COVID-19 und die Situation in Zentralamerika und der Karibik

Ein Kontinent in schwieriger Lage

Vor allem europäische Tourist*innen und danach Reisende aus den USA haben das Coronavirus in diese Region gebracht, wo sich die Epidemie Ende März 2020 noch weitgehend im Anfangsstadium befindet. Schwache und teilprivatisierte Gesundheitssysteme, in meist hochverschuldeten Ländern mit einem Grossteil der Bevölkerung ohne formelle Anstellung und mit schwachen Sozialversicherungssystemen, lassen für die kommenden Monate Böses ahnen.

COVID-19 und die Situation in Zentralamerika und der Karibik

Leon Nicaragua. Foto: Massimo Pedrazzini

 

Auch in Südamerika verfolgt jedes Land eine eigene Strategie

Während in Cuba und Costa Rica das Gesundheitswesen vergleichsweise gut gerüstet ist, stellt der hohe Anteil älterer Leute diese Länder vor zusätzliche Herausforderungen. Die Herangehensweise in der Region ist, wie auch in Europa, divers. Während Cuba, Mexico und Nicaragua die lokale Übertragung abwarten, um zu einschneidenden Massnahmen zu greifen, haben El Salvador, Costa Rica und andere Länder zu einem sehr frühen Zeitpunkt Einreise- und Ausgangssperren beschlossen.

Ende März 2020 ist die Bilanz laut den offiziellen Zahlen durchmischt. Diese Zahlen sind allerdings mit grosser Vorsicht zu geniessen, da in den meisten Ländern vergleichsweise wenige Tests durchgeführt werden, in El Salvador beispielsweise kaum mehr als 1000 insgesamt.

Krankenhaus Bertha Calderon Managua. Foto: Djamila Agusto

 

Laut diesen offiziellen Zahlen hat El Salvador, das als erstes Land seine Grenzen schloss und Ausgangssperren verhängte, mehr Fälle als Nicaragua, wo die Grenzen offen blieben und das Leben weitgehend seinen gewohnten Gang nimmt. Cuba als Tourismusdestination hat ebenfalls erste Übertragungsfälle abgewartet und weisst heute weniger Fälle auf als andere Hauptdestination in der Karibik, wie z.B. die Dominikanische Republik, die schneller einschneidende Massnahmen verhängt hatte.

In Cuba sind die Menschen ruhig und informiert. Sie wissen, dass im Rahmen des Möglichen niemand zurückgelassen wird. An einem Sonntag wurde die Hälfte der Bevölkerung – über 6 Millionen Menschen - von Fachpersonal zu Hause besucht, um deren Gesundheitszustand zu überprüfen. Aufgrund der dabei festgestellten ca. 200 Fällen an Infizierten, mussten über 30´000 Kontaktpersonen oder Personen mit Symptomen isoliert oder in Heimquarantäne mit täglicher Betreuung und Überwachung untergebracht werden.

In El Salvador hat der Präsident die Menschen mit panikschürenden Botschaften verunsichert, diese reichten bis hin zu einem Video, mit einem vor Verzweiflung weinenden spanischen Arzt, welches während einer der häufigen «Botschaften an die Nation», von allen Medien übertragen werden musste. Derweil hat das massenweise Händeschütteln des mexikanischen Präsidenten Manuel Lopez Obrador, der Mariabilder als sein «Schutzschild» präsentierte, erstauntes Kopfschütteln hervorgerufen, genauso wie Massengebete und -aufmärsche «in Zeiten des Coronovirus» in Nicaragua.

In allen Ländern wird in einem Wettlauf mit der Zeit versucht, die Test- und Spitalkapazitäten zu erhöhen. Während die provisorischen Bauten relativ einfach zu erstellen sind, trifft die Erhöhung der Intensivstationsbetten auf zwei Hindernisse: Einerseits auf den erheblichen Mangel an medizinischem Fachpersonal und andererseits auf die schwierige und zeitraubende Beschaffung von Spezialausrüstung, da die Firmen mit dringenden Aufträgen aus dem globalen Norden bereits überlastet sind.


Krankenhaus Bertha Calderon Managua. Foto: Djamila Agustoni

 

Kuriose Nebeneffekte

Ein «Kuriosum» ist die weitgehende Schliessung der mexikanischen Nordgrenze zu den USA. Versuchen normalerweise US-Grenzpolizisten den illegalen Grenzübertritt von tausenden von armen Migrant*nnen zu verhindern, wofür Milliarden Gelder für Mauern und Zäune ausgegeben werden, hat Mexiko angesichts der grossen Anzahl von Coronafällen in den USA nun seinerseits die Grenze weitgehend dicht gemacht. Dies hindert allerdings fast eine Million mexikanischer Grenzgänger*nnen daran, ihrer Arbeit in den USA nachzugehen, mit den entsprechenden sozialen Folgen in Mexico, aber auch dem Zusammenbruch von vielen Dienstleistungsbetrieben wie Hotels, Restaurants, Altenbetreuung, etc. in der Grenzregion der USA.

