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Psychodrama-Prozesse in El Salvador

„Gewalt ist nicht natürlich!“

Von Maja Hess / medico international schweiz

Das war 1992 der Leitspruch der ersten Kampagne der salvadorianischen Frauenorganisation MAM, auch Las Melidas genannt. Damit hatte sie ein Kernthema der Frauenunterdrückung und der Geschlechterungleichheit in El Salvador getroffen: die Normalisierung und Systemimmanenz der Gewalt gegen Frauen. In ihrem Kampf für mehr Gleichheit waren die Melidas stets darauf bedacht, die politische Ebene mit psychosozialen Ansätzen zu kombinieren. Als Vorreiterinnen der Veränderung haben sie selbst einen Prozess der Bewusstmachung von Unterdrückung und Gewalterfahrungen durch die Psychodrama-Methode realisiert und konnten so ihre individuelle wie auch kollektive Widerstandskraft stärken. medico international schweiz unterstützt den Weg der Melidas seit mehr als 20 Jahren.

„Gewalt ist nicht natürlich!“

Feministischer Psychodrama-Kongress in Kuba. Foto: © medico international schweiz

 

Die ersten feministischen Frauenbewegungen in El Salvador traten 1992 mit einem grossen internationalen Treffen erstmals an eine breite Öffentlichkeit. Erst nach der Beendigung des Bürgerkrieges im gleichen Jahr konnten die ehemaligen Befreiungskämpferinnen die Gewalt gegen Frauen und die in allen politischen und sozialen Bereichen herrschende Ungleichheit zwischen den Geschlechtern auf die politische Agenda setzen. Sie selber hatten nicht nur massive Gewalt und Folter, insbesondere auch sexuelle Gewalt, von Seiten der rechtsgerichteten Regierung durch Militär und Paramilitär erlitten, sondern auch bewusst wahrgenommen, dass ihre „Compañeros“ sich ihnen gegenüber häufig unfair, machistisch oder sogar gewalttätig verhielten. Nun konnte das Schweigen über so viel Gewalt langsam gebrochen werden.  

Die erste grosse Kampagne der Frauenorganisation MAM, benannt nach der Comandante Melida Anaya Montes, welche von einem politischen Gefährten ermordet worden war, trug den Slogan: „Gewalt ist nicht natürlich!“. Mit diesem einfachen Satz fächerten die Melidas schon damals die ganze soziale und politische Problematik der Gewalt gegen Frauen auf. Denn sowohl auf politischer und juristischer Ebene wie auch im sozialen Kontext war und ist in El Salvador Gewalt gegen Frauen und Mädchen leider bis heute an der Tagesordnung. Geschlechterspezifische Gewalt wird toleriert, strafrechtlich nicht verfolgt, von der Kiche und den Sekten stillschweigend gebilligt, durch ungerechte Strukturen gefördert und durch massive ökonomische Ungleichheit zementiert. 

Feministisches Psychodrama-Treffen in El Salvador, geleitet von Ursula Hauser. Foto: © medico international schweiz

 

Und: viele Frauen und Mädchen haben Gewalt verinnerlicht. Viele glauben, dass Männer das Recht haben zuzuschlagen, zu erniedrigen und zu entwerten und mit Druck oder Gewalt sexuelle Handlungen einzufordern und zu vollziehen. Trotzdem leiden die Frauen stark an der Gewalt, schämen sich stellvertretend für die Täter und schweigen.

Die Melidas führen seit ihrer Gründung mit politischen Initiativen und legislativen Vorstössen ihren Kampf gegen die strukturelle und politische Gender-Ungleichheit. Sie wollten jedoch auch direkt an der Basis Frauen und Mädchen unterstützen, welche verschiedenen Formen von geschlechterspezifischer Gewalt ausgesetzt sind. Womit sie nicht gerechnet hatten, war, dass diese Arbeit bei ihnen selbst alte Wunden aufreissen würde. Sie wurden erneut konfrontiert mit der Gewalt, die sie selbst einst erlebt hatten. Zudem werden sie als Frauen, die sich für andere Gewaltopfer einsetzen und sich zum Beispiel für die Legalisierung der Abtreibung nach einer Vergewaltigung engagieren, immer wieder öffentlich angegriffen und von den Medien diffamiert. Und genau hier beginnt die Geschichte des Psychodramaprojektes mit den Melidas.

 

Das Psychodrama als Mittel zur sozialen und politischen Transformation

medico international schweiz konnte die renommierte linke Psychodramatikerin Ursula Hauser, die in Costa Rica lebt, dafür gewinnen, mit den Melidas mittels Psychodrama-Prozessen eine Bewusstmachung und therpeutische Verarbeitung ihrer schmerzvollen Geschichten zu wagen. Darüber hinaus sollte die von Ursula Hauser praktizierte feministische und politische Form des Psychodramas dazu dienen, die einzelnen Frauen in ihrer Identität zu stärken, aber auch das soziale und feministische Bewusstsein des Kollektivs MAM zu konsolidieren. Seit über 20 Jahren ist das Psychodrama nun ein integraler Bestandteil der politischen Strategie der Frauenorganisation MAM.

