdowns während Gesundheitskrisen. Der Zugang zu Verhütungsmitteln ist abgeschnitten, die meisten Schulen sind geschlossen und die Mädchen und jungen Frauen vermehrt sexuellen Übergriffen zu Hause ausgesetzt. Erste Datenauswertungen seit Ausbruch der Corona-Pandemie zeigen in diversen Ländern einen generellen Anstieg von sexueller und geschlechterspezifischer Gewalt.

The United Nations Statistics Division spricht in ihrem neuesten Bericht bereits von einer Schatten-Pandemie.

The United Nations Statistics Division (2020, S. 58) spricht in ihrem neuesten Bericht bereits von einer Schatten-Pandemie. Die Erkenntnisse aus Studien nach Ebola-Epidemien bestätigen diese Befürchtungen (UNDP, 2017 & UNFPA, 2017).

Die bestehenden strukturellen Geschlechterdiskriminierungen zeigen sich während Krisen verstärkt. Mädchen und Frauen verfügen in vielen Ländern über weniger Entscheidungsmacht. Die Folge ist, dass ihre Bedürfnisse weitgehend unbefriedigt bleiben.

 

Die Krise als Chance nutzen

Die Coronavirus-Krise stellt die Gesundheitssysteme in der Schweiz und in Ländern des Südens vor unterschiedliche Herausforderungen. Der Schweizerische Hebammenverband appelliert zum Internationalen Hebammentag an Politiker*innen, der Arbeit der Hebamme den nötigen gesellschaftlichen Stellenwert und die verdiente Beachtung zu geben (Schweizerischer Hebammenverband 2020, S. 2). Dies betrifft u.a. die Genehmigung ihres Strukturvertrages. Die Langzeitauswirkungen der aktuellen Pandemie auf die Mutter-Kind-Gesundheit sowie auf die Arbeit von Geburtshelfer*innen in den Ländern des Südens ist zurzeit noch schwer abzuschätzen. Die Gefahr besteht jedoch, dass jahrelange Bemühungen um eine Verbesserung der sexuellen und reproduktiven Gesundheit und der Rechte von Frauen und Mädchen zurückgeworfen werden.

Trotz der negativen Auswirkungen der Pandemie, stehen wir jedoch auch vor einer einmaligen Chance. Unsere nationale und die globale Gesundheitspolitik, die Gesundheitssysteme und dazugehörige Dienstleistungen stehen auf dem Prüfstand. Wir können bestehende geschlechterspezifische Ungleichheiten aufdecken, und diese für kommende Generationen nachhaltig verbessern. Hierzu bedarf es der gemeinsamen Anstrengung der Regierungen und der Zivilgesellschaft, in der Schweiz und den Ländern des Südens. Gerade im 2020, im Internationalen Jahr der Pflegenden und Hebammen, sollten die richtigen Zeichen gesetzt und die lang überfälligen Investitionen getätigt werden.

 

Referenzen

  • Roberton T., Carter E.D., Chou V.B. et. al (2020): Early estimates of the indirect effects of the COVID-19 pandemic on maternal and child mortality in low-income and middle-income countries: a modelling study, Lancet Global Health. https://doi.org/10.1016/S2214-109X(20)30229-1 (abgerufen am 24.05.2020)

 

Valentina Maggiulli

Valentina Maggiulli arbeitet seit 2019 als Geschäftsleiterin bei Women’s Hope International (WHI). WHI engagiert sich in Afghanistan, Äthiopien, Bangladesch und Tschad für die sexuelle und reproduktive Gesundheit und Rechte von Frauen und Mädchen. Valentina Maggiulli hat Rechtswissenschaften studiert und einen Master of Business Administration. Sie verfügt über langjährige Felderfahrung in Palästina/Israel und Nepal in den Bereichen Menschenrechte, Governance und Gender.

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