Es ist die Ungleichheit

35 Jugendliche und eine vom Bundesamt für Gesundheit publizierte Broschüre regen zum Nachdenken über die Gesundheitsfolgen von Ungleichheit an.

Es war der Lehrer, der mich darauf aufmerksam machte: „Ist Ihnen auch aufgefallen, dass bei den 35 Jugendlichen auf der Linie keiner übergewichtig ist?“ An einem Workshop zu den UN-Nachhaltigkeitszielen diesen Januar haben wir einen sogenannten Power Walk durchgeführt, bei dem sich alle beteiligten GymnasiastInnen zu Beginn auf einer Linie aufstellen mussten. Tatsächlich, der Lehrer hatte Recht – gemäss den statistischen Erwartungen hätten rund 20%, das heisst sieben Jugendliche übergewichtig sein müssen. Keiner und keine war es.

Soziale Determinanten

Der Lehrer zog diesen Befund als Bestätigung für die von mir im Workshop dargelegte These heran, dass es weniger die Armut sondern die Ungleichheit ist, die krank mache. Diese nicht gerade neue Einsicht beruht im Wesentlichen auf den Ergebnissen der WHO Kommission über die sozialen Determinanten der Gesundheit. Zugespitzt hat sie deren Präsident, Michael Marmot, als er bei weiteren Untersuchungen in Grossbritannien feststellen musste, dass die Lebenserwartung selbst in der gleichen Stadt massiv unterschiedlich ist, je nachdem wie wohlhabend ein Quartier ist.

Ich bin immer davon ausgegangen, dass sich in der Schweiz wohl ähnliche Befunde machen liessen, wenn auch nicht in dem Ausmass wie sie Marmot für Grossbritannien festgehalten hat. Die Basler GymnasiastInnen haben mir dies nun vor Augen geführt.

Gesundheit und politisches Handeln

Dies wäre nun eigentlich eine anekdotische Geschichte gewesen, von der ich eigentlich meine Leserinnen und Leser in der Regel zu bewahren suche. Nun hat das Bundesamt für Gesundheit aber eben eine Broschüre mit dem Titel „Chancengleichheit und Gesundheit. Zahlen und Fakten für die Schweiz“ veröffentlicht. Und aufgrund unterschiedlicher Gesundheitsbereiche bestätigt sich der anekdotischen Befund: Der sozioökonomische Status beeinflusst die Gesundheit auch in der Schweiz.

Beruhigend dabei ist, dass diese Unterschiede in der Schweiz weniger ausgeprägt sind als in anderen Ländern und in unserem Arbeitsfeld, der internationalen Zusammenarbeit. Da die soziale Ungleichheit in der Schweiz aber auch im internationalen Vergleich noch weniger stark ist, erstaunt dies wenig und bestätigt die These, dass es die Ungleichheit ist, die krank macht. Und dass diese nicht schicksalsgegeben, sondern eine Frage des politischen Willens ist.

Martin Leschhorn Strebel
Netzwerk Medicus Mundi Schweiz

Newsletter abonnieren
Anmelden


Passwort vergessen?
Neuer Benutzer?