Ich gestehe: Ich bin Geisteswissenschaftler

Aussenminister Ignazio Cassis hat die Debatte um die künftige entwicklungspolitische Strategie der Schweiz lanciert. Diese solle mehr auf die Eigeninteressen der Schweiz abgestimmt sein, die Migration bekämpfen und der Schweizer Wirtschaft nützen. Seitens verschiedener ParlamentarierInnen wurde die Debatte aufgenommen und die DEZA gleich mit aufs Korn genommen. Eine notwendige Glosse.

Schweizer ParlamentarierInnen haben sich kürzlich in der Neuen Zürcher Zeitung zur Schweizer Entwicklungszusammenarbeit (https://goo.gl/dKakyB) geäussert. Deutlich wurde dabei ein stetiges Misstrauen gegenüber dem zuständigen Amt, der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (DEZA). Den ParlamentarierInnen ist vor allem etwas aufgefallen, dass ich in meiner Betriebsblindheit natürlich übersehen habe und das mich tatsächlich schockiert hat: In der DEZA arbeiten zu viele Geistes- und Sozialwissenschaftler.

Abwegiges gesellschaftswissenschaftliches Wissen

Obwohl ich zwar nicht in der DEZA arbeite, aber immerhin auch im entwicklungspolitischen Kontext, wirft dies natürlich auch ein schlechtes Licht auf mich: Denn ich bin – und dies sei nun hier gestanden – Historiker. Noch schlimmer, ich habe im Nebenfach Kunstgeschichte studiert, was eigentlich Kunstwissenschaften genannt wurde, aber wirklich: Was hat Kunst mit Wissenschaft zu tun? Natürlich ist es total abwegig, dass das Wissen darum, wie sich Macht über Bilder konstituiert, legitimiert und soziale Ungleichheit festschreibt, nur irgendwas mit Entwicklungszusammenarbeit zu tun haben könnte.

Und echt jetzt: Wir Geistes- und Sozialwissenschaftler lernen zwar, wie Gesellschaft in verschiedenen Kontexten funktioniert, welche Bedeutung Kultur etwa in wirtschaftlichen Entwicklungsprozessen hat, doch sollten wir lieber richtige „Manager“ ranlassen, wie dies die ParlamentarierInnen erkannt haben. Schliesslich interessieren nicht die semiotische Dimension von Gesellschaft (meine Lieblingsdefinition von Kultur), und auch nicht politische Prozesse, die strukturelle Ungleichheiten im globalen Rahmen hervorbringen und dazu führen, dass Menschen krank werden.

Geisteswissenschaftler nerven einfach

Sind wir doch mal ehrlich: Wir Geistes- und Sozialwissenschaftler nerven auch die ganze Zeit. So etwa, wenn wir die Asylstatistik für Juli 2018 lesen und feststellen, dass die meisten Asylgesuche von Flüchtlingen aus Eritrea, Syrien, der Türkei, Afghanistan und Irak stammen und dann darauf hinweisen, dass dies vielleicht nicht wirklich mit der scheiternden Entwicklungszusammenarbeit zu tun haben könnte. Und nerviger Weise behaupten dann noch einige von uns, dass die Lockerung der Waffenexporte vielleicht nicht die aller beste Idee ist, um Migration zu verhindern. All dies zeigt ja gerade das mangelnde Wirtschaftsverständnis von uns.

Mehr Managementkompetenz

Nein, es braucht in der Entwicklungszusammenarbeit und in der DEZA richtige Männer – sorry, blödes Genderzeugs, ich meine Manager, die von Wirtschaft auch etwas verstehen: Sagen wir mal einen Pierin Vincenz (ehem. Raiffeisen), der weiss, wie man innerhalb einer Institution so zu strahlen vermag wie ein afrikanischer Despot, so dass niemand merkt, wie diese Institution den Bach runter zu gehen droht.

Oder weshalb nicht gleich ein richtiger Wirtschaftsmanager für die DEZA. Ich denke da an jemanden vom Schlage eines Marcel Ospel. Der hat ja schliesslich gezeigt, wie man mal ganz locker Volkswirtschaften möglichst nahe an den Abgrund fahren lässt. Mit diesem Wissen und Netzwerk könnte eine stärkere Einbindung der Wirtschaft in die Entwicklungszusammenarbeit geschafft werden, um den Planeten nun endlich zu retten, die Migration endlich zu stoppen und den Weltmarkt für Schweizer Firmen, inklusive der Waffenindustrie zum Wohle aller endlich zu öffnen.

Martin Leschhorn Strebel
Netzwerk Medicus Mundi Schweiz

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