Corona: Gibt es Hoffnung nach dem Leiden?

Eine Analyse der wahren grossen Fragen

Covid-19 deckt den unzureichenden Fortschritt der Agenda 2030 auf. Die Ungerechtigkeit nimmt zu und eine Rückkehr zur «Normalität» nach der Pandemie ist nicht wünschenswert. Die alte Normalität ist nicht was wir wollen. Sie lässt zu viele Menschen im Regen stehen, mit unfairen Chancen auf ein erfülltes Leben, was letztlich das Wohlergehen und die Gesundheit aller gefährdet. Auch wenn die Pandemie vielleicht nicht wirkungsvoll genug ist, um eine Revolution herbei zu führen, so hofft Bart Vander Plaetse, Leiter Programmbereich bei FAIRMED, dass sie den Ambitionen für die Agenda 2030 tiefgreifende Impulse geben wird.

Corona: Gibt es Hoffnung nach dem Leiden?

Der Gesundheitsbeauftragte der Gemeinde (links) unterstützt den Gesundheitsarbeiter bei der Kontaktverfolgung bei Hausbesuchen. Foto: © FAIRMED

Dieser Artikel steht auch in englischer Version zur Verfügung.


Eine Welt, die sich in Richtung Nachhaltigkeit bewegt und niemanden zurücklässt?

Im Jahr 2015, kurz vor der Annahme der Agenda 2030 mit ihren 17 Zielen für nachhaltige Entwicklung (Sustainable Development Goals, SDGs), äusserte Frances Stewart ein zentrales Anliegen: «Die wirtschaftlichen Ziele sowie diejenigen für die Nachhaltigkeit sind nicht deckungsgleich, sondern ziemlich unterschiedlich. Ich befürchte das bedeutet, dass das Wirtschaftswachstum weiterhin Vorrang hat, was sich extrem negativ auf die Nachhaltigkeit auswirken wird.» (Frances Stewart. 2015)

Die zentrale Prämisse der SDGs, niemanden zurückzulassen – oder ihre radikalere Form «zuerst denjenigen helfen, die am weitesten zurückliegen» –, ist ein sehr edles, altruistisches und ambitioniertes Ziel. Im Bereich der Gesundheit bedeutet dies eine grundlegende Veränderung: Das alte Ziel «Gesundheit für alle» (was eigentlich «Gesundheit für die meisten» bedeutete) wird durch das Ziel ersetzt, zu gewährleisten, dass die zurückgelassenen Menschen dieselben Möglichkeiten erhalten; im breiteren Rahmen der universellen Gesundheitsversorgung (Universal Health Coverage, UHC).

Irgendwie wussten wir bereits, dass die Welt sich noch nicht schnell genug in Richtung UHC bewegt, dass zu viele Menschen durch katastrophale Gesundheitsausgaben in die Armut gedrängt werden. Wir wussten, dass anhaltende Ungerechtigkeiten die Verbesserung der Lebensbedingungen vernachlässigter Menschen weiterhin behindern. Aber dieses Wissen blieb wohl in Expert*innen- und Interessensgruppen verborgen und die Bevölkerung hatte sich diese Botschaft des «Gewissens der Welt» noch nicht zu eigen gemacht.

Mali. Foto: World Bank Photo Collection/flickr, CC BY-NC-ND 2.0

 

Und genau dann taucht in Wuhan ein «simples» Virus auf, das sich als eindrucksvoller Stresstest herausstellt – und zwar nicht nur für die Gesundheitssysteme. In Windeseile reist es um die Welt und stellt einiges klar:

