Geschlechtsspezifische Gewalt ist noch immer ein gesellschaftliches Tabuthema

„Bei uns passiert so etwas doch kaum“

Von Lea Hinnen

In Deutschland werden täglich rund dreissig Frauen Opfer von Vergewaltigung oder sexueller Nötigung. In den USA wird knapp jede zweite Minute eine Frau sexuell missbraucht. Dies geschieht während wir behaupten, dass „so etwas bei uns doch kaum passiert“. Gleichzeitig fragen wir uns aber, weshalb rund 80% von Vergewaltigungsopfern die Tat nicht bei der Polizei melden, realisieren aber nicht, dass genau wir der Grund dafür sind.

„Bei uns passiert so etwas doch kaum“

Rape Awareness II 2013. Foto: © Wolfram Burner/flickr, CC BY-NC 2.0

„After gang raping women and girls, soldiers were piercing their labia and padlocking their vaginas shut. […] to intensify the cruelty, soldiers are even shooting the women in the vagina” (Meger, Sara: Rape of the Congo: Understanding Sexual Violence in the Conflict in the Democratic Republic of Congo. Journal of Contemporary African Studies 28.2 (2010): 119-35.).

Dies sind Sätze, die wir nicht lesen wollen. Wir wollen sie auch nicht hören. Sie lassen uns die Köpfe schütteln und das Gesicht verziehen. Wir können es nicht verstehen, wollen es auch nicht. Uns ist eine solche Realität fremd. In der Demokratischen Republik Kongo werden pro Stunde über 50 Frauen vergewaltigt – das entspricht fast einer Vergewaltigung pro Minute! (Peterman, A. et. al. (2011). Estimates and Determinants of Sexual Violence Against Women in the Democratic Republic of Congo. American Journal of Public Health, 101(6), 1060-1067).

Doch auch vor diesen Statistiken verschliessen wir unsere Augen und Ohren. „Der Konflikt ist schuld daran“, „es ist nun mal ein Entwicklungsland“, „die Frau hat dort eine tiefere Stellung als der Mann“, sind unsere Erklärungen. Und diese Erklärungen sind bestimmt nicht falsch. Aber bevor wir sexuelle Gewalt gegen Frauen als Nebenprodukt eines Entwicklungslandes abschieben, mit dem Kommentar oder dem Gedanken „bei uns passiert so etwas ja kaum“, müssen wir uns selbst etwas genauer unter die Lupe nehmen. Denn auch hier im globalen Norden steht sexuelle Gewalt gegen Frauen (und Männer!) an der Tagesordnung. Nur wird sie hier negiert.

Wir sind kein Bisschen besser!

Laut der Europäischen Kommission wird in Europa jede dritte Frau Opfer von körperlicher oder sexueller Gewalt. Wird darüber je gesprochen? In Deutschland alleine verzeichnete die Polizei in 2017 über 11‘000 Fälle von Vergewaltigung oder sexueller Nötigung. Dies entspricht über 30 Opfern pro Tag. Die Medien, wie auch die Gesellschaft, verliert kaum ein Wort darüber. In den Vereinigten Staaten von Amerika wird rund eine von sechs Frauen Opfer von versuchter oder vollzogener Vergewaltigung. Jede knapp zweite Minute wird in den USA eine Frau sexuell missbraucht! Weshalb hören wir hier kaum etwas davon?

 

GCIS's Day of Action Against Rape, 11 Feb 2013. Photo: © GovernmentZA/flickr, CC BY-NC 2.0

 

Eine mögliche Erklärung dafür ist, dass unsere vermeintlich so fortgeschrittene Gesellschaft sexuelle Gewalt noch immer als Tabu ansieht, beziehungsweise denkt, dass bei uns so etwas gar nicht vorkommen kann, und wenn dann nur in den unteren Schichten. Wenn es zum Thema sexuelle Gewalt kommt, sind wir jedoch alles andere als fortschrittlich. Unsere Gesellschaft ist in diesem  Aspekt noch immer erschreckend unsensibel, so dass junge Mädchen es schon fast als ‚normal‘ empfinden, wenn Männer ihnen beim Tanzen in der Disco an den Hintern fassen – „das gehört halt irgendwie dazu“, denken sie. Leider ist es gesellschaftlich auch noch nicht etabliert, dass eine junge Frau es selbstverständlich dem Personal meldet, wenn der doppelt so alte Fluggast nebenan, ihr zwischen die Beine fasst – „ich will nicht respektlos und narzisstisch wirken“, rechtfertigt sie sich. Wir dürfen nicht länger zulassen, dass Frauen, die sexuell belästigt oder missbraucht werden, noch immer die Schuld bei sich suchen – „ich war betrunken“, „ich hatte einen zu kurzen Rock an“, „vielleicht war mein ‚nein‘ nicht klar genug“, reden sie sich ein, nur um Sinn aus einer Situation zu machen, die gar keinen Sinn ergeben kann.

Ein Paradoxon der Gesellschaft

Laut dem Amerikanischen „Rape, Abuse & Incest National Network“ (RAINN) werden in den USA von 1‘000 Vergewaltigungen gerade mal 310 der Polizei gemeldet – und am Ende werden nur knapp sechs Täter verurteilt Das heisst also, von 1'000 Vergewaltigern kommen 994 ungeschoren davon, während sich das Leben von 1‘000 Opfern für immer verändert hat. Eine Studie im Vereinigten Königreich zeichnet ein ähnliches Bild: Auch dort melden im Durchschnitt rund 80% von Vergewaltigungsopfern die Straftat nie der Polizei, und knapp 30% teilen es nicht einmal mit ihren Familien und engsten Freunden.

