Wie das Calcutta Project Kinder von Sexarbeiterinnen in Kolkata fördert

Kinder von Sexarbeiterinnen leiden unter verschiedenen Benachteiligungen

Von Yvonne Siemann

Die Situation der Kinder von Sexarbeiterinnen im Sonagachi-Distrikt, Indiens grösstem Rotlichtviertel in der Stadt Kolkata, wurde einer breiteren Öffentlichkeit erstmals mit dem Film „Born into Brothels“ bekannt. Insgesamt leben etwa 3‘000 Kinder im Viertel. Die wenigen Studien zum Thema zeigen, dass sie vielfältigen Risiken ausgesetzt sind, stigmatisiert werden und zudem unter der Armut und den schwierigen familiären Verhältnissen leiden, die viele ihrer Mütter in diese Situation gebracht haben. Um zumindest einigen dieser Kinder eine Perspektive zu geben, hat das Calcutta Project Basel zusammen mit seiner Partnerorganisation S.B. Devi Charity Home einen Kinderhort in Kolkata gegründet.

Kinder von Sexarbeiterinnen leiden unter verschiedenen Benachteiligungen

Ärztliche Untersuchung im Hort. Foto: Calcutta Projekt

 

Das Rotlichtviertel Sonagachi ganz in der Nähe von Kolkatas berühmten Marmorpalasts existiert mindestens seit dem frühen 19. Jahrhundert. In Sonagachi selbst sowie in den angrenzenden Vierteln Sethbagan, Rambagan und Jorabagan arbeiten etwa 10’000 Sexarbeiterinnen, wobei die Schätzungen diesbezüglich teilweise sehr auseinander gehen. Hunderte von mehrstöckigen Bordellen prägen das Bild des Viertels, andere Sexarbeiterinnen arbeiten auf eigene Rechnung. Dabei gibt es beträchtliche Einkommensunterschiede – eine Nacht kostet zwischen 300 und 10‘000 Rupien, also 4 bis 140 Franken. Etwa 30% der Frauen sind “flying”, das heisst, sie wohnen nicht in Sonagachi selbst, kommen aber mehr oder weniger regelmässig.

Es ist meist eine Kombination verschiedener Faktoren, die in die Sexarbeit führt. Eine ohnehin schon arme Frau weiss sich oft nach Krankheit bzw. Tod des Vaters oder Ehemannes als Ernährer nicht anders zu helfen. Viele der Frauen wurden früh verheiratet, hatten schwierige Ehen oder litten als Witwen unter Diskriminierung. Manche der Sexarbeiterinnen waren im informellen Sektor tätig, etwa als Hausangestellte oder Strassenhändlerinnen, wo das Einkommen für die Familie aber nicht ausreichte. Andere kamen in der Hoffnung auf ein besseres Einkommen vom Land in die Stadt, teilweise sogar aus Nepal und Bangladesch. Manche Frauen entschieden sich bewusst für diesen Weg, manche wurden mit falschen Versprechen gelockt. Für einige ist die Sexarbeit auch ein Nebenerwerb, von dem ihre Familien nicht immer etwas wissen.

Mädchen mit Blume. Foto: Leslie Müller

 

Die Risiken für Kinder von Sexarbeiterinnen

Die Stiftung Calcutta Project, eine Initiative von Basler Studierenden, betreibt mit ihrer Partnerorganisation S.B. Devi Charity Home seit 1991 am Rande der Altstadt von Kolkata ein kleines Ambulatorium. 1998 kamen Gesundheits-Checkups für Schulkinder sowie im nahen Rotlichtviertel Sonagachi die Gesundheitsfachstelle für Sexarbeiterinnen hinzu. Drei Jahre später ergab eine Umfrage bei 50 Sexarbeiterinnen, dass viele Kinder während der Arbeitszeiten ihrer Mütter sich selbst überlassen waren. Andere wurden von Babysittern betreut, die aber oft überlastet waren und die Kinder dementsprechend vernachlässigten. Nach der Arbeit waren die Mütter zu erschöpft, um sich um die Kinder zu kümmern. All diese Umstände bedeuteten, dass die Gesundheit der Kinder litt und dass sie stark gefährdet waren, selbst einmal den Weg ihrer Mütter einzuschlagen, nicht zuletzt weil sie auch keine Ausbildung erhielten.