  1. Für diese Art von Pandemie ist man nur so stark, wie das schwächste Glied der Kette: Bewegt sich das Virus frei in einem Land, hat das Auswirkungen auf alle anderen.
  2. Nur sehr wenige nationale Gesundheitssysteme können der Epidemie angemessen die Stirn bieten. Material-, Ausrüstungs-, Betten- und Personalmangel werden schmerzhaft sichtbar. Was in vielen weniger entwickelten Ländern zum Alltag gehört, ist für Länder, die Überfluss und Wahlfreiheit gewöhnt sind, eine grässliche Konfrontation: Die Selektierung kritisch kranker Patient*innen – wer erhält die lebensrettende Ausrüstung, wer nicht? Länder, die im Global Health Security Index 2019 als «am besten vorbereitet» eingestuft wurden, wie die USA und Grossbritannien zum Beispiel, stolpern mit späten Halbreaktionen durch die Krise und sind alles andere als vorbereitet.
  3. Wissenschaftler*innen und Expert*innen leben in einer fernen Welt voller Akronyme und abgehobener, manchmal gar inkohärenter Aussagen, die die Leute in die Arme von Quacksalbern und gefährlichen Donalds treibt.
  4. Die Schweiz besitzt ein umfassendes Angebot an kurzhaarigen effizienten Führungskräften mit bewundernswerten Kommunikationsstilen – so schnell wie möglich, aber so langsam wie nötig.
  5. Die meisten Länder sind dazu bereit, die Wirtschaft in eine Rezession zu stürzen. Über Nacht werden wie zu Kriegszeiten enorme Budgets mobilisiert, um Menschen mit Massnahmen zu unterstützen, die dem bedingungslosen Grundeinkommen ähnlich sind, aber hauptsächlich kommen die Finanzspritzen grossen Unternehmen zugute, die vor dem Bankrott stehen. Dieselben Unternehmen, die im letzten Jahr noch Millionen an ihre Aktionäre ausbezahlt haben, sind plötzlich auf das Geld der Steuerzahler angewiesen, um zu überleben.
  6. Das Leiden im Lockdown ist je nach Perspektive sehr unterschiedlich. Die zurückgelassenen Menschen leiden unverhältnismässig stark. Ein auffallendes Beispiel sind die 460 Millionen Wanderarbeiter*innen in Indien, die nicht mehr erwünscht und gezwungen sind, in ihre Dörfer zurückzukehren. Sie gehen hunderte Kilometer, manche sterben unterwegs, die meisten haben Angst zu verhungern. Einer sagte: «Als (Präsident) Modiji sich entschied, dies zu tun, erzählte ihm vielleicht niemand von uns. Vielleicht weiss er nichts von uns.» (Financial Times, 3 April 2020)
  7. Die Infektions- und Sterblichkeitsraten sind in ärmeren Gegenden höher, teilweise bedingt durch den schlechteren Gesundheitszustand der Bevölkerung. Darüber hinaus verschlimmert Covid-19 die bestehende Ungleichheit, weil ein Grossteil der Belastung auf die Verlierer*innen der heutigen polarisierten Volkswirtschaften und Arbeitsmärkte abgeschoben werden. (The New York Times, 27 April 2020)
  8. Der Krieg gegen Corona braucht «Kanonenfutter» – genau wie ein echter Krieg. Unzählige medizinische Mitarbeitende sind infiziert, viele sterben. Andere werden mundtot gemacht (China), begehen Selbstmord (Grossbritannien) oder «fallen aus dem Fenster» nachdem sie den Mangel an Ausrüstung kritisiert hatten (Russland). Flüchtlinge an europäischen Grenzen werden noch mehr vernachlässigt und ihre prekäre Lage erhält sehr wenig Aufmerksamkeit. Ein Fleischengpass in den USA, der durch die hohe Corona-Infektionsrate bei den Arbeitskräften verursacht wurde, wurde wie zu Kriegszeiten mit einem Defense Production Act «gelöst». Dieses Gesetz befreit die Arbeitgeber*innen von ihren Verpflichtungen, falls weitere ihrer Angestellten sich mit dem Coronavirus infizieren und zwingt die Angestellten die Arbeit wieder aufzunehmen, wodurch sie im Prinzip wie «moderne Sklaven» behandelt werden. (The Guardian, 2 May 2020)
  9. Plötzlich ist jeder/jede Epidemiolog*in und Expert*in für Gesundheitssysteme, Epidemiebereitschaft, Kontaktverfolgung und R0-Analysen. Plötzlich verstehen wir alle, was Stigma ist, wenn wir in Gegenwart anderer den Drang unterdrücken, unsere Atemwege durch kräftiges Husten zu befreien.

