Editorial

Keine Zeit zum Träumen

Von Thomas Schwarz

Lesezeit 2 min.

David ist krank. Er ist stark erkältet, hustet, die Nase läuft, er kann sich nicht recht wehren. Er weiss kaum, wie atmen, wie den Kopf halten. David hat Fieber, sein kleiner Kopf glüht. David ist noch klein, und jetzt schmiegt er sich an mich, hat für einen Moment die Ruhe gefunden, alles vergessen – und ich auch.

Ich weiss, um David muss ich mir keine Sorgen machen (alle Väter und alle Mütter machen sich ständig Sorgen um ihre Kinder). Doch David geht es gut, auch wenn es ihm nicht gut geht. Ich bin mit ihm bereits zweimal beim Arzt gewesen. Dieser hat ihn gründlich untersucht und festgestellt, dass "nichts auf der Lunge ist". Auch die Ohren und der Hals seien nicht entzündet. Bloss eine Erkältung, die vorbeigeht. Und der Arzt hat David drei "Globuli" gegeben, damit es ihm bald besser geht...

Ich weiss, um David muss ich mir keine Sorgen machen. Auch wenn er sich noch nicht selbst helfen kann, sind Menschen und Strukturen da, die für ihn sorgen: seine Familie, der Arzt – und hinter diesem das hochentwickelte und ausdifferenzierte Gesundheitssystem der Schweiz.

Ortswechsel: In Bangladesh sterben 12 von 100 Kindern, bevor sie 5 Jahre alt sind. Auf der ganzen Welt sind es jährlich über 12 Millionen, 70 Prozent von ihnen sterben an akuter Erkrankung der Atemwege, an Durchfall, Malaria, Masern, an Unterernährung oder an einer Kombination dieser Krankheiten. Die meisten von ihnen sterben in Ländern der Dritten Welt, in den Armen ihrer Mütter und Väter, die ihnen nicht helfen können.

In Kapstadt, N’Djamena, Karachi, Rio leben Kinder und Jugendliche auf der Strasse. Ihre gleichaltrigen Gefährt/innen sind oft ihre einzige Familie. Sie sind vielfältigen Gefahren und Gesundheitsrisiken ausgesetzt, werden von Erwachsenen ausgebeutet, misshandelt, als Ware gehandelt und als Ungeziefer eliminiert.

Die vorliegende Ausgabe des "bulletin medicus mundi" dreht sich um das Recht der Kinder – aller Kinder - auf Gesundheit. Beschrieben werden Lebenssituationen von Kindern, deren Gesundheit gefährdet ist: Azizul, ein kleiner bengalischer Knabe, stirbt nicht nur an Durchfall, sondern auch am Unwissen und an der Mittellosigkeit seiner Eltern. Ein Strassenkind aus N’Djamena nennt als "Sachen, die uns krank machen" die Moskitos, das in Abfalltonnen gefundene Essen, das Schlafen auf der blossen, schmutzigen Erde. Und die 15jährige Helena, die mit ihren Eltern auf der Müllhalde von Managua lebt und arbeitet, konstatiert realistisch: "Nicht weil meine Mutter es will, nimmt sie uns mit zur Arbeit, sondern weil wir arm sind. Wir Kinder von der Chureca haben keine Zeit zum Träumen."

Es bleibt auch keine Zeit zum Träumen, wenn es um die Verbesserung der Gesundheit der Kinder geht, um den Kampf gegen das unnötige Leiden, den unnötigen Tod derjenigen, die sich selbst nicht helfen können und denen mit wenig Aufwand geholfen werden könnte. Wir alle kennen die grossen, traurigen Kinderaugen auf den Sammelplakaten von Hilfsorganisationen. Die Autor/innen der Beiträge im der vorliegenden Ausgabe des "bulletin medicus mundi" belassen es nicht beim Schwarzweissbild und bei der Schilderung von Elend und Ungerechtigkeit: sie zeigen verschiedenste Wege und Strategien, wie den Kindern zu ihrem Recht auf Gesundheit verholfen werden kann.

*Thomas Schwarz, Geschäftsführer MMS