Wie kann "Gesundheit für Alle" in die Gegenwart und Zukunft übersetzt werden?

Was ist zu tun? Was ist wirklich zu tun?

Von Thomas Schwarz

Am 18. Mai 2018 fand in Genf im Vorfeld der diesjährigen Weltgesundheitsversammlung ein zivilgesellschaftlicher Workshop zum Jubiläum der Erklärung von Alma-Ata statt. Das im Anschluss an die ganztägige Veranstaltung publizierte Statement „40 Years of Alma-Ata: Translating ‚Health for All‘ into the Present and Future“ ist ein starkes Bekenntnis zum „Geist“ von Alma-Ata. Das Netzwerk Medicus Mundi International (MMI) war in der Vorbereitung des Workshops federführend. Martina Staenke sprach mit MMI-Geschäftsführer Thomas Schwarz.

Was ist zu tun? Was ist wirklich zu tun?

Zivilgesellschafticher Workshop beim World Council of Churches in Genf am 18. Mai 2018. Foto: MMI

 

Was hat MMI dazu bewogen, in Genf einen Workshop zu diesem Thema zu organisieren?

Wir haben den Genfer Workshop im Rahmen des Geneva Global Health Hub (G2H2) organisiert. Eine von uns geleitete G2H2-Arbeitsgruppe hat sich ein halbes Jahr lang mit der Erklärung von Alma-Ata auseinandergesetzt und im Dialog mit der Weltgesundheitsorganisation (WHO) ausgelotet, wie das Jubiläum der Erklärung von Alma-Ata auch in Genf begangen werden könnte – im Sinne einer kritischen Auseinandersetzung mit den damals formulierten Grundwerten, Zielen und Plänen für „Gesundheit für alle“. Wir erhofften uns einen offiziellen Anlass im Rahmen der Weltgesundheitsversammlung und planten gleichzeitig, zur Vertiefung unserer eigenen Auseinandersetzung, einen zivilgesellschaftlichen Workshop. Beides ist uns gelungen.


Was war das Besondere oder Bemerkenswerte dieses zivilgesellschaftlichen Workshops?

Das Besondere an unserem Treffen war, dass wir den Text der Erklärung von Alma-Ata in der Vorbereitung und am Anlass selbst konsequent als Leitfaden genommen und die Erklärung zu Beginn des Workshops auch als Ganzes vorgelesen haben. Danach folgten persönlichen Stellungnahmen, sowohl von ZeitzeugInnen („Welche Rolle spielte die Erklärung von Alma-Ata für unser Engagement für Gesundheit für Alle?“) als auch von jungen AktivistInnen („Ein 40 Jahre altes Dokument: Inspirationen und Irritationen“), und vertiefende Gesprächsrunden. Das Bemerkenswerte am Treffen war aber die von allen geteilte Erkenntnis, wie visionär – oder nennen wir es revolutionär – die Erklärung von Alma-Ata nicht nur damals war, sondern auch heute noch ist. Nur hat die Revolution seither nicht stattgefunden und ist auch heute nicht in Sicht...

Diskussionen am zivilgesellschaftichen Workshop in Genf am 18. Mai 2018. Foto: © MMI

 

Seit Alma-Ata wurden Dutzende wichtiger internationaler Tagungen und Gipfeltreffen zur Weltgesundheit abgehalten, Dutzende von Grundlagendokumenten, Erklärungen und Aktionsprogrammen formuliert. Warum beziehen wir uns denn immer noch auf die Erklärung von Alma-Ata?

Heutzutage ist ja jede Präambel einer UNO- oder WHO-Erklärung länger als die gesamte Erklärung von Alma-Ata. Diese schaffte es damals jedoch, wie kein anderes UNO- oder WHO-Dokument danach, in kurzen, prägnanten Formulierungen die heute noch gültigen wichtigsten Handlungsbereiche zur Erreichung von „Gesundheit für Alle“ zu benennen. Ich empfehle allen, die Erklärung von Alma-Ata wieder einmal zu lesen, am besten laut und in einer Gruppe. Ein Augen- und Ohrenöffner, garantiert!

An unserem Genfer Workshop haben wir uns mit vier Schlüsselthemen der Erklärung von Alma-Ata beschäftigt: Wie müssen Gesundheitsversorgungskonzepte wie die heutzutage trendige „Universal Health Coverage“ formuliert werden, um dem in Alma-Ata formulierten Konzept der allgemeinen Grundversorgung (Primary Health Care) gerecht zu werden? Was ist zu tun, damit Menschen und Gemeinschaften zu zentralen Akteuren der Gesundheitsversorgung werden und nicht bloss passive „Empfänger“ von für sie bestimmten Leistungen bleiben? Welche Rolle spielen, auf nationaler und internationaler Ebene, Recht und Gerechtigkeit, Zusammenarbeit und Solidarität? Und schliesslich: Wie können und müssen über den Gesundheitsversorgungsbereich hinaus die Wurzeln von krankmachenden Lebensumständen und die wichtigen Bestimmungsfaktoren für Gesundheit angegangen werden?