 

Menschen verlassen Antananarivo (Madagascar) während der COVID-19 Pandemie. Foto: World Bank Photo Collection/flickr, CC BY-NC-ND 2.0

 

Zerbrochene Träume und die schlechte alte «Normalität»

Ein kleines, verachtenswertes Virus hat es geschafft, schmerzhaft sichtbar zu machen, was den Expertengruppen in unterschiedlichem Ausmass bereits bekannt war: Herausforderungen und Unzulänglichkeiten unserer Gesundheits- und Sozialsysteme sind real, vor allem für die zurückgelassenen Menschen.

Die ökologische Nachhaltigkeit und Existenzgrundlagen werden bedroht durch die zunehmende Ungerechtigkeit in einer vom Wirtschaftswachstum versklavten Welt.

Der reiche Teil der Welt kümmert sich nicht um Armut, es sei denn, diese schadet seiner Gesundheit und Wirtschaft. Dann ist es plötzlich möglich, substantielle Ressourcen zu mobilisieren. Entscheidungsträger*innen sind gefangen und verstrickt in Modellen, die die Ungerechtigkeit aufrecht erhalten. Die ökologische Nachhaltigkeit und Existenzgrundlagen werden bedroht durch die zunehmende Ungerechtigkeit in einer vom Wirtschaftswachstum versklavten Welt.

Covid-19 weckt in Menschen Empathie und Mitgefühl. Angesichts ihrer eigenen unzureichenden Widerstandsfähigkeit und der plötzlich wieder entdeckten Zerbrechlichkeit und Ungewissheit entschieden sich viele Menschen, ihren Teil beizutragen – zumindest mit dem symbolischen Klatschen am Abend, um den Held*innen des Gesundheitswesens und anderer wichtiger Dienste zu danken und zu gedenken.

Doch jenseits der unmittelbaren Krisenreaktion, des Lockdowns, der wirtschaftlichen «Überlebenskriegskassen» und der zarten, mitfühlenden Kontaktaufnahme zu anderen Menschen beginnen die Menschen, die grossen Fragen zu stellen. Man sieht, wie schlecht die vor-Corona-Normalität unsere Gesellschaft auf ein einfaches Virus vorbereitet hat und die Opposition gegen die einfache Rückkehr zur Normalität wächst. DIESE ist nicht mehr akzeptabel. NICHT. MEHR.

Wir müssen uns weigern, zur schlechten alten Normalität zurückzukehren und uns vielmehr von der geistigen Sklaverei emanzipieren. Warum beunruhigt es uns nicht stärker, dass jedes Jahr Millionen Menschen aufgrund der Verschmutzung sterben, einer Umweltkatastrophe, die die Erde schon bald in eine nachhaltige Nicht-Nachhaltigkeit treibt? Warum akzeptieren wir, dass die Ärmsten an behandelbaren Krankheiten sterben und zwar viel zahlreicher als die Opfer, die Corona fordert?

Warum akzeptieren wir, dass die Ärmsten an behandelbaren Krankheiten sterben und zwar viel zahlreicher als die Opfer, die Corona fordert?

Warum gäbe es genug Munition, Panzer und Kampfjets, wenn dies ein echter Krieg wäre? Ist es nicht offensichtlich, dass Ungerechtigkeit die eigentliche Krankheit ist, die durch die Versklavung durch das BIP-Wachstum entsteht? Dass diese Ungerechtigkeit die Hauptursache für Verletzlichkeit und Fragilität von Gesellschaften ist? Dass die Bekämpfung von Ungerechtigkeit über das moralisch richtige Handeln hinaus unerlässlich ist, um die Menschheit zu retten? Dass, solange die Ärmsten keinen Zugang zu Gesundheits- und Sozialdienstleistungen haben, niemand vor biologischen Gefahren wie Corona sicher sein wird?

