Editorial

Solidarität – die Rückkehr eines grundlegenden Prinzips der Entwicklungszusammenarbeit?

Von Martin Leschhorn Strebel

Ein beinahe schon altbacken daherkommender Begriff feierte am MMS Symposium in Basel eine fast schon triumphale Rückkehr. 40 Jahre nach der Deklaration von Alma-Ata ist die Solidarität wieder dort, wo sie hingehört: in der Mitte der internationalen Gesundheitszusammenarbeit.

Solidarität – die Rückkehr eines grundlegenden Prinzips der Entwicklungszusammenarbeit?

Präsentation von Thomas Schwarz am MMS Symposium 2018. Foto: Christoph Engeli / MMS

 

Begriffe – das sagt schon das Wort – helfen uns, die reale Welt wie auch die Vorstellungswelt mit unseren Werten begreifbar zu machen. Mit ihnen bekommen wir komplexe Vorkommnisse wie auch abstrakte Prinzipien unseres Handelns zu fassen. Gerade wenn sie ethische Haltungen bezeichnen, sind sie auch gesellschaftlichen Konjunkturen ausgeliefert. Was eine Zeit lang in breiten Kreisen eine Selbstverständlichkeit gewesen ist, wirkt plötzlich altbacken, um dann von neuem aufzuerstehen. Einen solchen Verlauf erleben wir gegenwärtig mit dem Begriff der Solidarität.

Solidarität bezeichnet eine ethisch-politische Verbundenheit mit Ideen, Aktivitäten und Zielen anderer (Wikipedia), aber auch eine Verbundenheit mit marginalisierten und benachteiligten Gruppen. Eine solidarische Grundhaltung war in der Schweiz – immer in verschiedenen Ausformungen – gegen innen lange Zeit eine Grundhaltung. Der Finanzausgleich, die Subventionierung der Landwirtschaft oder das Sozialsystem beruhen auf dem Solidaritätsgedanken. Und dieser war auch lange eine aussenpolitische Maxime der Schweiz und der Schweizer Entwicklungszusammenarbeit.

Präsentation von René Stäheli am MMS Symposium 2018 Foto: Christoph Engeli / MMS

 

Neoliberale Wende und national-konservativer Aufschwung

Die neoliberale Wende in den 1980er Jahren hat den Solidaritätsgedanken gegen innen und der national-konservative, isolationistische gesellschaftliche Aufschwung seit den 1990er Jahren gegen aussen immer stärker untergraben. Und so wirkte der Begriff der Solidarität in der Tat in den letzten Jahren etwas altbacken. Als modern gilt, in der Entwicklungszusammenarbeit die nationalen Eigeninteressen strategisch zu stärken. Mit Eigeninteressen, insbesondere der Verhinderung der Migration, lässt sich Entwicklungszusammenarbeit viel besser labeln als mit Solidarität. Und so wollten wir uns also schon von der Solidarität verabschieden…

Und plötzlich ist der Begriff der Solidarität wieder da: Am MMS Symposium im November 2018, von dem wir hier den Reader präsentieren, war Solidarität geradezu das Schlagwort Nummer eins. Gesundheit für alle könne nur erreicht werden, wenn wir uns von solidarischen Prinzipien leiten liessen, so der Grundtenor an der Konferenz.

Das Medicus Mundi Symposium 2018 im Pullmann Hotel Basel. Foto: Christoph Engeli / MMS 

 

Solidarität als Grundprinzip der UN Agenda 2030

Solidarität ist ein Handeln im Namen der Menschheit insgesamt und nicht auf die Interessen Einzelner oder einzelner Gruppen ausgerichtet. Sie ist der Kitt, der Menschen sowohl in lokalen, nationalen wie auch internationalen Gemeinschaften zusammenhält. Sie ist die Basis für die Überwindung von Ungerechtigkeit und der Kluft zwischen Reich und Arm. Sie treibt uns aus der Bequemlichkeit und der Sicherheit heraus, um für die Bedürftigen und Opfer von Krieg und Tyrannei einzustehen. Sie ruft die Starken auf, sich um diejenigen zu kümmern, die schwach und verletzlich sind und im Sinne der Agenda 2030 zurückgelassen werden.

„Leaving no one behind“ – dieses Grundprinzip der Agenda 2030 ist ein weiterer Hinweis, dass Solidarität in der internationalen Zusammenarbeit durchaus wieder dabei ist, sich den Weg zu bahnen. Auch in dem, in einem partizipativen Verfahren durch Medicus Mundi Schweiz 2018 entwickelten Manifest „Gesundheit für alle in einer Generation“ ist der Solidaritätsgedanke ein Schlüsselelement. So halten die MMS Mitglieder fest:

„Als Vertreterinnen und Vertreter der Schweizer Zivilgesellschaft und als Bürgerinnen und Bürger dieses Landes sind wir stolz auf die in der Schweiz gut verankerte solidarische Grundhaltung und die humanitäre Tradition. Für diese Grundhaltung und diese Werte setzen wir uns ein, im Wissen, dass nur eine solidarische Schweiz auch ihrer globalen Verantwortung nachkommt.“



Ethisch-politische Praxis

Solidarität als Grundhaltung und Wert. Dahinter lässt es sich gut verstecken, wenn daraus nicht eine Handlungspraxis abgeleitet wird. Genau diesen Weg versucht das Manifest auch zu gehen, indem es postuliert, dass die benachteiligten Bevölkerungen kompromisslos ins Zentrum der internationalen Zusammenarbeit gestellt werden müssen. Und daraus folgern die MMS Mitgliedsorganisationen: „In erster Linie Rechenschaft schuldig sind wir den Bevölkerungen, für welche wir uns engagieren.“

 

Das Medicus Mundi Symposium 2018 im Pullmann Hotel Basel. Foto: Christoph Engeli / MMS

 

Den Solidaritätsgedanken zur ethisch-politischen Praxis der internationalen Gesundheitszusammenarbeit zu machen, ist mit zwei Dimensionen verbunden. Erstens muss das Hilfe-Paradigma endgültig überwunden werden. Solidarisches Handeln bedeutet eben nicht, dass wir irgendwohin Hilfe schicken, sondern es geht darum, diejenigen Faktoren anzuerkennen und zu verändern, welche dazu führen, dass Menschen aufgrund der Bedingungen krank werden, in welchen sie leben. Das Manifest fasst dies unter folgendem Titel zusammen: „Es geht nicht um Hilfe, es geht um Gerechtigkeit.“

Und der gleiche Befund führt zur zweiten Dimension einer ethisch-politischen Praxis der internationalen Zusammenarbeit: Solidarisch mit den weltweit benachteiligten Menschen zu sein und die krankmachenden Bedingungen zu bekämpfen, bedeutet auch, in der Schweiz für das Recht auf Gesundheit für alle einzustehen.

 

Martin Leschhorn Strebel

Martin Leschhorn Strebel ist Geschäftsführer des Netzwerks Medicus Mundi Schweiz und Koordinator der Arbeitsgruppe zu „Effective Health Cooperation“ des internationalen Netzwerks Medicus Mundi International.

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