Bislang existiert allgemein wenig Forschung über die Kinder von Sexarbeiterinnen und die Auswirkungen, die der Beruf der Mutter für ihr kurz- und langfristiges physisches und mentales Wohlergehen hat. Aus den wenigen Studien wird jedoch deutlich, dass die Risiken schon für die Kleinsten an vielen Orten auf der Welt hoch sind: Fehl- und Frühgeburten sowie Alkohol- und Drogenmissbrauch der Mutter betreffen die Altersgruppe der Babys und Kleinkinder besonders (Willis et a. 2016). Die Kinder haben aber auch später ein erhöhtes Risiko, Gewalt zu erfahren und sexuell missbraucht zu werden, sei es durch Kunden der Mutter oder sei es, weil Betreuungsangebote fehlen. Eine Studie in Mexiko zeigte zudem, dass sie aufgrund ihrer Familiensituation besonders gefährdet sind, früh mit Drogen oder Alkohol in Kontakt zu kommen oder psychische Probleme zu entwickeln, um nur einige der Risiken zu nennen (Servin et al. 2015). Dazu haben sie oft aufgrund von Stigma und Diskriminierung einen schlechteren Zugang zu Bildung und zum Gesundheitswesen und leiden meist zusätzlich unter prekären Wohnsituationen – Probleme, die sich natürlich nicht von der schwierigen ökonomischen Situation der Familie trennen lassen. Eine Studie aus Bangladesch fand heraus, dass manche Kinder auch verlassen oder regelrecht verkauft werden, weil ihre Mütter nicht für sie sorgen können. Das Risiko ist dementsprechend hoch, dass vor allem die Töchter selbst einmal in die Sexarbeit geraten (Willis et al. 2014).

Theaterstück im Konika-Kinderhort. Foto: Judith Heckendorn

 

Der Konika-Kinderhort

Das gemeinsame Ziel vom Calcutta Project und dem S.B. Devi Charity Home ist daher die Verbesserung der Lebensqualität der Kinder von Sexarbeiterinnen: dies soll durch die Förderung ihrer Ausbildung und durch die Verbesserung ihres Gesundheitsbewusstseins erreicht werden. So entstand die Idee von einem Hort mit Schlafstelle, wo die Kinder Hausaufgabenbetreuung erhalten und regelmässig gesundheitlich untersucht werden. Da viele der Mütter abends und nachts arbeiten, war auch ein sicherer Schlafplatz wichtig. Dazu sollten die Mütter Beratung erhalten können. Einen Aufenthaltsort mit solch umfangreicher Betreuung und der Möglichkeit zur Übernachtung gab es bisher nicht. 2002 startete der Konika Kindergarten mit einem Nachmittagsprogramm, und  nach viel Planung und zeitaufwendigen Diskussionen mit Behörden und Schulen konnte 2010 der Hort Konika Night Shelter schliesslich offiziell eröffnet werden. Die Mütter waren anfangs noch etwas skeptisch, das Vertrauen wuchs erst langsam. Heute richtet sich das Angebot an Kinder von Sexarbeiterinnen ab 5 Jahren. Im Moment besuchen etwa 15 Kinder in den Night Shelter und 30 in den Kindergarten, wobei Mädchen bevorzugt werden, da sie einem höheren Risiko ausgesetzt sind, in die Sexarbeit zu geraten. Seit dem Start leitet Ruby Basu das Konika-Projekt und wird in ihrer Arbeit von einigen Mitarbeitenden und Freiwilligen unterstützt.