Menschen, die nicht direkt von sexueller Gewalt betroffen sind, leben in einer oft fast beleidigenden Naivität: Auf der einen Seite fragen sie sich: „Weshalb würde man ein solches Vergehen nicht der Polizei melden?“ Auf der anderen Seite sind genau sie der Grund, weshalb viele Opfer dies nicht tun: Aussagen wie „bist du dir sicher, dass du es nicht wolltest?“, „es wird wohl nicht so schlimm sein, wie du denkst“, oder „bei uns geschieht so etwas doch nicht“ bekräftigen stets die sozialen Normen, welche dieses Tabu und gesellschaftliche Gedankengut aufrechterhalten.

Dazu kommt, dass wir dieses Bild eines ‚perfekten Opfers‘ im Kopf haben: Eine junge, hübsche, weisse Frau, die auf brutalste Art und Weise nachts in einer Nebengasse von einem fremden Mann überfallen, vergewaltigt und verprügelt wird. Die Situation ist klar: „Der Täter muss büssen“, „was für ein Monster“, „die arme Frau“. Wenn jedoch eine dunkelhäutige Frau Mitte dreissig von ihrem langjährigen Partner sexuell missbraucht wird, oder eine sexuell aktive Studentin an einer Party von einem Mitstudenten penetriert wird, während sie aufgrund ihres Alkoholkonsums schon eingeschlafen ist, dann ist die Lage plötzlich nicht mehr ganz so klar: „Sind wir sicher, dass sie es nicht wollte?“ „Hätte sie doch nicht so viel getrunken!“ „Ist das denn wirklich Vergewaltigung? Bestimmt nicht…“.

Dieses Abschwächen sexueller Gewalt und diese zurückgebliebene Denkweise sind genau die Gründe, weshalb Opfer sich oft selbst nicht mehr glauben, beziehungsweise vertrauen können. Genau deshalb wagen es so viele Opfer nicht, sich zu äussern, ihre schreckliche Erfahrung mit ihren Liebsten zu teilen und die Täter zur Rechenschaft zu ziehen. Wie auch? Wie soll Frau einen Vorfall der Polizei melden, wenn sie sich selbst nicht einmal mehr zu vertrauen wagt?

 

Intersectional Women's March against gender-based violence. Pretoria 2018. Photo: © GovernmentZA/flickr, CC BY-NC 2.0

 

Und jetzt?

Nach einem solchen Übergriff bleibt Frau im globalen Norden also nicht mehr sehr viel übrig: „Was kommt jetzt, wie geh ich mit dem Erlebten um?“ In der Schweiz gibt es diverse Fachstellen für Opferberatung. Diese sind bestimmt auch wertvoll und sollten auch weiterhin bestehen! Jedoch lösen sie nicht das eigentliche Problem der Ignoranz in unserer  Gesellschaft. Oft wird sogar diese Ignoranz durch gutgemeinte Massnahmen gegen sexuelle Gewalt auch noch verstärkt.

Online kursieren ‚Tipps‘, wie sich Frau gegen sexuelle Übergriffe schützt: „Nie alleine irgendwo hin gehen, kein tiefgeschnittenes Top/kurzer Rock tragen und – sehr wichtig – nie fremde Männer anlächeln, man könnte ja ein falsches Signal senden“. Viele Massnahmen sind reaktiv und drehen sich komplett um die Opfer: „Jetzt ist es passiert, und so kannst du es in Zukunft vermeiden“. Selbsthilfegruppen, die Betroffenen das Vertrauen in sich selbst wieder geben sollen, sind speziell in der Schweiz vermehrt an Opfer von sexuellem Missbrauch in der Kindheit gerichtet: „erwachsenen Frauen passiert hier ja nichts“. Die wenigen Gruppen, die es für Erwachsene gibt, sind spärlich besucht: „Ich will da lieber nicht hin. Was werden die Menschen nur von mir denken? Wer wird mir glauben?“.

Weshalb, frage ich mich, gibt es hier kaum Organisationen, die sich für „women’s empowerment" einsetzen? Während dieses soziale Feld in der Entwicklungshilfe boomt, ist es im eigenen Land inexistent. Wo sind die Organisationen, die jungen Mädchen von klein auf beibringen, dass sie ‚nein‘ sagen können, dürfen, ja sogar müssen, sobald eine Annäherung ihre persönliche Grenze überschreitet – sei es von ihrer ersten Liebe oder einem Fremden im Bus? Wo sind Organisationen, welche jungen Männern, ja gar Knaben, aufzeigen, dass sie nicht ‚weniger Mann‘ sind, wenn sie nicht mit 14 schon sexuell aktiv sind? Wo sind Organisationen, die auf die schädlichen Einflüsse von Pornos hinweisen, damit unsere Jungs und Mädchen nicht schon in der 4. Klasse ein völlig verkrümmtes Bild von Sexualität vermittelt bekommen? Wo sind die Organisationen, die der Gesellschaft eintrichtern, dass Frauen auch Menschen sind, dass Frauen keine Objekte, keine Sex-Toys, kein Prahl-Gegenstand oder Masturbationsvorlage sind? Wie – aber vor allem WANN – brechen wir endlich dieses Tabu und bringen Männern wie auch Frauen bei, dass jegliche Form von sexueller Gewalt in dieser ‚fortschrittlichen‘ Gesellschaft nicht tolerierbar ist?

 

Referenzen:

Lea Hinnen

Lea Hinnen, Soziologin und stellvertretende Geschäftsführerin der Swiss Malaria Group.

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