Drei Psychodramatikerinnen: vl. Karin (Psychodramatikerin CH), Delia (Koordinatorin Melidas, Psychodramatikerin El Salvador), Ursula (Psychodramatikerin Costa Rica-CH). Foto: © medico international schweiz

 

Nach dem Wahlsieg der Linken 2009 engagierten sich mehrere Melidas im Parlament und nahmen wichtige politische Posten ein. Dass Frauen wagen, in parlamentarischen Gremien und Ministerien politische Protagonistinnen zu werden, ist nicht selbstverständlich. Auch in diesem Kontext müssen sie, nebst politschen Widerständen von Seiten der Männer und der sozialen Öffentlichkeit, verinnerlichte Barrieren überwinden. Hier spielt bis heute das Psychodrama eine wichtige Rolle. Sich des verzerrten, entwerteten Selbstbildes bewusst zu werden und dieses zu Gunsten eines sich wertschätzenden, die eigenen Fähigkeiten anerkennenden „Ichs“ zu verändern, ist eine extreme Herausforderung, insbesondere im Kontext eines von Gewalt und Machismus gezeichneten armen Landes wie El Salvador. Im Psychodrama spielen die Teilnehmerinnen jeweils Schlüsselszenen eines Konfliktes nach und haben dann die Möglichkeit diesen auf der Bühne zu verändern, um eine alternative Realität auszutesten und zu erleben. Dabei lernen sie, ihre Wut zu mobilisieren und endlich das erlittene Unrecht nicht nur mit Schmerz und Trauer zu verarbeiten, sondern ihm auch mit Wut und einer gesunden Aggression zu begegnen. Dies macht aus Opfern handelnde Subjekte, welche ihre Situation und die Realität verändern können. So können die Frauen innere konstruktive Kräfte mobilisieren, sich selber stärken und auch ihre Gruppe.

 

Psychodrama erhält gesellschaftliche Anerkennung: Die Arbeitsministerin

Sandra Guevara, während der Frente-Regierung bis 2019 Arbeitsministerin in El Salvador, war zuvor mehrere Jahre Koordinatorin der feministischen Organisation MAM gewesen. Während dieser Zeit nahm auch sie gemeinsam mit den anderen Mitarbeiterinnen an der Psychodramagruppe teil. Als Arbeitsministerin war Sandra Guevara mit ihren klaren linken und feministischen sozialpolitischen Positionen den permanenten Angriffen des rechten Unternehmerverbandes und der Medien ausgesetzt. Machismus und sexistische Angriffe waren die Waffen ihrer Gegner. Sie zeigte Rückgrat, blieb ihren linken und feministischen Positionen treu und hielt den Angriffen stand. Ihre Identität als Feministin konnte nicht gebrochen werden. Diese Stärke und Klarheit bezog sie unter anderem aus der Erfahrung des Psychodramas. Das hatte ihr den Rücken gestärkt und ihr die Analyse der psychischen Verfasstheit ihrer Gegner aus einer feministischen Perspektive erleichtert. Die Erfahrungen von Sandra Guevara hatten eine grosse Wirkung sowohl innerhalb der Frauenorganisation MAM als auch auf die politisch nahestehenden Compañeras im Parlament und die breite Öffentlichkeit. Sie war und ist Vorbild: nicht eine weit von der Basis entfernte unerreichbare Ausnahmeerscheinung, sondern nahe an der Wirklichkeit vieler Frauen, erreichbar, fühlbar, sympathisch und präsent. Dies macht Transformation auf sozialer, politischer und individueller Ebene möglich.


Feministischer Psychodrama-Kongress in Kuba. Foto: © medico international schweiz

 

Veränderungen brauchen Widerstandskraft und einen langen Atem 

Die Erfahrungen in den Psychodramagruppen haben den Melidas bestätigt, dass der Kampf um Gendergerechtigkeit und die Transformation der Wirklichkeit der Frauen an der Basis, in armen Vierteln und auf dem Land, neben der wichtigen politisch-strategischen Arbeit auch einen psychosozialen Ansatz braucht. Schon seit Beginn der Quarantäne wegen Covid-19 wussten die Melidas, dass die Anspannung durch das Eingeschlossen sein in ärmlichen und beengenden Behausungen bei einer sich täglich verschlechternden ökonomischen Situation und Nahrungsmangel in verschiedene Formen von Gewalt gegen Mädchen und Frauen explodieren wird. Deshalb richteten sie eine Hotline für gewaltbetroffene Frauen und Mädchen mit juristischer und psychosozialer Beratung ein. Die Gewalt, vor allem die sexuelle Gewalt, hat im aktuellen Kontext der Pandemie tatsächlich stark zugenommen und unter Anderem zu einer massiven Erhöhung von Jugendschwangerschaften geführt. Bei einer strikten Qurantäne wie in El Salvador ist offensichtlich, dass die Mehrheit der Schwangerschaften das Resultat sexueller Gewalt innerhalb der Familie ist. Die Melidas planen sobald als möglich Gruppenaktivitäten mit denjenigen durchzuführen, welche die Hotline in Anspruch genommen haben und eine weitergehende psychologische Unterstützung und Begleitung wünschen. Das Psychodrama ist dafür die ideale Methode und mittlerweile sind verschieden Mitarbeiterinnen der Melidas in Psychodramarbeit ausgebildet. Die Supervision zur Weiterbildung und Entlastung der Gruppenleiterinnen wird weiterhin von Ursula Hauser geleistet.

Um die patriarchalen Realitäten zu verändern und einen nachhaltigen Wandel zu erreichen, braucht es Widerstandskraft und einen langen Atem. Die Veränderung muss immer wieder neu erstritten werden. Das wissen die Melidas. Das Psychodrama hat ihnen die verborgenen Wirklichkeiten der patriarchalen Unterdrückung und deren Mechanismen verdeutlicht und sie in ihrer individuellen Identität und im kollektiven und feministischen Bewusstsein gestärkt – und tut dies bis heute.

 

Maja Hess

Maja Hess, Präsidentin medico international schweiz.

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