Essen im Konika-Kinderhort. Foto: Laurence Lutz

 

Nach der Schule bringen die Mütter die Kinder nachmittags in den Night Shelter. Die Kinder machen ihre Hausaufgaben, essen und gehen anschliessend zu Bett. Natürlich kommen auch diverse Spiele, gelegentliche Ausflüge und Feste wie Children’s Day oder das in Kolkata wichtige Durga Puja-Fest nicht zu kurz. Dazu gibt es Zeichen- oder Tanzwettbewerbe. Regelmässig nehmen die Kinder an Workshops zu Hygiene- und Verhaltensthemen teil, etwa über das richtige Zähneputzen oder den massvollen Gebrauch von Smartphones. Da etwa drei Viertel der Mütter entweder mangelernährt sind oder Übergewicht haben, ist auch die gesunde Ernährung ein wichtiges Thema. Die Mütter bezahlen einen symbolischen Beitrag, damit ihre Kinder an sechs Tagen betreut werden. Einen Tag pro Woche verbringen Mutter und Kind(er) jeweils gemeinsam, um den Kontakt zu  pflegen. Für die Kinder ist der Kinderhort wie eine zweite Familie, wie sich Chandana ausdrückt, die gerade den Sekundarschulabschluss geschafft hat und seit mehr als acht Jahren den Hort besucht.

Die jüngeren Kinder träumen davon, später Lehrerinnen und Lehrer zu werden, andere streben den Arztberuf an. Ein Mädchen möchte Polizistin werden, da sie oft mitansehen musste, wie Polizisten ihre Mutter misshandelten und sie aktiv etwas dagegen tun möchte. Um sie aber in der Realisierung dieser Träume zu unterstützen, ist eine Betreuung über das Kindesalter hinaus nötig. So starteten wir vor kurzem ein Pilotprojekt für Jugendliche namens Mayura, das im Moment noch im Konika integriert ist. Eine solche Unterstützung ist auch darum wichtig, weil viele von der Regierung finanzierte Tagesstätten nur Kinder und Jugendliche bis 15 Jahre aufnehmen, sich aber nicht um deren spätere Entwicklung und Eingliederung ins Berufsleben kümmern (Sircar and Dutta 2011).

Mädchen bei den Hausaufgaben. Foto: Judith Heckendorn

 

Einige Male musste Monitorin Ruby bei Jugendlichen in dieser kritischen Phase auch Rückschläge erleben. Ein Mädchen verschwand von einem Tag auf den anderen und wurde in die Sexarbeit verkauft; eine Mutter wollte, dass ihre Tochter in ihre Fussstapfen tritt. Doch es gibt auch positive Beispiele. Mehrere der Jugendlichen haben vor kurzem die Sekundarschule abgeschlossen und der ehemalige Konika-Junge Niraj studiert mittlerweile Software Development, um danach für ein Software-Unternehmen zu arbeiten. Er kam als Vierjähriger in den Hort und hat schöne Erinnerungen an die Zeit. Heute unterstützt er die Kinder bei den Hausaufgaben und gibt ihnen Tanzunterricht. Das Konika-Team freut sich, dass er nicht nur gut mit den Kindern auskommt, sondern ihnen in seinem schulischen und beruflichen Werdegang auch ein Vorbild ist.

Die Herausfordungen bleiben

Kinder von Sexarbeiterinnen in Kolkata leiden unter vielfältigen Benachteiligungen, die durch Armut verstärkt werden. Das Calcutta Project und das S.B. Devi Charity Home haben dafür mit dem Konika-Kinderhort ein Unterstützungsangebot aufgebaut, das die Kinder in ihrer schulischen und persönlichen Entwicklung fördert, um ihnen einen guten Start ins Erwachsenenleben zu ermöglichen. Gleichzeitig kann der Konika Night Shelter bei einer solch grossen Zahl betroffener Kinder allein in Kolkata nur einen kleinen Beitrag leisten. Es bräuchte daher nicht nur mehr Förderangebote, sondern auch mehr Forschung zu den spezifischen Bedürfnissen dieser Kinder.

 

Literatur

 

Yvonne Siemann

Yvonne Siemann ist Mitarbeiterin im PR/Fundraising-Team der Stiftung Calcutta Project.

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