"Es gibt ein Leben nach Ebola" - John Sesay. Foto: DFID - UK Department for International Development/flickr, CC BY 2.0


Raus aus dem Corona-Tunnel

Diese grossen Fragen zu stellen, hat noch nicht zu einem klaren Weg zur neuen Normalität geführt. Vielleicht ist die Corona-Krise nicht gross und chaotisch genug, um eine echte Revolution anzustossen. Denken Sie daran, dass die schwarze Pest 20 % der Weltbevölkerung auslöschte, zur Destabilisierung des Feudalismus führte und die Bewegung zur Renaissance einleitete. Der Zweite Weltkrieg tötete etwa 4 % der Weltbevölkerung und veränderte schliesslich die politische Ausrichtung und die soziale Struktur auf der ganzen Welt, was zur Gründung der Vereinten Nationen führte. Die westafrikanische Ebolafieber-Epidemie tötete 0,05 % der Bevölkerung von Guinea, Sierra Leone und Liberia. Praktischerweise blieb sie dem westlichen Bewusstsein fern, bis der erste Fall US-Boden erreichte. Eine der daraus resultierenden Lektionen war, dass man eine Epidemie nie einfach nur unter Kontrolle bringt, sondern dass man daraus lernt und sich für die nächste vorbereitet. Vielleicht dient Corona (forderte bisher 0,003 % der Weltbevölkerung) nur als letzter Weckruf für die Pandemiebereitschaft, bevor der grosse Bruder von SARS-CoV-2 zuschlagen wird.

Während ich dies schreibe, herrscht viel Euphorie wegen der von der EU-geführten Spendensammlung von 7,4 Milliarden Euro für die schnelle Entwicklung eines Impfstoffs. Norwegen führt das Feld mit einer Zusicherung von einer Milliarde Euro an. Seine Premierministerin sagt: «Um uns zu schützen, müssen wir uns in der Tat gegenseitig schützen.» Und sie hat recht. Wir sollten viel höhere Ziele anstreben als das Entwickeln eines Impfstoffs in Rekordzeit. Wenn wir darüber nachdenken wollen, wie wir die Lieferung des Impfstoffs in alle Ecken der Welt, zu allen 7 Milliarden Menschen und zuerst zu denjenigen, die am weitesten zurückgelassen wurden, sicherstellen, müssen wir den Corona-Tunnel verlassen und das grosse Ganze betrachten. Wir brauchen starke Gesundheitssysteme, die – im Gegensatz zu systemschädigenden Einzelkrankheits-Kampagnen wie die Ausrottung von Polio – eine universelle Abdeckung bieten.

Wir brauchen starke Gesundheitssysteme, die – im Gegensatz zu systemschädigenden Einzelkrankheits-Kampagnen wie die Ausrottung von Polio – eine universelle Abdeckung bieten.

Die Zeit ist gekommen, die planetare Gesundheit ernst zu nehmen: Jeder sollte sein Recht auf gute Gesundheit und Lebensqualität innerhalb relevanter ökologischer Restriktionen ausüben, damit auch unser Planet bei guter Gesundheit bleibt. Möge uns Corona für den Weg zur sozialen Gerechtigkeit mit Beharrlichkeit, der unabdingbaren Voraussetzung für die planetare Gesundheit, ausrüsten. Möge diese Beharrlichkeit dem Einzelnen und der ganzen Gesellschaft einen gerechteren Charakter verleihen, so dass wir wirklich niemanden zurücklassen und uns allen gegenseitig Hoffnung geben.

 

Referenzen:

 

Bart Vander Plaetse

Bart Vander Plaetse ist Mediziner, spezialisiert auf Tropenmedizin und öffentliche Gesundheit und Leiter der Programmabteilung von FAIRMED.

Anmelden


Passwort vergessen?
Neuer Benutzer?