Welche Rolle spielt in diesem Zusammenhang die Zivilgesellschaft? Inwieweit muss diese sich verändern, um das Ziel „Gesundheit für Alle“ zu erreichen?

Zivilgesellschaft ist ja ein schwieriges und heterogenes Konstrukt und bedeutet wohl in jedem Land und in jeder Gesellschaft etwas anderes. Dass sich heutzutage reiche NGOs in internationalen Plattformen und Prozessen leichthin als „die VertreterInnen der Zivilgesellschaft“ ausgeben, ist in jedem Fall kritisch zu hinterfragen. Die Erklärung von Alma-Ata spricht denn auch nicht von der Zivilgesellschaft, sondern von den Menschen (people) und ihren Gemeinschaften (communities). Im Originaltext: „Primary Health Care requires and promotes maximum community and individual self-reliance and participation in (its) planning, organization, operation and control.”

Je nach politischen Umständen und Lebensbedingungen ist es aber ganz und gar nicht selbstverständlich, dass die BürgerInnen und ihre Gemeinschaften und Organisationen diese Rolle als aktive, selbstbewusste MitgestalterInnen ihrer Gesundheit und Gesundheitsversorgung wahrnehmen können. Die Stärkung und Ermächtigung der Zivilgesellschaften ist deshalb eine Kernaufgabe internationaler Solidarität, gerade von nichtstaatlichen Organisationen wie den Mitgliedern von Medicus Mundi.  Daran, ob diese Ermächtigung nachhaltig gelingt, misst sich schlussendlich auch die Relevanz und Wirksamkeit der internationalen Gesundheitszusammenarbeit.


Auch die WHO diskutiert seit einigen Jahren die Wiederbelegung des Konzepts von Primary Health Care vor allem auch als mögliche Strategie, um „Universal Health Coverage“ zu erreichen. Zum diesjährigen 40. Jubiläumsjahr von Alma-Ata ist nicht nur eine Konferenz in Astana geplant, sondern eine eigens von der WHO ins Leben gerufene Arbeitsgruppe ist beauftragt, eine neue Deklaration zu verabschieden. Ist dies sinnvoll und notwendig?

Eine Neuentdeckung und Aktualisierung des grundlegenden Konzeptes der Primary Health Care ist zu begrüssen, ebenso eine ernsthafte Auseinandersetzung damit, was über den Bereich der Gesundheitsversorgung hinaus zu tun ist. Doch die bisher zugänglichen ersten Entwürfe dieser neuen Deklaration sind nicht eben ermutigend, und wir haben sie auch bereits kritisch kommentiert. Aber machen wir uns nichts vor: Wir werden am Ende des Jubiläumsjahres wohl ein neues schönes Papier zu Primary Health Care in den Händen halten, und es wird bald in Vergessenheit geraten wie Dutzende vor ihm. Und wir werden uns für unsere Inspiration und Handlungsanleitung wohl weiterhin auf das Original beziehen müssen.


Inwieweit ist auf gesundheitlicher, sozialer oder politischer Ebene ein Fortschritt in Richtung „Gesundheit für Alle“ erkennbar, seit die WHO die Wiederbelebung von PHC verfolgt?

In einer Welt, in der die Gesundheitsversorgung kommerzialisiert und privatisiert wird, im bestehenden Spannungsfeld von nationaler Nabelschau und konfusen Globalisierungskonzepten, in Gesellschaften die ihren Zusammenhalt und ihre Orientierung verlieren, macht die Wiederentdeckung von Primary Health Care durch die Weltgesundheitsorganisation wohl keinen Unterschied aus. Die Frage stellt sich doch 40 Jahre nach Alma-Ata in derselben Form wie damals, aber in einem anderen sozialen oder politischen Kontext: Was ist zu tun? Was ist wirklich zu tun? Und auf welche Werte und Visionen beziehen wir uns dabei?

Auch das von uns verabschiedete Statement "Translating 'Health for All' into the Present and Future" gibt darauf keine Antwort, sondern versteht sich im besten Fall als Bestandesaufnahme und Bekräftigung, als Lesehilfe und Inspiration. Aber, wie gesagt: Lest das Original...

Thomas Schwarz

Thomas Schwarz, Geschäftsführer von Medicus Mundi International - Netzwerk Gesundheit für Alle - und dem Geneva Global Health Hub.

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