Kinderkrankenhaus La Mascota Managua. Foto: Djamila Agustoni

 

Die soziale Lage spitzt sich zu

Bislang ist der Höhepunkt der berühmten Kurve in allen Ländern noch nicht erreicht und die Frage ist, ab wann das Coronavirus angesichts der Notwendigkeit Einkommen für die Ernährung der Familie zu beschaffen, zweitrangig wird. Gerade in Ländern, wo die Regierung angeboten hat, die armen Bevölkerungsschichten auf breiter Basis zu unterstützen,  gab es bereits Probleme, denn die vorhandenen Register erlauben keine schlüssige Analyse, wer bezugsberechtigt ist und wer eben nicht, ausserdem sind sie hochgradig anfällig für Günstlingswirtschaft. Die Verteilung von hunderttausenden von Lebensmittelpaketen in Honduras hat zu Protesten derjenigen Menschen geführt, die sich ebenfalls berechtigt fühlen, aber ausgeschlossen sind. In El Salvador hat das Versprechen auf einen Minimallohn (umgerechnet etwas 300 Franken) zehntausende vor die zuständigen Behörden getrieben, wobei die meisten frustriert und hungrig wieder nach Hause gehen mussten. In Kolumbien heisst es aufgepasst, damit einem die vollen Einkaufstaschen nicht entrissen werden.

Während im Norden Abermilliardenpakete geschnürt werden, ist der finanzielle Spielraum dieser südamerikanischen Länder extrem beschränkt, weil sie bereits tief verschuldet sind und wichtige Einkommensquellen wie Tourismus, Rohstoffexporte und Familienüberweisungen zusammenbrechen. Die Öleinnahmen von Mexico sind bis auf ein Viertel zurückgegangen. Die Familienüberweisungen, die in Mexico, El Salvador, Guatemala und Honduras rund 20% des Bruttoinlandproduktes ausmachen und Millionen Familien das Überleben sichern, werden mit Sicherheit erheblich abnehmen. Der Tourismus, überlebensnotwendig für Cuba, die Dominikanische Republik und andere Karibikinseln, Costa Rica, Mexico und Belice ist praktisch zum Erliegen gekommen. Für Nicaragua, dessen Wirtschaft seit 2018 schrumpft, ist die Situation dramatisch.


Kinderkrankenhaus La Mascota Managua. Foto: Massimo Pedrazzini

 

Der Norden ist mit sich selbst beschäftigt...

Dabei werden diese Länder, vor allem von den westlichen Nationen weitgehend alleingelassen. In keinem Rettungspaket sei es in Bern, Berlin oder Washington ist vorgesehen, den globalen Süden zu unterstützen. Es ist voraussehbar, dass die Epidemie die Abschottung der Grenzen noch weiter verstärkt.

Währenddessen liefert vor allem China dringend benötigte Güter für das Gesundheitswesen und ist das kleine Cuba mit Spezialis*Innen in bislang 14 Ländern (darunter Italien und Andorra) präsent und zeigt, dass es auch anders gehen kann. Einem britischen Kreuzfahrtschiff mit mehreren vom Virus infizierten Menschen wurde das Anlegen in mehreren Häfen der Karibik verweigert, bis schliesslich Cuba der Evakuierung des Schiffes und der Rückführung der Passagiere mit britischen Charterflugzeugen zustimmte. Die dazu interviewten Menschen in den Strassen von Habana waren sich einig: «Wir können die armen Leute, die unsere Unterstützung brauchen doch nicht einfach im Stich lassen».

Orientalischer Markt Managua. Foto: Massimo Pedrazzini

 

Noch stehen wir wie gesagt in der Anfangsphase, sind die Leute von der Informationsflut aus Europa und den USA geschockt und sensibilisiert und bereit Opfer auf sich zu nehmen. Doch der wirtschaftliche und soziale zeitliche Spielraum ist eng begrenzt und es ist zu befürchten, dass dieser weitgehend ausgereizt sein wird, wenn die Epidemie sich im April/Mai auch auf dem südamerikanischen Kontinent stärker ausbreitet. Was es bedeuten wird, wenn im globalen Süden Millionen von Menschen die Suche nach Nahrungsmitteln für die nächste Mahlzeit ihrer Familien über Einschränkungen zum Schutz ihrer Gesundheit stellen (müssen) ist noch kaum vorstellbar.

Wenn wir die Dramatik, der durch die Coronaepidemie verschärften sozialen und wirtschaftlichen Situation im globalen Süden nicht begreifen und dementsprechend handeln, sind allerdings soziale Revolten aus Verzweiflung absehbar, die auch für die Industrieländer nicht ohne Folgen bleiben werden.

 

Beat Schmid

Beat Schmid, lokaler Koordinator von AMCA in Zentralamerika.

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